Hier duftet die Lust am Dasein

Alt-Staatssekretär Franz Blankart über die Bundesstadt.

Am Zibelemärit stellt sich die Landbevölkerung zur Schau, welche die Stadt ernährt. Bild vom 24. November 2008. (Adrian Moser)

Am Zibelemärit stellt sich die Landbevölkerung zur Schau, welche die Stadt ernährt. Bild vom 24. November 2008. (Adrian Moser)

Die Eidgenossenschaft hat zwei Kategorien von Diplomaten, jene eleganten, die man im Ausland zeigen kann, und die ungehobelten, die man an der Zentrale versteckt. Ich gehöre zur zweiten Kategorie, weshalb ich immerhin das Privileg hatte, den grössten Teil meiner Berufslaufbahn im Bundeshaus in Bern zu verbringen, dies auf Ihre Kosten, wofür ich Ihnen verbindlich danke.Bern ist die Stadt des Masses und der Mitte, des In-sich-Ruhens. «Sie ist die Schönste, die wir bisher gesehen haben», sagte Goethe. «Gott selber war in Bern Burger geworden.» Wenn Klima und Architektur das Wesen der Berner Bevölkerung bis in die heutige Zeit geprägt haben, so mag dies erklären, weshalb sich hier selten genialische Ausschläge ereignen. Wohl hat jedoch der Sinn für Mass und Mitte immer wieder Genies hervorgebracht, Albrecht von Haller in der Naturwissenschaft, Jeremias Gotthelf in der Literatur, Albert Einstein in der Physik, Ferdinand Hodler in der Malerei, Theodor Kocher in der Medizin, Niklaus Sprüngli, René von Wurstemberger und Henri B. de Fischer in der Architektur und andere mehr.Adrian von Bubenberg ist wohl der einzige Schweizer, der die Weltpolitik massgeblich beeinflusst hat, dies natürlich mit Ausnahme der heutigen Mitglieder des Bundesrates . . . Bubenberg hat mit seinem Sieg zu Murten verhindert, dass das Herzogtum Burgund die alte Idee des europäischen Mittelreiches, jenes von Lothar, zu verwirklichen vermochte. Ob ein Mittelreich, ex post beurteilt, nicht ein Segen für Europa gewesen wäre, bleibe dahingestellt.Bern ist die Hauptstadt der ehemaligen Landjunker, der Bauern und Gewerbetreibenden, der Sesshaften. Das Vermögen liegt im Boden, im Hof und im Gerät und ist folglich nicht liquid. Ein Handelsherr wie in Basel, ein Industrieller wie in Zürich, ein Bankier wie in Genf hat eine völlig andere Mentalität. Für den Basler, Zürcher und Genfer ist ein Gräuel, was nicht innert 24 Stunden liquidiert werden kann, was auf Lager liegt. Land zu kaufen, kommt für den Handelsherrn erst infrage, nachdem er sich über Generationen solide bereichert hat, gewissermassen als abschliessender Luxus, den man zum Park oder Ziergarten ausgestaltet. Das Sechseläuten ist die Machtdemonstration der städtischen Kaufleute und Kleinindustriellen. Der Zibelemärit ist das Zur-Schau-Stellen der Berner Landbevölkerung, welche die Stadt ernährt. Hat man einmal den grundlegenden Charakterzug erfasst, der einen Landjunker gegenüber einem Handelsherrn auszeichnet, so hat man begriffen, weshalb die Berner zwar reich sind, aber kein Geld in der Tasche haben. Oder um Carl Hilty, von 1874 bis 1909 Professor für Staats- und Völkerrecht an der hiesigen Universität, zu zitieren: «Jeder, der diese Stadt betritt, fühlt sogleich, dass sie nicht als Stätte des Lebensgenusses, in Folge günstiger Lage, glücklichen Klimas, gegründet wurde, oder an natürlichen grossen Verkehrswegen seit uraltersher den Handel von Nationen vermittelt hat. Diese Stadt ist vielmehr durch die Kraft eines politischen Gedankens erbaut worden.» Und dieser politische Gedanke galt der regionalen Ausweitung der Macht, die sich der Berner Stadtstaat in der Folge erkämpft hat. Bern hat schon im ausgehenden 19.Jahrhundert internationale Organisationen angezogen, etwa den Weltpostverein, die Zwischenstaatliche Organisation für den internationalen Eisenbahnverkehr, die Berner Konvention zum Schutz literarischer Werke oder das Internationale Büro der Telegrafen-Verwaltung. Dies dürfte vor allem neutralitätspolitische Gründe gehabt haben. Nachdem sich aber das Internationale Arbeitsamt und vor allem der Völkerbund in Genf angesiedelt hatten, war die Anziehungskraft der Rhonestadt nicht mehr zu bremsen, dies aus dem einfachen Grunde, dass die Staaten ihre im Multilateralismus spezialisierten Diplomaten nicht an verschiedenen Orten verzetteln konnten.Bern, als Bundesstadt, beherbergt ein diplomatisches Corps und internationale Beamte, sehr viel weniger als Genf, meist Diplomaten auf ihrem letzten Posten, die folglich Zeit haben, auch den Einheimischen zu begegnen und Freundschaften zu schliessen. Die Villa Hahnloser ist solch ein Ort der Begegnung. Bern gilt als ausgesprochen angenehmer Posten. Die Weltpolitik ereignet sich aber nicht hier, dies mit Ausnahmen. Doch ist Bern ein Ort, an dem Informationen ausgetauscht werden. Während des Zweiten Weltkrieges hatte der amerikanische Geheimdienstchef Dulles an der Herrengasse sein Hauptquartier, und der künftige «geliebte Führer» Nordkoreas ist in Gümligen zur Schule gegangen und spricht Berndeutsch. Sonderbar, wie sich immer wieder Schlüsselpersonen der Weltgeschichte hier aufhalten.Bern hatte als Bundesstadt den grossen Vorteil, dass die Villen des 19. Jahrhunderts nicht (wie in Basel) der Spekulation zum Opfer gefallen, sondern als Botschaftsresidenzen gekauft worden sind. Einzige Ausnahme ist der Thunplatz, die grossartigste Platzschöpfung des 19.Jahrhunderts unseres Landes, die mit der britischen Botschaft verschandelt worden ist. Als ich beim damaligen Stadtpräsidenten zur Wahrung des Baus von Henri B. de Fischer intervenierte, antwortete mir selbiger: «Ich kann mich als Sozialdemokrat doch nicht für eine grossbürgerliche Villa einsetzen . . .»Auch ist es mir nicht gelungen, François Loeb zur kleinen Geste zu überreden, den Christoffelturm vor seinem Warenhaus wieder aufzubauen. Jetzt müssen wir uns halt mit dem Provisorium eines Glasdaches begnügen. So wurde und blieb, oft aus ideologischen oder finanziellen Gründen, einiges zerstört, jedoch weniger als anderswo.Rilke weilte hier, «in diesem schönen Bern, in dem ich begreife, was ein ausgeglichenes und gleichmässiges bürgerliches Wesen in gewissen Zeiten redlich aus sich hervorzubringen vermocht hat». Er hat in Bern nicht banal gewohnt, sondern hat hier residiert, die Rechnung der Gastfreundschaft mit der Widmung eines Gedichtes begleichend. Wieso sind wir so töricht, nicht Dichter zu sein und auf Kosten reicher Witwen zu leben; unsere Existenz wäre vermutlich angenehmer, jedenfalls billiger! In Bern können internationale Treffen stattfinden, ohne dass die Presse es merkt. So hat der verstorbene Staatssekretär Edouard Brunner im Schloss Muri Briten und Argentinier zusammengebracht, um das Falklandproblem zu lösen, leider ohne Erfolg. Die wichtigste EWR-Verhandlung hat in der Orangerie desselben Schlosses stattgefunden; dort entstanden die sogenannten Muri Principles. Wenn Schweizer Diplomaten Verhandlungen präsidieren, findet hier einiges statt, dies unter der Bedingung, dass wir unsere Neutralität nicht irgendwelchen Ego-Trips opfern. Allein, Bern wird nie einen amerikanischen Präsidenten empfangen können, solange dieser in Belp nicht zu landen vermag.Bern hat aber auch sehr lokale Charakterzüge, die zum Teil irritieren. Jahrelang musste gekämpft werden, um in dieser Hauptstadt eines zweisprachigen Kantons und eines viersprachigen Landes eine kantonale französische Schule zu unterhalten. Parkbussen werden noch heute einsprachig ausgestellt, als ob man nichts aus dem Juraproblem gelernt hätte. Merkwürdig ist zudem, dass der Suk in Muskat sauberer und sicherer ist als der Berner Bahnhof. Auch mangelt es an Abfalleimern, welche die Reste des Fastfoods aufnehmen könnten. Solche Lappalien sind es offenbar nicht wert, in Parteiprogramme Eingang zu finden.Ist Bern eine internationale Stadt oder bloss eine nationale Hauptstadt wie Oslo, Lissabon, Reykjavik? Hat Bern überhaupt ein Interesse und die Fähigkeit, politisch oder wirtschaftlich eine internationale Stadt zu werden? Eingeklemmt zwischen dem internationalen Genf und dem Wirtschaftsriesen Zürich, hat Bern kaum eine Chance und meines Erachtens auch kein Interesse, zur diplomatischen oder ökonomischen Metropole zu werden. Nach dem Niedergang des Ancien Régime hat in Bern das Bürgertum, um nicht zu sagen das Kleinbürgertum, die Macht übernommen, und das Kleinbürgertum eines neutralen Kleinstaates ist weder diplomatisch noch wirtschaftlich von Interesse. Was ich der Stadt Bern, die ich liebe, wünsche, ist ihre Rolle als Gemeinde, Kantonshauptort und Bundesstadt optimal wahrzunehmen. Tut sie dies glaubwürdig, wird auch ihre internationale Bedeutung zunehmen. Doch ist mit dem Niedergang des Ancien Régime die internationale Berufung Berns zu Grabe getragen worden. Zwar haben die Liberalen 1848 mit unserer Verfassung ein beispielhaftes Meisterwerk geschaffen, doch war dieses eben nicht auf die Enge eines Kantons beschränkt, sondern trug in sich den Keim der liberalen Globalisierung.Was ich Bern gewünscht hätte, wäre eine Zeitung von national hervorragendem Format, die folglich auch international zur Kenntnis genommen worden wäre. Dies hätte der «Bund» bewerkstelligen können. Doch scheinen die wenigen hier wohnenden Industriellen diese Chance nicht erkannt zu haben, wenngleich man seit der Gründung der «Basler Zeitung» wissen sollte, dass mit dem Niedergang der «Basler Nachrichten» und der «National-Zeitung» auch der politische Stil der Rheinstadt vernichtet worden ist. Bern ist ein Meisterwerk der Architektur. Man könnte stundenlang die Junkerngasse auf und ab spazieren, stets erneut fasziniert von der behäbigen Eleganz der Lauben, von den Fassaden, von den Dächern, gleichzeitig gespannt in der zuversichtlichen Erwartung, ein begabter Mensch würde wie eh und je aus einem dieser Häuser treten, um die in sich genügende Vollkommenheit der Architektur dennoch zu ergänzen. Bern ist ein Gefäss, das Vollendung ist und Vollendung anzieht, weshalb es eigentlich internationaler Konferenzen mit all ihrem Aufwand gar nicht bedarf. Der internationale Charme Berns liegt darin, dass es diplomatisch nicht in den Wettbewerb mit New York, Genf, Brüssel und Wien treten muss, sondern dass es ein Ort ist, an dem man sich diskret trifft, sei es um eine Freundschaft zu pflegen, sei es um die Grundsteine eines Friedensprozesses zu legen. Bern bedarf nicht des diplomatischen Kongressmarketings. Doch ist die Stadt disponibel, falls man ihrer bedarf. Und diese diskrete Disponibilität ereignet sich mitunter im «Bellevue Palace», in den Salons der Grande Société oder in einem Patrizierhaus, dessen Möblierung zum Austausch von Gedanken einlädt. Hier duftet die Lust am Dasein. Hier kann sein, was ist, hier kann Komplizität aufknospen und mit der Leichtigkeit einer Farandole das Denken in Hypothesen ermöglichen. Hier liegt die Chance Berns, jener Stadt, die ist, ohne zu wollen, die einlädt, ohne in Rechnung zu stellen, die in ihrem Gleichgewicht ruht im Warten, dieses Gleichgewicht auf andere – Entzweite – zu übertragen.

Der Bund

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