Im Profil: Die Heimat trägt man mit sich

Am 56. Eurovision Song Contest singt Ilira Gashi (16) auf Berndeutsch und Albanisch.

Ilira Gashi setzt sich in jungen Jahren hohe Ziele. (Adrian Moser)

Ilira Gashi setzt sich in jungen Jahren hohe Ziele. (Adrian Moser)

Matthias Raaflaub

«‹Home› ist ein Lied für alle Menschen, die Heimweh haben. Nicht nur nach einem Land. Es gibt auch Situationen, wo man sich nicht daheim fühlt. Ja, Heimweh ist auch für mich ein Thema. Mein Vater ist Kosovare, meine Mutter stammt aus Albanien. Ich bin also eigentlich ein Remix. Und obwohl ich in Brienz geboren bin und mich in Bern sehr wohl und daheim fühle, obwohl meine Kollegen, Freunde und Familie hier sind, fahre ich noch immer oft nach Albanien. Die Leute dort vermisse ich. Meine Grosseltern, meine Onkel und Tanten warten immer sehnsüchtig auf mich. Sie haben auch Heimweh nach mir. Ich finde das herzig.»

«Das Lied singe ich auf Berndeutsch und Albanisch. Im Song heisst es: ‹Ohni Wurzle, ohni Stamm, nume mit paar Bilder i dr Hang›. Meine Bilder der Heimat sind die Bilder der Familie, der Geliebten, aber auch der Landschaft und des Ambientes Albaniens. Es sind die Erinnerungen, die man mit sich trägt. Es geht aber nicht darum, dass da jemand berndeutsch und albanisch singt. Die Leute sollen hören, was wir singen. Es ging uns immer nur darum. Das Lied soll jene, die hier leben, berühren: Schweizer und Ausländer.»

«Dieses Jahr kann das Publikum auf den Internetseiten des Schweizer Fernsehens und DRS 3 abstimmen, wer sich an der Entscheidungsshow am 11. Dezember beweisen darf. Dort wird dann der Schweizer Kandidat gekürt. Wer mich und meine Band The Colors unterstützen will, stimmt am besten an beiden Orten ab. DRS 3 hat uns zu einem ihrer Favoriten erkoren. Ich war überrascht, dass man uns so positiv aufgenommen hat. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass wir nicht Englisch singen. Aber ich finde: Es ist an der Zeit, es einmal anders zu machen. Wir haben in der Schweiz eine Vielzahl von Sprachen, das sollte man beim Contest zeigen. Wenn es dem Schweizer Publikum gefällt, müssen wir daran nichts ändern. Schliesslich sind wir nicht im Wettbewerb, damit unsere Band um jeden Preis gewinnt. Wir sind nur diejenigen, die eine Botschaft der Schweiz überbringen.»

«Die Balkanländer haben im Wettbewerb tatsächlich einen Vorteil. Sie stimmen gegenseitig füreinander, das ist so. Im Balkan hat man eine gemeinsame Geschichte, darum tut man das. Wieso es hier nicht so ist? Vielleicht sucht die Schweiz ihre politisch neutrale Position. Das mag andernorts gut sein, aber nicht beim Contest. Wir müssen aus uns herauskommen und überlegen, wo wir etwas Hilfe bekommen. Das hat man bis jetzt nie gemacht. Ja, ich bin überzeugt, dass wir auch aus Albanien Stimmen bekämen. Dort hat man schon jetzt ein gutes Bild der Schweiz. Und wir haben auch schon gute Kritiken bekommen.»

«Für mich ist das Singen ein Hobby. Ich mache das einfach neben der Schule, schon seit ich klein bin. Hochgesteckte Ziele spornen mich an. Und niemand hat je gesagt: Du musst das tun. Vor einem Jahr bin auch schon mit einem eigenen Song in einer albanischen Fernsehshow aufgetreten. Ich werde dort weiterhin mitmachen. Jetzt konzentriere ich mich aber erst auf den Contest und die Band The Colors. Egal, wie die Schweiz entscheiden wird, aufgeben werden wir nicht. Diesen Wettbewerb nehmen wir nicht nur als Aufgabe hin. Er war für uns auch ein Glück. Ob wir beim Eurovision Song Contest landen oder nicht – das ist für uns eine grosse Sache.»

Der Bund

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