«Jeder, der will, kann arbeiten»

Hintergrund

Die Rock-’n’-Roll-Krew bietet Menschen verschiedenster sozialer Schichten eine Arbeit. Und mancher Event-Organisator wäre ohne sie aufgeschmissen.

Rock'n'Roll-Krew-Chef Jürg Guidon (2.v.l.) mit Röcks: Mäxu Hubler (l.), Judith Jenni und Panagiotis Lazaridis.

Rock'n'Roll-Krew-Chef Jürg Guidon (2.v.l.) mit Röcks: Mäxu Hubler (l.), Judith Jenni und Panagiotis Lazaridis.

(Bild: Valérie Chételat)

Helfen ist ihre Leidenschaft. Helfen nicht im sozialen Sinne. Eher körperlich gedacht, bei Auf- und Abbauten von unzähligen Grossanlässen der Schweiz – etwa dem Gurten-Festival, dem Grönemeyer-Konzert im Stade de Suisse oder aktuell beim Aufbau der Stadionshow in Thun und dem Abbau der Thuner Seespiele. Gerüst- und Bühnenbau, Infrastruktur und Technik – das sind die Bereiche, die ohne die fleissigen Helfer liegen blieben.

Arbeiten, wann man will

Die Rock-’n’-Roll-Krew oder «Röcks», wie die Truppe in der Event-Szene genannt wird, wurde 2001 vom Berner Jürg Guidon als Einzelfirma gegründet. «Ich bin 1993 als Türsteher und Bühnenhelfer des Bierhübeli in die Event- und Konzertszene hineingerutscht», erzählt der gelernte Maurer. «Ich habe mit der Zeit angefangen, Leute als Helfer für verschiedene Anlässe zu vermitteln. Irgendwann wurde der Aufwand zu gross und war ohne eine eigene Firma nicht mehr zu regeln.» So wurde die Rock-’n’-Roll-Krew geboren, und Jürg Guidon Chef eines eigenen Unternehmens.

Heute führt Guidon eine Personalkartei mit etwa 200 Helferinnen und Helfern, die für ihn auf freier Basis und je nach Auftragslage Einsätze leisten. Er bietet mit seiner Firma Arbeit für fast alle, die Geld verdienen wollen und bereit sind anzupacken. Ein Angebot, das für viele als Sprungbrett oder zur Integration in den Arbeitsmarkt dient. «Wenn man will, und das ist die wichtigste Voraussetzung, kann man bei uns sehr viel lernen», sagt Guidon. «Jeder der will, kann arbeiten, muss aber nicht – die Entscheidung liegt beim Einzelnen.» So sei die Motivation unter den Röcks immer gewährleistet. «Faule Nüsse» würden einfach nicht mehr gebucht oder gar auf einer schwarzen Liste geführt. «Wenn jedoch Not am Mann ist, wird die schwarze Liste manchmal etwas heller, fast grau», sagt Guidon und schmunzelt. Auch könne es sein, dass er einem Querschläger aus gutem Willen mehrere Chancen gebe. «Ich bin nicht immer konsequent, denn ab und zu hat sich das Gewähren von zweiten Chancen auch bewährt.»

Viele Stadtnomaden oder «Zaffs»

Rund drei Viertel der regelmässig für die Rock-’n’-Roll-Krew tätigen Menschen sind Leute, die einen verhältnismässig tiefen Lebensstandard haben. Sie leben zum Beispiel in einem Wohnwagen oder haben andere alternative Lebensformen gewählt – wie etwa die Stadtnomaden oder Bewohner des Zaffaraya. «Diese Menschen können sich durch die temporären Einsätze bei mir praktisch ihren Lebensunterhalt verdienen», sagt Guidon. «Einige davon könnten wohl sonst auf dem Arbeitsmarkt kaum untergebracht werden.» Dieser soziale und integrative Aspekt sei ihm bis vor kurzem nicht wirklich bewusst gewesen. «Doch ich finde ihn eigentlich ganz nett.» Unterstützung von Staat, Kanton oder Stadt erhält er für seine Bemühungen für die Gesellschaft keine. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Drei leibhaftige Beispiele für die unbewussten Integrationsbemühungen Guidons erzählen bei einem Treffen, was sie der Rock-’n’-Roll-Krew zu verdanken haben.

Frau in Männerdomäne

Beim ersten handelt es sich um Judit Jenni. Die gelernte Hochbauzeichnerin mit der wasserstoffblonden Kurzhaarfrisur ist die einzige Festangestellte von Jürg Guidon und wie so viele eine Quereinsteigerin. Sie ist die gute Fee, die rechte Hand und die freundliche Telefonstimme der Rock-’n’-Roll-Krew. «Sie ist mir eine grosse Hilfe in den Bereichen Personalmanagement und Buchhaltung», sagt Guidon.

Nebst dieser Festanstellung im Teilzeitmodell arbeitet sie auch auf verschiedensten Baustellen als Röck. Denn auch Anpacken ist für Jenni kein Fremdwort. «Ich arbeite gerne körperlich und könnte nicht nur im Büro herumsitzen», sagt die selbstbewusste Frau. Dies sei auch der Grund gewesen, dass sie sich vom Beruf der Hochbauzeichnerin abgewandt habe. Zu Spitzenzeiten arbeitet sie bei bis zu fünf Arbeitgebern – jeder im Eventbereich angesiedelt. Dass sie eine von wenigen Frauen in diesem eher rauen Business ist, scheint sie nicht zu stören. «Das Arbeitsverhältnis unter den Typen ist super und für mich nicht problematisch», sagt sie. Einer dieser Typen ist «Mäxu» Hubler, Vater eines achtjährigen Jungen und ehemaliges Mitglied der Berner Stadttauben. Er wird auch als «Obergerüster» der Röcks betitelt.

Abschied vom Wohnwagen

«Ich arbeite schon seit mehreren Jahren für die Röcks und habe mich dadurch stark weiterentwickeln können», sagt Hubler. «Heute bin ich oft für Pläne und Koordination zuständig und arbeite nicht mehr ganz so oft körperlich.» Erfahrung und Wissensschatz ermöglichen es ihm, sich in Bälde von den Röcks zu verabschieden und als Selbstständiger auf anderen Baustellen zu arbeiten. Auch sein Lebensstil hat sich mit den Jahren verändert. «Ich lebe heute in einer Wohnung, nicht mehr in einem Wohnwagen», so Hubler. «Ich hatte keine Lust mehr, von Woche zu Woche zu planen und nicht zu wissen, wo ich in Kürze wohnen werde.» Zudem sei sein Sohn ein weiterer Grund für die seriösere Lebensform. Doch mit dem Arbeitgeber seiner Sturm-und-Drang-Zeit identifiziert er sich nach wie vor. «Das Markenzeichen der Röcks ist die Gruppendynamik und der Zusammenhalt», so Hubler. «Es hat keinen Platz für Leute, die nicht richtig arbeiten wollen – man achtet einfach aufeinander.» Und da der Ruf der aussergewöhnlichen Truppe auch ein ausserordentlich guter sei, müsse man darauf besonders bedacht sein.

Letzter in der Gesprächsrunde ist der Grieche Panagiotis Lazaridis, genannt Panos. Ihm boten die Röcks ein Sprungbrett für eine schnellere und bessere Integration nach der Einwanderung in die Schweiz vor elf Jahren.

Integration dank den Röcks

«Ich sprach kein Deutsch und hatte dementsprechend Mühe, Arbeit zu finden», erzählt Lazaridis, der in Griechenland zum Handelsmarineoffizier ausgebildet wurde und der Liebe wegen in die Schweiz kam. «Durch die Arbeit bei Jürg Guidon konnte ich meinen Lebensunterhalt verdienen, nebenbei Deutschkurse besuchen und mir hier anschliessend meine zweite Ausbildung finanzieren.» Lazaridis hat sich für ein Studium der Betriebswirtschaft an der Universität Freiburg entschieden.

Heute arbeitet er zu 80 Prozent bei den UPD Bern als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Qualitätsmanagement. Doch ab und zu zieht es ihn zurück auf die Baustelle. «Ich brauche den Kick der körperlichen Arbeit», erklärt er seine «Rückfälle». «Es ist eine tolle Abwechslung zur Arbeit im Büro – trotz oder gerade wegen der rauen Umgangsformen.» Man spürt, Lazaridis hat den Röcks viel zu verdanken. Er ist stolz, dass er dazugehört und dass die Truppe schweizweit für ihre gute Arbeit bekannt ist. «Beim Abbau nach dem Robbie-Williams-Konzert im Stade de Suisse haben wir einen Europarekord hingelegt – innerhalb von vier Stunden war alles weg.»

Der Bund

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