Mario Venzago: «Berner Publikum wird sich umgewöhnen müssen»

Mario Venzago wird Nachfolger von Andrey Boreyko als Chefdirigent des Berner Symphonieorchesters. Er will das Orchester neu positionieren, plädiert für den Stagione-Betrieb am Stadttheater und hält nichts von externen Arbeitskommissionen.

«Beim Berner Symphonieorchester Stellen streichen zu wollen, ist eine unmoralische Diskussion»: sagt Mario Venzago, der neue Chefdirigent des BSO. (Adrian Moser)

«Beim Berner Symphonieorchester Stellen streichen zu wollen, ist eine unmoralische Diskussion»: sagt Mario Venzago, der neue Chefdirigent des BSO. (Adrian Moser)

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Bern war für Sie bisher eine Station auf der Durchreise. Nun wirds mehr.

Ich freue mich darauf, hier anzukommen.

Als Chefdirigent des BSO werden Sie hier wohnen?

Ja, ich habe bereits eine tolle Wohnung gefunden. Aber ich werde immer noch viel unterwegs sein. Es ist wichtig, zu gastieren, sich andernorts «auszusetzen». Auswärtige Erfolge erhöhen den Marktwert. Das ist in der Musik gleich wie im Sport. Ich habe Glück, ich brauche wenig Schlaf. Vier Stunden. Früher waren es noch weniger.

Das kann sich rächen.

Möglich, dass ich fünfzig Jahre weniger lang lebe. Aber ich bin ja schon uralt. Geboren am 1. Juli 1948 im Sternzeichen des Krebses. Sie wissen, was das heisst: Heute unterschreibe ich, morgen ziehe ich mich zurück.

Das war hoffentlich ein Witz.

Ja.

Was interessiert Sie an Bern, wo Ihnen die Welt offensteht?

Um das zu verstehen, ist ein wenig Vorgeschichte nötig: Ich habe acht Jahre im amerikanischen Indianapolis ein Sinfonieorchester geleitet. Eines der 18 Vollprofiorchester Amerikas. Ein irrsinnig schöner Klangkörper, ich habe ihn geliebt. Wir waren gerade daran, die Liga zu wechseln und uns auf dem internationalen Parkett zu etablieren. Dann kam die Finanzkrise, und alles brach zusammen. Das tat weh. Ich entschied mich, nach Europa zurückzukommen, erhielt wunderbare Gastverpflichtungen. Doch es fehlte mir etwas, die Konstanz, die Aufgabe, langfristig etwas aufzubauen, mit langem Atem etwas leidenschaftlich zu vertreten.

Deshalb die Bewerbung beim BSO?

Mein Freund Heinz Holliger hat mich auf die Ausschreibung aufmerksam gemacht. Im Januar gabs mit dem Berner Symphonieorchester ein erstes gegenseitiges Beschnuppern.

Wie war Ihr Eindruck?

Fantastisch. Das BSO ist ein Klangkörper mit grossem Potenzial. Welches Schweizer Sinfonieorchester derzeit hat das schon? Die Musiker dürsten nach Aufbruch und Veränderung. Aber es hat zu wenig Selbstvertrauen. Auch zu wenig Eigenes. Daran werden wir arbeiten.

Das heisst, der Funke ist bei der ersten Begegnung gesprungen?

Ja. Und es werden noch mehr Funken springen müssen. Seit meiner Zusage haben wir diverse Projekte angedacht.

Zum Beispiel?

Das Wichtigste: Wir werden um mehr Effizienz ringen. Das heisst weniger Proben, mehr spielen. Sitzungen müssen kürzer werden. Das kann man trainieren. Und es muss mehr Flexibilität geschaffen werden zwischen BSO und Stadttheater. Der strukturelle Raster ist zu eng, deshalb gibt es Engpässe in Disposition und Budget. Das können wir uns nicht mehr leisten.

Sie sprechen die Spannungen zwischen BSO und Stadttheater an?

Spannungen? Ich sehe das nicht negativ, sondern als Chance.

Inwiefern?

Man hat gesehen, dass etwas nicht funktioniert. O.k., das sind Facts. Ich behaupte: Es wird auch nicht funktionieren, wenn eine auswärtige Kommission neue Strukturen schafft. Fusion ist in erster Linie ein mentaler Prozess. Der Wandel muss von innen kommen, durch Projekte, die begeistern. Durch Menschen, die zusammenarbeiten. Dann entstehen die neuen Strukturen von selbst. Mein Credo für Bern heisst: Fakten schaffen!

Sie halten nichts von der Kommission, die an der Fusion arbeitet?

Ich werde mich mit einer Hellebarde gegen solch eine Kommission stellen. Mich reut das Geld, das man hier verschleudert. Damit hätte man eine Produktion machen können. Es sind genug gute Leute da, die das Problem lösen.

Ein konkreter Vorschlag?

Ich plädiere für einen Stagione-Betrieb. Das ist kostengünstiger, bietet mehr Flexibilität, und es ist einfacher, die Qualität des Orchesters und des Ensembles zu steigern, wenn man in kurzer Zeit öfter spielt. Das Berner Publikum wird sich da – bei allem Respekt für die hiesigen Traditionen – umgewöhnen müssen.

Es gibt Vorschläge, das Orchester zu verkleinern. Wie stehen Sie dazu?

Man kann das Rad nicht neu erfinden. Die Grösse eines Sinfonieorchesters ist ein internationaler Erfahrungswert. Das Repertoire, die Werke bestimmen die Orchesterstärke. Deshalb gibt es Normen: A-, B- und C-Orchester. Und nur in diesen Normgrössen ist ein sinnvoller Theater- und Konzertbetrieb möglich. Bern ist ein grosses A-Orchester. Kappt man Stellen, ist es genau so absurd, wie wenn man aus Spargründen nur mit 10 Spielern aufs Fussballfeld geht oder die zwei obersten, wenig benutzten Tasten eines Steinways entfernt. Der ganze Flügel wird dadurch wertlos. Es ist eine unmoralische Diskussion.

Repertoiremässig war unter Ihren Vorgängern die russische Tradition ausgeprägt.

Das wird sich ändern. Das BSO soll ein Orchester mit einem schlanken französischen «historisch informierten» Klang werden. Das ist zeitgemäss, das ist meine Vision. Im Repertoire werden wir Ravel, Debussy, Dukas, Franck haben. Aber als Basis immer auch Haydn, Mozart, Beethoven. Und natürlich «meine» deutsche Romantik: Bruckner und Schumann. Allerdings müssen wir alle geduldig sein. Nächste Saison bin ich ja vorerst nur drei Wochen am Pult. In unserer Branche wird halt weit voraus geplant.

Und Neue Musik?

Auf jeden Fall. Aber auch in anderen Gefässen. Wenn wir nicht immer weiter forschen und unseren musikalischen Geist mit immer wieder Neuem konfrontieren, dann reproduzieren wir bloss und erstarren. Es ist wichtig, verschiedene Attraktionen zu bieten. Experimente zu wagen. Ich kann mir vorstellen, dass das BSO an einem YB-Match die Fanfaren spielt und im Münster ein Nachtkonzert bestreitet. Im eigentlichen Konzertsaal bin ich radikal konservativer. Da mag ich keine Kompromisse und stehe in einer Tradition. Da zählt nur die Musik. Da will ich ein Wir-Gefühl, höchste Qualität. Es ist wichtig, dass ein Sinfonieorchester weiss, wo es sich wie verhält.

Können Sie sich vorstellen, als Chefdirigent des BSO auch Opern am Stadttheater zu dirigieren?

Sicher. Mit einer Produktion im Jahr rechne ich sogar. Eine Oper von Gluck oder Schubert, etwas Rares, das wäre wunderbar. Aber ich möchte niemals ein Konkurrent des Chefdirigenten am Stadttheater sein oder gar verantwortlich für beide Häuser. Das habe ich zum letzten Mal in Graz gemacht. Nie mehr! Das war ein mörderischer 24-Stunden-Job.

Und wie lange gedenken Sie in Bern zu bleiben?

Das weiss man nie. Ich will keinen 5-Jahres-Vertrag wie mein Vorgänger. Wenn es funktioniert, gut. Lange! Wenn nicht, dann müssen wir wieder verhandeln. Bern ist speziell. Ob ich wirklich passe, werden wir alle bald merken. Ich würde niemals an einem Sessel kleben. Fragen Sie mich wieder in zwei, drei Jahren. (Der Bund)

Erstellt: 10.05.2010, 11:06 Uhr

Zur Person

Mario Venzago wurde 1948 als Sohn einer jüdischen Mutter und eines italienischen Vaters in Zürich geboren. Er studierte in Wien und war Konzertpianist beim Rundfunk der italienischen Schweiz, später Chefdirigent der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, der Grazer Oper, des Sinfonieorchesters Basel, des Baskischen Nationalorchesters San Sebastian und des Schwedischen Nationalorchesters in Göteborg sowie Musikdirektor des Indianapolis Symphony Orchestra.

Er hat u. a. die Berliner Philharmoniker dirigiert und gastiert regelmässig bei den Salzburger Festspielen und beim Lucerne Festival. Mehrere seiner CDs wurden preisgekrönt. Sein Bruder, der Filmemacher Alberto Venzago, hat ihn im Kinofilm «Mein Bruder, der Dirigent» porträtiert. Zurzeit arbeitet er an einer Gesamtaufnahme der Bruckner-Sinfonien. Venzago ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. (mks)

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