Hanfhersteller und Polizei spielen «Katz-Maus»

Der repressive Umgang mit Cannabis-Herstellern führt zum Rückzug der Hanfproduktion in den Untergrund und in Indoor-Anlagen. Präventionsfachleute finden diese Entwicklung bedenklich.

Outdoor-Anlagen gibt es in der Schweiz kaum noch. Die Produktion zieht sich in den Untergrund zurück. (Franziska Scheidegger)

Outdoor-Anlagen gibt es in der Schweiz kaum noch. Die Produktion zieht sich in den Untergrund zurück. (Franziska Scheidegger)

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«Im Keller wuchs Hanf», «Hanf-Pflanzer von Kapo ertappt und angezeigt», «Razzia in Hanf-Indoor-Anlage im Emmental». So die Zeitungsschlagzeilen zu den Räumungen von Hanf-Indoor-Anlagen, welche die Berner Kantonspolizei diese Woche durchgeführt hat. Es handelt sich dabei laut Polizei um die Sicherstellung von drei professionell eingerichteter Hanf-Indoor-Anlagen auf dem Gebiet des Kantons Bern. Dabei wurden über 1750 Hanfpflanzen und die Infrastruktur der Anlagen vernichtet. Im Zusammenhang mit ihrer Ermittlungsarbeit spricht die Polizei grundsätzlich nicht von Zufall — auch nicht bei diesen Räumungen.

Etwas anders sieht das Michael Mosimann, Vorstandsmitglied der Schweizer Hanf-Koordination: «Von einer Häufung kann man noch nicht sprechen.» Das seien 3 von schweizweit schätzungsweise rund 150 000 bis 200 000 Indoor-Anlagen. Gleicher Meinung ist Rudolf Brenneisen, Pharmazieprofessor an der Universität Bern. Allerdings könnten die Sensibilität der Thematik, das Medienecho und eventuell auch die Jahreszeit erklären, wieso es zu den Räumungen gekommen sei. «Trotzdem ist das Risiko, entdeckt zu werden, beim Betreiben einer Indoor-Anlage kleiner als bei einer Outdoor-Anlage», sagt Brenneisen. «Das ist ein Katz-Maus-Spiel, das schon seit Jahren so geht», kommentiert Armin Bucher vom Team der Hanfmesse CannaTrade die Räumungen. «Für jede Indoor-Anlage, die geschlossen wird, gehen zwei neue auf».

Anbau vermehrt drinnen

Kenntnis vom Betrieb der Indoor-Anlagen hat die Polizei einerseits aufgrund der eigenen Wahrnehmung und Ermittlungen, heisst es in der Medienmitteilung der Kantonspolizei. Andererseits kämen häufig Hinweise von Bürgern hinzu. So zum Beispiel in Biglen, wo die Bevölkerung laut Polizei einen «entsprechenden Geschmack» wahrgenommen hatte. «Es gibt immer Nachbarn, die nichts Besseres zu tun haben, als Bürgerwehr zu spielen», sagt Mosimann. Daher und wegen der zunehmenden Repression sei es auch verständlich, dass der Anbau von Cannabis sich von draussen nach drinnen verlagert.

Eine Beobachtung, die Bucher bedenklich findet: «Früher wurde viel mehr draussen angebaut, doch mit der zunehmenden Repression seit 2001 werden die Anlagen nach drinnen verlegt.» Zudem führe die Repression zu einem schlechteren Angebot und steigenden Preisen auf der Strasse, sagt Brenneisen. Damit gehe die Rechnung der Produzenten wieder auf.

Ökonomisch gesehen seien Indoor-Anlagen zudem viel effizienter als Outdoor-Anlagen, sagt Brenneisen: «Die Ausbeute ist grösser, man ist nicht abhängig von den Jahreszeiten, und auch die Qualität ist in der Regel besser.» Mit der Qualität bezieht sich Brenneisen auf den THC-Gehalt. Laut einer von ihm durchgeführten Studie aus den Jahren 2002 bis 2004 (Brenneisen R. et al., Chemisches Profiling von Cannabis aus Schweizer Produktion, Universität Bern und Bundesamt für Gesundheit, 2004) hatte Indoor-Cannabis damals einen durchschnittlichen THC-Gehalt von 13 Prozent, während Outdoor-Cannabis einen THC-Wert von durchschnittlich 10 Prozent aufwies. Auch die Polizei bestätigt, dass es sich bei den auf dem Schwarzmarkt befindlichen Hanfblüten um «eine gute bis sehr gute Qualität» handelt. «Die Qualität auf der Strasse ist zurzeit extrem schlecht», sagt dagegen Mosimann. Obwohl es schwierig ist, Cannabis-Produkte zu strecken, gibt es laut Mosimann vermehrt gestrecktes Gras in der Schweiz.

Voll professionelle Anlagen

Diese Entwicklungen zeigen laut Bucher, dass Repression nichts bringe. «Trotzdem gibt es noch eine halbe Million Kiffer, die rauchen wollen», sagt er. Zudem seien die zunehmende Kriminalisierung und der damit verbundene Rückzug in den Untergrund sowohl wirtschaftlich, sozial als auch ökologisch gesehen der falsche Weg, findet er. Ähnlich argumentiert Alwin Bachmann, Mitarbeiter von «Rave It Safe», einem Präventionsangebot der Suchtfachstelle Contact-Netz Bern. «Aus Präventionssicht ist der Prozess, der seit einigen Jahren abläuft, nicht gerade förderlich.» Das Angebot sei einseitig, weil kaum noch Outdoor-Gras auf dem Markt zu bekommen sei und Jugendliche zwangsmässig zu hoch dosiertem THC-Gras (siehe Kasten) greifen müssten, sagt er weiter.

Eine weitere Beobachtung bezüglich der Indoor-Produktion ist die vermehrte Professionalisierung der Anlagen, wie die Polizei und Brenneisen sagen. Dies trifft laut Polizei vor allem bei sehr grossen Anlagen zu. «Automatisch geschaltete Bewässerungs-, Beleuchtungs- und Be- bzw. Entlüftungsanlagen, teilweise sogar mit automatischer Düngerzufuhr, werden vielfach von spezialisierten Fachpersonen eingebaut», schreibt die Kantonspolizei. Der Nachteil der Indoor-Anlagen beschreibt Brenneisen wie folgt: «Sie brauchen mehr Strom und Chemie als die Produktion im Freien.» Im Moment versuchten Produzenten laut Mosimann vor allem energieeffizienter zu arbeiten, also weniger Strom zu verbrauchen. Denn zu hohe Stromrechnungen sind oft auch Anlass für Polizeivisiten.

Obwohl Produktion, Konsum und Handel von Drogen-Cannabis verboten sind, gibt es laut Brenneisen und Bucher noch genug Möglichkeiten, das nötige technische Material zum Anbau und Konsum von Cannabis zu kaufen.

Mehr kleine Indoor-Anlagen

Bezogen auf die Produktion beobachtet Mosimann eher eine Tendenz weg
von grossen Indoor-Anlagen hin zu kleinen Anlagen für die Eigenproduktion. Also auch bei der Produktion für den Eigenkonsum eine Verlagerung nach drinnen, «vom Balkon ins Zimmer», sagt er. Diese Entwicklung stellt ebenso die Kantonspolizei fest. «Cannabis-Konsumenten installieren oft kleine oder Kleinstanlagen in ihren Wohnungen», schreibt sie. Der Verband Schweizer Hanf Koordination wünscht sich nach wie vor, dass der Eigenkonsum entkriminalisiert wird und dass endlich ein Grenzwert für das Autofahren festgelegt wird. (Der Bund)

Erstellt: 15.02.2010, 08:30 Uhr

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