Kleinbrauer schenken mehr Bier aus

Die grossen Schweizer Brauer bekommen den Druck des günstigen Importbiers zu spüren. Die lokalen Biermarken sind hingegen gefragt – auch wenn ihnen Feldschlösschen und Co. Steine in den Weg legen.

«Wir sind nichts Anonymes»: Max Egger, Bierbrauer in fünfter Generation.

«Wir sind nichts Anonymes»: Max Egger, Bierbrauer in fünfter Generation. Bild: Adrian Moser

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58 Liter Bier haben Herr und Frau Schweizer im vergangenen Braujahr pro Kopf getrunken. Praktisch nur in den mediterranen Ländern wird im europäischen Vergleich noch weniger Bier konsumiert. Doch in den letzten Jahren stieg die Lust auf den Gerstensaft wieder: Gestern gab der Schweizer Brauerei-Verband bekannt, dass von Oktober 2010 bis September 2011 ein knappes Prozent mehr Bier getrunken wurde als ein Jahr zuvor.

Das heisst aber noch nicht, dass sich die heimische Bierwirtschaft freuen kann – denn ihr Volumen ging wiederum zurück. Das Wachstum geht einzig auf die importierten Biere zurück: vor allem auf billige Ware in Halbliterdosen. Diese Biere sind bei den Discountern oft so günstig, dass auch die grossen Schweizer Marken beim Preis kaum mithalten können.In der Tat schmerzt der Import vorderhand die grossen Schweizer Bierkonzerne – allen voran die Carlsberg-Tochter Feldschlösschen mit ihrer gleichnamigen Marke sowie mit Cardinal, Gurten Bier und Hürlimann, die heute allesamt bei Feldschlösschen in Rheinfelden gebraut werden. Zahlen gibt das Unternehmen jedoch keine bekannt.

Wer den Schweizer Biermarkt aber eine Ebene tiefer betrachtet, sieht eine Branche, die prächtig gedeiht, die das charakterlose Lagerbier nicht als das Mass aller Dinge betrachtet, sondern mit Zutaten und Brauarten spielt. Mindestens acht professionelle Brauereien zählt der Kanton Bern mittlerweile (siehe Tabelle links oben), hinzu kommen Dutzende weitere Kleinst- und Mikrobrauer.

Erfolg mit dem «Bärner Müntschi»

Die erste Erfolgswelle sei nach der Schliessung der Gurten-Brauerei im Jahr 1996 gekommen, sagt Stefan Simon, Chef der Stadtberner Brauerei Felsenau. «Regionalität ist gefragt.» Besonders in den vergangenen fünf Jahren spürte Simon, der die Brauerei in Familienbesitz in fünfter Generation führt, den Erfolg: Unter anderem das populäre «Berner Müntschi» liefert er heute an In-Lokale wie die Turnhalle und den Sattler. Um 15 Prozent sei die Menge alleine dieses Jahr gestiegen. Nun will Simon den Auftritt des Biers moderner und wertvoller gestalten und die Berner Herkunft besser vermarkten – etwa im Internet mittels Social Media.

Auch die Worber Traditionsbrauerei Egger behauptet sich auf dem Markt, wenn auch mit bescheideneren Wachstumszahlen: Max Egger, Patron in ebenfalls fünfter Generation, kann ein Plus von 2 Prozent vermelden. Die Brauerei habe Mengen zurückgewonnen, die mit der Einführung des Rauchverbots verloren gegangen seien. «Wir sind nichts Anonymes, das ist für viele Kunden wichtig», sagt Egger, der den lokalen Brauereien weiteres Wachstum voraussagt.

Nicht alleine von der Gunst der Einheimischen, sondern auch von den Touristen abhängig ist das Geschäft von Rugenbräu in Interlaken. «Wir haben in der Jungfrauregion vom internationalen Tourismus profitiert», sagt Brauereichef Bruno Hofweber. Es sei auch für die Gastwirte im Oberland ein Vorteil, wenn sie ihren Gästen etwas Lokales ausschenken könnten – «und nicht ein Bier, das es auch in London gibt». Nach dem mässigen Sommer habe der schöne September das Bierjahr «erfreulich» abgeschlossen, sagt Hofweber. Nun hoffe er auf einen Winter mit viel Schnee und gutem Wetter.

«Knallharter Wettbewerb»

Wie bei Felsenau und Egger sind auch beim Familienunternehmen Rugenbräu keine Umsatz- und Gewinnzahlen zu erfahren. Auch ihre Biermengen geben Felsenau und Rugenbräu nur gerundet bekannt – «aus Konkurrenzgründen», wie beide Chefs sagen.

Denn im Biermarkt herrsche ein «knallharter Verdrängungswettbewerb», wie es Felsenau-Chef Simon formuliert. In erster Linie müsse er sich gegen die Carlsberg-Feldschlösschen-Gruppe wehren. Auch die kleineren Berner Brauer erleben die beiden grossen Spieler im Markt – Carlsberg-Feldschlösschen und Heineken Switzerland (Eichhof, Calanda, Ittinger) – als grösste Konkurrenten. So werden Wirte mit Darlehen im fünf- oder gar sechsstelligen Bereich geködert, um mehrjährige Lieferverträge abzuschliessen. «Die grossen Brauereien springen für die Banken in die Bresche», sagt Peter Kläfiger, Geschäftsführer bei der Brauerei des Langenthaler Hasli-Biers. Wegen der Exklusivverträge sei es den unabhängigen Brauern heute oft nicht mehr erlaubt, ihr Bier am zweiten oder dritten Zapfhahn eines Restaurants anzubieten. «Die Kleinen können nicht mithalten», sagt Cesare Gallina, Chef von Aare-Bier in Bargen bei Aarberg.

Feldschlösschen-Sprecherin Gaby Gerber bestätigt, dass das Unternehmen mit den Wirten individuelle Verträge aushandelt und Darlehen vergibt, das sei «branchenüblich». Zum Vorwurf der Kleinbrauer, sie würden über Verträge von den Zapfhahnen der Wirte ferngehalten, sagt Gerber: «Wenn man stark engagiert ist, will man auch eine Gegenleistung.» Diese Praxis habe es aber schon immer gegeben.

Mit dem in Flaschen abgefüllten Bier versuche man nun «durch die Hintertür» trotzdem in die Beizen zu gelangen, sagt Kläfiger von Hasli-Bier.

Erfolg im Coop-Regal

Auch andere vom «Bund» angefragte Brauer stellen entsprechend dem nationalen Trend eine Verschiebung vom Fass zur Flasche und von der Gastronomie zum Detailhandel fest.

Coop nimmt vielerorts lokale Biere ins regionale oder kantonale Sortiment auf. Auch die Gasthausbrauerei, die seit 1999 das «Burgdorfer» braut, ist heute in sieben Coop-Filialen im Emmental vertreten, wie Sprecher Stefan Herrmann sagt. «Seit wir einzelne Flaschen abfüllen, verkaufen wir Monat für Monat mehr.» Eine Zeit lang habe die Brauerei gar ihre Marketingaktivitäten zurückfahren müssen, da die Braukapazitäten ausgeschöpft gewesen seien. (Der Bund)

Erstellt: 17.11.2011, 08:21 Uhr

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