Im spanischen Klublokal: «Schiess doch, Mann»

In der Schweiz sind sie Spanier, in Spanien Schweizer. Gestern wähnten sie sich als Spanien-Fans auf der sicheren Seite – doch die Schweizer Fussballer spielten nicht mit.

José Encinas (Mitte) leidet mit seinen spanischen Landsleuten – und muss zusehen, wie die Schweizer Fussballer die Stars seiner Heimat besiegen. (Franziska Scheidegger)

José Encinas (Mitte) leidet mit seinen spanischen Landsleuten – und muss zusehen, wie die Schweizer Fussballer die Stars seiner Heimat besiegen. (Franziska Scheidegger)

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In Oviedo nennen sie ihn «el suizo». In Bern ist er für viele Freunde schlicht «dr Schpaniöggu». «Ich bin überall Ausländer», sagt José Encinas. Als Sechsjähriger kam er in die Schweiz, in jedem der seither vergangenen 42 Jahre fuhr er in seine nordspanische Heimatstadt in die Ferien. In Oviedo, «der schönsten Stadt der Welt», fühle er sich immer wieder «irrsinnig wohl».

«Wenn es um die Freude am Leben geht, sind wir weiter als ihr.» Der Schweizer dagegen brauche «eine sehr hohe Garantie, damit er etwas riskiert». Er selbst sei sicher schweizerischer als seine Freunde in Oviedo. Er sei etwa froh um die gute Organisation hier, um seinen garantierten Lohn.

An diesem Nachmittag sitzt José Encinas mit etwa dreissig spanischen Freunden im Centro Gallego, dem Klublokal der galicischen Gemeinde in Ausserholligen. Oviedo liegt zwar nicht in Galicien – doch wenn Encinas irgendwo zu Hause ist, dann hier, inmitten seiner Landsleute, die es nach Bern verschlagen hat. Jeder hier kennt ihn, und jeder freut sich mit ihm auf den ersten Auftritt der Spanier an der Weltmeisterschaft – ausgerechnet gegen die Schweiz. Unschwer ist zu erkennen, für wen die Herzen der spanischen Berner schlagen. Jene, die nicht im Überkleid direkt von der Baustelle kommen, sind in rotes und gelbes Tuch gewandet. Als die spanische Nationalhymne ausklingt, wird kollektiv frenetisch geklatscht – gemeinsam freut man sich auf neunzig Minuten spanisches Kurzpassspiel, auf die stürmische Genialität von Xavi und Villa, Torres und Silva.

Die Schweizer spielen dann ziemlich genau so, wie sie Encinas charakterisiert hat. Sie wehren ab, laufen, kämpfen, riskieren wenig. Die Spanier greifen permanent an, nie mit Kraft, immer auf der Suche nach Eleganz, nach dem Tor, das seine Schönheit dadurch gewinnt, dass fünf Spieler den Ball jeweils nur einmal, dafür umso gekonnter berühren. «Der Spanier will leben», hatte José Encinas erklärt. «Es wird schon gut gehen», das sei das Selbstverständnis seiner Landsleute.

«Die Schweizer spielen sehr schlau», resümiert eine adrette Dame älteren Jahrgangs in der Pause. Mit einem Schweizer Sieg hätte sie allerdings gar kein Problem, beteuert sie. Seit sie vor über fünfzig Jahren einen Hiesigen heiratete, fühle sie sich wohl hier. Klar, nicht alles sei toll, meint sie, und startet einen Kurzabriss: Die Steuern, ay. Merz in Tripolis, ayayay. Oder die Krankenkassen. Sie komme gerne ins Klublokal, um hin und wieder «aus der Organisation der Schweiz auszubrechen». Das sei auch nach fünfzig Jahren noch nötig, sagt sie und lacht.

«Vamos, vamos»

Die Frequenz der Unmutsbekundungen nimmt nach der Pause zu, Hände werden verworfen, viele kauen nervös Pistazien, andere ihre Nägel. Immer grösser wird der Zweifel, ob es auch diesmal wieder gelingt, die disziplinierten Helvetier zu besiegen. «Vamos, vamos», ruft eine junge Frau, und gleich darauf: «Schiess doch, Mann.» Doch David Villa würde sie auch ohne Vuvuzelas nicht hören, zudem versteht er kein Berndeutsch. Er schiesst nicht, Spanien verliert gegen die Schweiz, zum ersten Mal, seit es Fussball gibt – eine veritable Sensation.

«Mit einem 1:1 wären alle glücklich gewesen», sagt Encinas nach dem Spiel, «dafür könnt ihr nun sagen, ihr habt den zukünftigen Weltmeister geschlagen.» Encinas schmunzelt. Das ist er wohl, dieser iberische Optimismus. Hätte er sich das Spiel in Oviedo angesehen, er hätte wohl beim Treffer der Schweizer gejubelt, sinniert er. Nun sind es die Schweizer, die feiern, als seien sie es sich gewohnt: Beim Bahnhof blockieren hupende Autos die Strasse, auf dem Bundesplatz wird der wohl überraschendste Schweizer Fussballsieg aller Zeiten ausgelassen gefeiert. Encinas dagegen geht an diesem Abend früh ins Bett – um fünf Uhr morgens müsse er wieder aufstehen, erklärt er. «Da bin ich Schweizer.» (Der Bund)

Erstellt: 17.06.2010, 09:05 Uhr

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