Inselspital und Spital-Netz Bern AG sollen fusionieren

Gestern kam es zu einer Zäsur bei den bernischen Spitälern: Der Kanton will bis Ende 2010 über das Schicksal der Spitäler entscheiden.

Verzichtet das Berner Inselspital bald weitgehend auf Grundversorgung? (Valérie Chételat)

Verzichtet das Berner Inselspital bald weitgehend auf Grundversorgung? (Valérie Chételat)

Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (sp) will nun offenbar Überkapazitäten mit dem Skalpell ritzen. Das Inselspital und die Spital-Netz Bern AG mit Tiefenau, Ziegler, Münsingen, Aarberg, Riggisberg sowie dem Alterszentrum Belp und dem Pflegeheim Elfenau sollen fusionieren oder sich zumindest teilweise zusammenschliessen. Sowohl bei den Dienstleistungen als auch in Lehre und Forschung müssten die Spitäler schon vor der Fusion eng zusammenarbeiten, schreibt die Regierung. So wolle sie den Medizinalstandort Bern stärken. Zudem sei es ihr Ziel, das Kostenwachstum im Gesundheitswesen zu bremsen und die Spitäler fit zu machen für die Finanzierung ab 2012. Nun folgen laut Regierungsrat Abklärungen in Absprache mit den Verantwortlichen der beiden kantonalen Spitalgruppen. Im Herbst 2010 sollen erste Ergebnisse vorliegen, Ende 2010 will die Regierung entscheiden.

Es drohen massive Mehrkosten

Vor allem in der Region Bern bieten zu viele Spitäler dasselbe an. Daneben gibt es zu viele Spezialärzte, die als Belegärzte in den Spitälern operieren – in Bern werden denn auch 50 Prozent mehr halbambulante Spitalbehandlungen durchgeführt als in anderen Kantonen. Solche Überkapazitäten sind ein Grund, warum die Prämien massiv steigen. Schon länger wird deshalb von Perrenoud gefordert, planerisch einzuschreiten – vor allem im Hinblick auf die Umwälzungen 2012. Dann übernimmt der Kanton die Behandlungskosten bei öffentlichen und privaten Spitälern zu 55 Prozent, 45 Prozent bleiben den Kassen – heute bezahlt Bern Privatspitälern nichts, obwohl sie ein Drittel aller Spitäler ausmachen.

Bleibt die Anzahl der Spitäler gleich, drohen massive Mehrkosten. Deshalb muss der Kanton seine Spitalliste, welche die von ihm finanzierten Institutionen aufführt, anpassen. Die Spitäler bringen sich schon heute in Stellung – etwa durch Investitionen. Enge Zusammenarbeit machte sich bisher aber rar. Im September unterzeichneten Inselspital und Spital-Netz Bern AG zwar einen Rahmenvertrag, der Inhalt blieb aber weitgehend unbekannt.

Kaum Auswirkungen auf Prämien

«Bern steht bei den Vorbereitungen auf 2012 nicht schlechter da als andere Kantone und ist auch nicht später dran», sagt indes Perrenoud. Ob jetzt einzelne Standorte aufgegeben oder Abteilungen geschlossen würden, könne er noch nicht sagen. Auch für die Frage nach Entlassungen sei es zu früh. Die Qualität der Behandlung solle mit dem Projekt indes steigen, indem die Abläufe von der Einlieferung bis zur Rehabilitation optimiert würden. Zudem seien in Betrieb und Verwaltung Einsparungen möglich. Für den geplanten Bau der Spital-Netz Bern, der auf dem Tiefenau-Areal Ziegler und Tiefenau ersetzen soll, gebe es nun neue Möglichkeiten – gerade hat auch EVP-Grossrat Wilf Gasser per Motion gefordert, Chancen und Risiken eines Neubaus auf dem Insel-Areal müssten geprüft werden.

Für die Prämienzahler erwartet Perrenoud indes kaum Erleichterung: «Die Prämien widerspiegeln schon heute nicht die Kosten. Unsere Spitalkosten sind dieses Jahr nämlich um über zwei Prozent gesunken.» Offen sei auch, ob die Spitäler ausserhalb der Stadt Bern Teil des neuen Gebildes würden, zu einer anderen Spitalgruppe wechselten oder selbstständig weitermachten.

«Fusion unvorstellbar»

Im Hinblick auf den Streit um die Spitzenmedizin, von deren Kuchen mehrere Kantone möglichst viel möchten, solle das Vorhaben zudem den Standort Bern stärken. «Ich bin ein Mann des Dialogs», sagt Perrenoud zur Frage, ob weitere Fusionen geplant seien. Die Gespräche mit den Spitalgruppen habe er bisher als angenehm erlebt. Es sei ein Vorurteil, dass sie nicht miteinander redeten. «Wir haben uns schon im Sommer zusammengesetzt und geschaut, wo wir Konkurrenten sind», sagt auch Peter Rychiger, Verwaltungsratspräsident des Inselspitals. Jetzt sei der Druck des Kantons spürbar. Eine Fusion mit der Spital-Netz Bern AG könne er sich vorstellen. Die Spitzenmedizin bleibe dabei wohl Sache der Insel. «Sonst kann ich dazu heute nichts sagen.»

Noch im Frühling wollte das Zieglerspital für Tumoruntersuchungen ein teures PET-Gerät, das zur Spitzenmedizin gehört, anschaffen – obwohl die Insel bereits ein solches betreibt. Das Vorhaben ist inzwischen vom Tisch, dafür gibt es an der Insel bald zwei PET-Geräte. «Dass sich die Insel auf die Spitzenmedizin konzentriert, ergibt Sinn, denn die Grundversorgung am Universitätsspital ist teurer als bei uns», sagt Daniel Hoffet, Verwaltungsratspräsident der Spital-Netz Bern AG. Sein Unternehmen könnte zudem die Versorgung von Patienten übernehmen, die an der Insel operiert worden seien. «So würde das Inselspital seine Operationskapazitäten ausschöpfen.» Zu Streichungen und Zusammenlegungen könne auch er nichts sagen. «Eine Fusion halte ich indes aus heutiger Sicht für unvorstellbar. Unsere kleinen Spitäler sind nahe am Patienten, die Insel pflegt eine ganz andere Kultur.» Auch am Neubau auf dem Tiefenau-Areal halte die Spital-Netz Bern AG vorerst fest. «Bei der Insel lässt er sich nicht innert nützlicher Frist realisieren.»

Nicht unter kantonalem Druck fühlen sich derweil die Privatspitäler: «Wir werden auf den Zug aufspringen und ähnliche Überlegungen machen, aber nicht auf Verlangen des Kantons, sondern weil es der Markt will», sagt Adrian Dennler, ihr Verbandspräsident.

Der Bund

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