Lars Lunde ist wieder zu Hause

Lars Lunde schoss YB 1986 zum letzten Meistertitel. Nach einem schweren Verkehrsunfall wurde er Lagerungspfleger. Am Sonntag will er mit YB den nächsten Titel feiern.

Zurück an alter, neuer Wirkungsstätte: Lars Lunde vor der Anzeigetafel des Wankdorfs, welche nun den Platz vor dem Stade de Suisse schmückt. (Adrian Moser)

Zurück an alter, neuer Wirkungsstätte: Lars Lunde vor der Anzeigetafel des Wankdorfs, welche nun den Platz vor dem Stade de Suisse schmückt. (Adrian Moser)

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Am 19. November 1984 kam Lars Lunde aus Dänemark angefahren, fuhr am Grauholz vorbei und sah aus dem Fenster seines Ford Escort heraus auf die Dächer Berns. «Das ist meine Stadt», dachte er sogleich. So zumindest erinnert er sich bei einem Gespräch im Wankdorf. Hier lief er bald darauf erstmals auf und erzielte gegen Lausanne-Sport gleich zwei Tore. Knapp zwei Jahre später wurde YB zum bisher letzten Mal Schweizer Meister. Unter der Regie des Schweden Robert Prytz spielte die Mannschaft eine beinahe perfekte Rückrunde, Lunde war einer der Stars und wurde zudem Torschützenkönig. Steen Thychosen von Lausanne hatte wie Lunde 21 Tore erzielt, den goldenen Schuh jedoch habe er erhalten. Warum? «Ich war schöner», sagt Lunde trocken. Da ist er, der Schalk, der ihm in Bern zu Kultstatus verholfen hat. Denn Lunde machte sich nicht nur als wendiger Dribbler und kaltblütiger Vollstrecker einen Namen, sondern auch als vorlauter, eigenwilliger Bursche. Eine Diva sei er nie gewesen, stellt der Däne klar, «eher ein kleines Kind. Ich habe mir einfach erlaubt, zu sagen, was ich denke. Und ja, ich habe auch Müll rausgelassen.» Der damals 22-Jährige lebte in der Bundesstadt das unbeschwerte Leben eines Fussballdarlings. «Die Rathausgasse war mein zweites Zuhause», erzählt er. Lunde war beliebt und umschwärmt, kurz: «Bern hat mir Wärme gegeben.»

Ein Unfall als Wendepunkt

Nach dem Meistertitel erhielt der Däne einen Anruf von Uli Hoeness. Bayern München lockte, und Lunde ging. Doch sein Engagement beim deutschen Branchenprimus scheiterte. Anders als in Bern, wo er gehätschelt und umsorgt wurde, sei er in München «nur noch eine Nummer» gewesen. Lunde verlor seine Unbekümmertheit: «Wenn ich alleine auf der Torlinie einen Ball bekam, traf ich die Cornerflagge.» In 30 Spielen für die Münchner erzielte er drei Tore, und als er die Partien nur noch von der Tribüne aus erlebte, entschied er sich dafür, beim FC Aarau seine Karriere neu zu lancieren.

Das wäre vielleicht gelungen, hätte Lundes Leben am 12. April 1988 nicht eine dramatische Wendung genommen. Nach einem Spiel gegen YB erreichte er in seinem VW Golf im aargauischen Oberentfelden zeitgleich mit der Wynental-Suhrental-Bahn den Bahnübergang und lag darauf zehn Tage im Koma. Trotz immensen Anstrengungen gelang es ihm in den Folgejahren nicht mehr, sein früheres Leistungsvermögen zu erreichen. Die Folgen des Unfalls schränken Lunde noch heute ein. Wenn er die Augen schliesse, sei das «wie ein Flugzeug ohne Pilot». Beim Treppensteigen muss er auf die Stufen schauen, um nicht zu stolpern. Ab und zu spielt er noch Fussball, für die Veteranen des FC Köniz. Von der Feinmotorik her sei sein Leistungsvermögen nicht mehr das von früher, gesteht er ein. Bei Freistössen aber, da mache ihm noch immer keiner etwas vor.

«Ich bin etwas balltotschig»

Das zweite Berufsleben des Lars Lunde begann am 19. Mai 1994. Seit diesem Tag arbeitet er als Lagerungspfleger im Kantonsspital Aarau. Er bereitet Menschen auf Operationen vor, rasiert Rücken und Köpfe, zudem ist er für die technischen Geräte im Operationssaal zuständig. «Eine verantwortungsvolle Aufgabe, für die nicht jedermann geeignet ist», sagt der heute 46-Jährige. Man müsse es ertragen können, viel Leid zu sehen. Doch, eigentlich sei er zufrieden mit seinem jetzigen Leben. Hin und wieder aber sei er traurig. Ob er noch jahrelang als Pfleger arbeiten möchte, weiss Lunde nicht so genau. Manchmal verstehe er sich selbst nicht. «Irgendwie», sagt er, «bin ich immer noch ein Kind.»

Das Schicksal hat ihn zu einem Kind gemacht, das viel nachdenkt und Dinge sagt wie: «Ich bin manchmal etwas balltotschig.» «Tollpatschig» ist das Wort, das er eigentlich gesucht hatte. Was er damit meint: «Es fällt mir schwer, zu erkennen, wann genug ist.» Das sei ihm als Fussballer zugute gekommen, im Leben sei es hin und wieder hinderlich. Er ecke häufig an, verletze manchmal Menschen, ohne es zu wollen. «Mir wurden kaum je Grenzen gesteckt», erklärt Lunde. Schon als Vierzehnjähriger verbrachte er die meiste Zeit im Fussball-Internat, genoss viele Freiheiten. Sein Vater, vor dem er «grossen Respekt» hatte, ist gestorben, als Lunde 20 Jahre alt war. Damals habe er sich gesagt: «Von nun an entscheidest du selbst.» Sich selbst vernünftige Grenzen zu setzen, schien zunächst nicht nötig. Niemand wies ihn zurecht, wenn er wieder einmal zu weit ging. Denn Lunde war ein Star.

«YB verdient den Titel»

Vor eineinhalb Jahren ist Lars Lunde aus dem Aargauischen zurück nach Bern gezogen, «in meine Heimat», wie er sagt. Warum erst jetzt? «Ich hatte Respekt davor, die Leute könnten anders zu mir sein als früher.» Was ihm in seiner Wahlheimat fehlt, ist sein 15-jähriger Sohn. Der lebt in Dänemark bei seiner Mutter. «Trotz der grossen Distanz haben wir ein gutes Verhältnis», beteuert Lunde. Für seine Zukunft wünscht er sich «keine grossen Kämpfe, etwas Ruhe». Doch erst einmal soll am Sonntag endlich der nächste YB-Meistertitel her. «YB spielt schön, in der Vorrunde waren sie dominant, in der Rückrunde hatten sie auch Glück», resümiert Lunde, für den bei jedem Heimspiel der Berner zwei Tickets bereitliegen. «Wenn sie den Titel jetzt nicht verdienen, wann dann?» Seinen kontemporären Nachfolger als stürmischer Alleinunterhalter, Seydou Doumbia, hält er für einen Ausnahmespieler. «Er kann die Finalissima entscheiden.» Dass er selbst im Falle eines YB-Sieges nicht mehr zur bisher letzten Meistermannschaft gehören würde, das sei ihm, mit Verlaub, «scheisswurst». (Der Bund)

Erstellt: 14.05.2010, 08:47 Uhr

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