Porträt

King Pepe ist ein Don Quichotte

Naiv und lakonisch, liebesbedürftig und gewaltbereit: Der Berner Sänger Simon Hari hat mit King Pepe ein Popungeheuer erschaffen, das uns 2011 viel Freude bereiten wird.

Das Pflaster über dem linken Auge Simon Haris ist weder die Folge eines Faustkampfs noch ein Andenken an eine verlassene Liebste. (Valérie Chételat)

Das Pflaster über dem linken Auge Simon Haris ist weder die Folge eines Faustkampfs noch ein Andenken an eine verlassene Liebste. (Valérie Chételat)

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Der Mann mit dem blauen Jackett trägt ein Rätsel über dem linken Auge: Ein grosses, hellbraunes Pflaster. eine Wunde von einem Faustkampf? Ein Andenken einer verlassenen Liebsten? Oder ist das nur Maskerade, nur ein Bluff? Alles ist möglich, irgendein Abenteuer wird aber schon dahinterstecken. Nein, sagt King Pepe bestimmt und schmunzelt, weil er wusste, dass diese Frage kommt: kein Abenteuer. «Ein Bibeli.» Aha. Manchmal haben auch Könige mit ganz profanen Dingen zu kämpfen.

Wobei der Berner Sänger und Liedermacher Simon Hari, wie King Pepe mit bürgerlichem Namen heisst, sich erst seit kurzem als Mitglied des Adelsstandes ausgibt. Als er vor drei Jahren sein schillerndes Erstlingswerk «Blöd im Chopf» veröffentlichte, firmierte dies noch unter dem Namen Senior Pepe. Nun hat er sich also selbst befördert – vom Senior zum König. Nicht schlecht, zumal im Popbetrieb nur die Unbescheidenen überleben.

«Hintere Länggasse. Verkehrsberuhigung. Häusersanierungen.» So beginnt Simon Hari seine Antwort auf die Frage nach den Entstehungsumständen von «Blöd im Chopf». Rund um seine Wohnung hätten 2006 Bauarbeiter einen unerträglichen Lärm veranstaltet, erzählt Hari. Da habe er sich gesagt: Wenn die Lärm machen dürfen, dann darf ich das auch. Fortan drehte er, wenn draussen der Presslufthammer zu knattern begann, in seiner Wohnung den Verstärker auf. «Die einzige Vorgabe war für mich der Tagesablauf der Bauarbeiter: Meine Morgenschicht dauerte von 7 bis 12 Uhr, dann war Mittagspause, um 13 Uhr ging es weiter bis zum Feierabend um 17 Uhr.» Noch bevor die Bauarbeiter abzogen, war das ganze Album im Kasten.

Doch es blieb nicht dabei, dass Simon Hari sämtliche Instrumente eigenhändig einspielte. Er hat das Album auch auf seinem eigens gegründeten Label Big Money Records veröffentlicht, die CDs selbst gepresst, sie im Linoldruckverfahren gestaltet und anschliessend auf dem Fensterbrett getrocknet. Gut dreihundert Exemplare von «Blöd im Chopf» hat er verkauft – für jeden anderen Musiker wäre das eine kolossale Enttäuschung, nicht so für Simon Hari. Zum einen, weil er, wie er erzählt, keinerlei Erwartungen gehegt habe. Zum anderen, weil es seine Songs bis ins Programm von DRS 3 geschafft haben. Obschon sie kaum dem Beuteschema der Formatpop-Radios entsprechen: Zu naiv sind die Spielzeugkeyboard-Sounds, die seine Songs einrahmen, zu lakonisch sind die Texte, zu uncharismatisch ist Simon Haris Stimme. Kurzum: «Blöd im Chopf» ist das, was herauskäme, sperrte man Aki Kaurismäki, Rocko Schamoni und Stephan Remmler mit viel Schnaps, einem Vierspurenaufnahmegerät und einem berndeutschen Wörterbuch für eine Woche in ein Zimmer.

Pepes Machtfantasien

Aber was ist das eigentlich für ein Typ, dieser Pepe? «Er hat Ähnlichkeiten mit Don Quichotte», sagt Hari. «Pepe hat Machtfantasien, träumt davon, eine Geheimarmee zu besitzen, und er kämpft oft gegen Dinge, gegen die es sich eigentlich nicht zu kämpfen lohnt. Andererseits fühlt er ein unbändiges Verlangen nach Vereinigung mit der Welt. Und natürlich will Pepe geliebt werden.»

Zumindest für Letzteres stehen die Zeichen gut. Im Januar erscheint mit «Tierpark» das neue, vom Schaffhauser Olifr Guz Maurmann produzierte Album von King Pepe. Die erste Singleauskopplung, «Büssi», ein stampfender Blues, ist bereits so etwas wie der Indie-Geheimtipp der Saison. (Der Bund)

Erstellt: 27.12.2010, 08:46 Uhr

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King Pepes «Büssi»

CD und Theater

Tierpark. Januar 2011, Der gesunde Menschenversand / Irascible.
Simon Hari tritt derzeit als Theatermusiker in «Sex in Zeiten der Apokalypse» auf. Nächste Vorstellungen: 29., 30. und 31. Dezember, 20.30 Uhr, Schlachthaus-Theater.

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