Kürzungen treffen vor allem Privatspitäler

Die provisorische Spitalliste zeigt den Spitälern erstmals auf, wie viele Behandlungen sie ab nächstem Jahr maximal vornehmen sollen. Bei privaten Spitäler sind die Einschnitte grösser als bei öffentlichen.

Privatspitäler kritisieren ihre Spitalliste: Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud und Spitalamtchefin Müller.

Privatspitäler kritisieren ihre Spitalliste: Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud und Spitalamtchefin Müller.

(Bild: Adrian Moser)

Matthias Raaflaub

Noch gibt es über die Spitalliste 2012 bei den meisten Berner Spitälern keine Klarheit. Erst Stück für Stück zeichnet sich ab, welche Anbieter im Kanton mit welchen Einschränkungen zu rechnen haben, falls der von der Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) vorgelegte Entwurf 2012 auch so in Kraft tritt. Bislang sind Einschnitte erst bei Privatspitälern bekannt. Erst vernahm man, dass die spezialisierte Herzchirurgie an der Hirslandenklinik Beau-Site verschwinden solle. Ende vergangener Woche wurde klar, dass der Kanton das Angebot in der kleinen Thuner Privatklinik Hohmad so weit reduzieren will, dass diese um ihr Überleben fürchtet. Laut der «Berner Zeitung» soll zudem die Sonnenhof AG ihre Angebote in der Urologie und Neurochirurgie aufgeben. «Diese Planung bedroht uns nicht wirtschaftlich, aber sie ist gegen den Patienten gerichtet», sagt CEO Peter Kappert auf Anfrage.

Für grossen Ärger am Sonnenhof sorgt ein weiterer Aspekt der Spitalliste. Die GEF hat im Zuge des Anhörungsverfahrens zur Spitalliste den Spitälern erstmals mitgeteilt, wie viele Fälle sie pro Jahr behandeln sollen. Demnach müssten die Sonnenhof-Kliniken ihre Leistungen drastisch reduzieren. «Statt über 10 000 Fälle sollen es dem Kanton zufolge bei uns nur noch 7700 sein», sagt Kappert. Er spricht von einer Reduktion um fast 30 Prozent. Auch andere Spitäler sollen starke Einbussen hinnehmen müssen. «Wir wissen nicht, wie das zu interpretieren wäre. Ich habe den Eindruck, die GEF weiss nicht, was sie tut.» Jean-François Andrey, Direktor des Lindenhofspitals, welches ab 2012 mit dem Sonnenhof zusammengehen will, rechnet vor, dass der Lindenhof bis 2014 gegenüber der heutigen Fallzahl von etwa 13 200 fast 4000 Fälle weniger übernehmen dürfte. «Das ist unhaltbar», sagt Andrey.

Fallmengenlimite abgelehnt

Die Einbussen treffen bislang offensichtlich Private, von angefragten öffentlichen Spitälern vernimmt man keine Rufe der Entrüstung. Bruno Guggisberg, CEO der Spital STS AG, sagt, dass zwar die Gewichtung der Fälle deutlich tiefer berechnet sei als erwartet, die Fallmengenzahlen bewegten sich dagegen im heutigen Rahmen. Auch das Inselspital hat Angaben zur maximalen Fallzahl pro Jahr erhalten. Es handle sich dabei ja um die im Grossen Rat besprochene – und verworfene – Mengenbegrenzung, teilt Direktionspräsident Urs Birchler schriftlich mit. Details gibt er nicht bekannt, das Thema müsse erst in der Geschäftsleitung besprochen werden.

Führt Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (SP) nun doch die Fallmengenbeschränkung ein, obwohl das Parlament dieses Steuerungsmittel in der Sondersession im September im hohen Bogen verworfen hat? Annamaria Müller, Vorsteherin des Spitalamts, verneint: «Das ist keine Fallmengenbeschränkung.» Stattdessen habe die GEF das in der Versorgungsplanung angestrebte Angebot für die Spitalliste auf die einzelnen Betriebe hinuntergerechnet. Ob der Regierungsrat eine Fallmengenbeschränkung einführen werde, sei noch nicht entschieden. Dagegen verfolgt die GEF jetzt ein Modell, welches den Spitälern und Versicherern die Verantwortung überlässt, dass das Spitalangebot nicht übermässig steigt.

Private trifft es stärker

Die Privatspitäler wittern bei den bekannt gegebenen Fallzahlen aber einen einseitigen Eingriff zugunsten der öffentlichen Spitäler. Lindenhof-Direktor Andrey glaubt, dass an seinem Spital noch Fachbereiche eingeschränkt würden. Der Kanton schreibt ihm vor, künftig weniger komplizierte Fälle aufzunehmen. Fälle, welche nun an die Regionalen Spitalzentren gehen, glaubt er.

Es sei möglich, dass einzelne Fallzahlen in der Versorgungsplanung tiefer angesetzt seien, als es den aktuellen Leistungen der Spitäler entspreche, räumt Müller vom Spitalamt ein. Die Planung basiere nicht auf den neuesten Angaben. Wenn die Privatspitäler jetzt die grösseren Unterschiede zur vorgelegten Fallmenge beklagten als die öffentlichen, so sei dies darauf zurückzuführen, dass die Privaten ihre Angebote stark ausgebaut und damit auch öffentliche Spitäler konkurrenziert hätten.In ihrer Mitteilung an die Spitäler macht die GEF jedenfalls klar, dass sie über die Fallmengen vorerst nicht diskutieren will: Wie der Leistungsumfang im Spitalwesen künftig gesteuert werde, «obliegt dem Regierungsrat und ist nicht Gegenstand dieses Anhörungsverfahrens», heisst es da.

Der Bund

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