Jakobspilger erhalten am Fuss des Brünig Kost und Logis

In Brienzwiler steht die erste Pilgerherberge im Kanton Bern seit 1528.

Regula und Christian Roth vor ihrer Pilgerherberge in Brienzwiler. (Manu Friederich)

Regula und Christian Roth vor ihrer Pilgerherberge in Brienzwiler. (Manu Friederich)

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Es ist warm im Aufenthaltsraum der Pilgerherberge Brienzwiler. Das Feuer im Ofen taucht den Raum in behagliches Orange. Es riecht nach altem Holz – und neuem Linoleum. Auf dem Tisch steht ein Stück Rhabarbertorte bereit. Regula Roth bringt Kaffee. Seit vier Wochen betreibt sie mit ihrem Mann Christian die Pilgerherberge Brienzwiler – die erste im Kanton Bern seit der Reformation im Jahr 1528. «Darauf bin ich schon ein bisschen stolz», sagt Christian Roth. Die beiden sind zufrieden. Den ganzen Winter über haben sie renoviert und organisiert. Nun können sie es ruhiger angehen lassen. Zumindest an Abenden wie diesem, an denen nicht viel los ist. Angemeldet war niemand. «Gerade ist noch jemand gekommen», sagt Regula Roth.

Die Idee, eine Pilgerherberge zu eröffnen, hätten sie schon vor einiger Zeit gehabt, erzählt sie. «Da die Kinder ausgezogen sind, wäre auch bei uns zu Hause Platz gewesen. Aber Ipsach, wo wir wohnen, liegt nicht am Jakobsweg.» So mussten sich Roths nach einer anderen Lokalität umsehen – und wurden in Brienzwiler fündig. «Hier sind wir am richtigen Ort», sagt Regula Roth. «Die Pilger kommen vom Brünig runter und sind total auf den ‹Stümpen›.»

Christian und Regula Roth sind selber erfahrene Pilger. 1995 starteten die beiden in Le Puy im französischen Massif Central und folgten dem Jakobsweg bis Santiago de Compostela in Spanien. Es war das erste und einzige Mal, dass sie den Ort besucht haben, an dem der Legende nach die Gebeine von Apostel Jakobus, dem Älteren, begraben sind. «Damals musste man als Pilger den Leuten noch erklären, was man macht», sagt Christian Roth. Heute sei das anders. «Pilgern ist ein Virus, das uns nicht mehr loslässt», sagt Regula Roth. Für sie gehe es darum, unterwegs zu sein mit einem Sack, den man tragen könne. «Der restliche Plunder bleibt zu Hause.» Auf ihren Pilgerreisen waren Roths immer wieder froh um Pilgerherbergen. «Wir waren dankbar, aufgenommen zu werden, duschen und unsere Kleider auswaschen zu können», sagt Regula Roth. «Nun wollen wir davon etwas zurückgeben.»

Günstiger als Jugendherbergen

Bei der Frage, inwiefern ihre Pilgerreisen und ihr Engagement für die Pilgerherberge religiös motiviert seien, wollen sich Roths nicht auf die Äste hinauslassen. Es habe schon etwas mit Nächstenliebe zu tun, sagt sie. Er nickt und sagt: «Es ist aber nicht so, dass ich das mache, weil ich im nächsten Leben eine bessere Harfe spielen will.»

20 Franken kostet die Übernachtung in Brienzwiler für Pilger mit Pilgerpass. Ein kleiner Betrag, verglichen mit den Preisen von Jugendherbergen und Hostels. Trotzdem geht Christian Roth davon aus, dass die Pilgerherberge selbsttragend sein wird. «Mit anderthalb Übernachtungen pro Tag kommen wir raus», sagt er. Die ersten drei Wochen brachten 42 Gäste, was zwei Übernachtungen pro Tag entspricht. Dies lässt Roths zuversichtlich in die Zukunft blicken, zumal die Hochsaison der Pilger erst im Sommer beginnt.

Beim Rundgang durch den oberen Stock bestätigt sich der Eindruck aus dem Aufenthaltsraum und der Küche: schlicht, aber herzlich. Zwei Schlafräume bieten je fünf Pilgern Platz. Auf einem der Betten liegt Pilgerin Ursula Müller aus Schwyz. Sie ist heute der einzige Gast. Ihre Etappe führte sie von Flüeli-Ranft über den Brünigpass nach Brienzwiler. Ihr Ziel: Santiago de Compostela. Noch 2109 Kilometer. Ende August müsse sie wieder zurück sein, sagt sie. Dann ruft die Arbeit wieder.

Zurück in der Küche beginnt Regula Roth, das Nachtessen zuzubereiten. Sie habe sich die Sache mit der Religion nochmals überlegt, sagt sie. Pilgern bedeute auch «Beten mit den Füssen». «Das kann ich unterschreiben.» (Der Bund)

Erstellt: 20.05.2011, 07:06 Uhr

Pilgern ist wieder in

Die Reformation bedeutete im 16. Jahrhundert den Niedergang der Pilgerfahrt in Europa. In den letzten Jahrzehnten folgte der grosse Aufschwung – besonders auf dem Jakobsweg. Bis in die Mitte der 1980er-Jahre registrierten sich pro Jahr höchstens einige Hundert Pilger in Santiago de Compostela. Ausnahmen bildeten die heiligen Jahre mit jeweils etwas mehr als 1000 Pilgern. Dann setzte der Boom ein. Im Jahr 2000 erreichten 55'000 Pilger den spanischen Wallfahrtsort, 2009 bereits 146'000. Im vergangenen (heiligen) Jahr registrierte sich die Rekordzahl von 271'000 Pilgern in Santiago de Compostela.

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