Hält der Wohlensee-Staudamm einem Megabeben stand?

Die Schweizer Atomaufsicht ist bei der Prüfung der Berichte für den EU-Stresstest auf offene Fragen gestossen. Geklärt werden muss die Erdbebenfestigkeit des Wohlensee- Staudamms beim AKW Mühleberg.

Der Staudamm des Wasserkraftwerks Mühleberg ist im EU-Stresstest ein Thema.

Der Staudamm des Wasserkraftwerks Mühleberg ist im EU-Stresstest ein Thema.

(Bild: Adrian Moser)

Simon Thönen@SimonThoenen

Falls die Schweiz das Pech hätte, von einem Erdbeben erschüttert zu werden, dann würden die Atomkraftwerke - anders als in Japan - nicht automatisch abgeschaltet. Die Reaktormannschaften, sicherlich überrascht und geschockt, müssten die Schnellabschaltungen von Hand einleiten. Dies ist eines der Ergebnisse des EU-Stresstests für AKW, den das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) auch für die Schweizer AKW durchgeführt hat.

Das Ensi will nun eine automatische AKW-Abschaltung auch in der Schweiz «prüfen», wie es gestern am Ensi-Hauptsitz in Brugg AG den Medien mitteilte. Insgesamt acht «offene Punkte» aus dem Stresstest will das Ensi bis 2015 klären und abarbeiten. Bei einigen dieser Punkte erliess die schweizerische Atomaufsicht aber bereits gestern Verfügungen an die AKW-Betreiber.

Damm ob Mühleberg im Fokus

Die schärfste Verfügung richtet sich an die BKW, die mit Mühleberg das umstrittenste AKW der Schweiz betreibt. Sie ist überraschend, weil sie mit dem Stresstest direkt nichts zu tun hat: Die BKW muss bis am 31. Januar nachweisen, dass der Staudamm des Wohlensees oberhalb des AKW Mühleberg einem schweren Erdbeben standhalten würde.

Eigentlich hätte die BKW diesen Nachweis bereits Ende November einreichen sollen, betonte das Ensi gestern. BKW-Sprecher Antonio Sommavilla führte das Versäumnis auf Anfrage auf «unterschiedliche Interpretationen» der Auflagen durch BKW und Ensi zurück. Die BKW werde die Frist einhalten, betonte er. Jürg Aerni von der Organisation Fokus Anti-Atom kritisierte dagegen die Unterlassung der BKW und forderte dafür Sanktionen (siehe Frontseite).

Erstaunlich ist auch, dass die meisten der Verfügungen aufgrund des EU-Stresstests sich auf die Erdbebengefahr beziehen. Denn diese steht auch in den eigenen nationalen Fukushima-Überprüfungen des Ensi im Zentrum. Die Schweiz hatte sich erst nach anfänglichem Zögern am Stresstest der EU beteiligt. Denn die Schweiz prüfe die AKW-Sicherheit schneller und gründlicher, hiess es damals.

Nach dem dann doch durchgeführten EU-Stresstest ordnete das Ensi nun aber gestern an, dass bei allen fünf AKW in der Schweiz überprüft werden muss, wie gut die entscheidenden Klappen und Filter am Reaktorcontainment ein Erdbeben überstehen würden. In den AKW Gösgen und Leibstadt muss zudem die Erdbebenfestigkeit der Systeme geprüft werden, die dazu dienen, notfalls Dampf aus dem Containment abzulassen. Für diese Überprüfungen gilt eine Frist bis zum 30. September.

Schwierigster Nachweis im März

Den entscheidenden Nachweis der Erdbebensicherheit müssen die Betreiber allerdings nach wie vor im Rahmen der nationalen Fukushima-Überprüfungen erbringen: Bis zum 31. März müssen sie beweisen, dass ihre AKW ein Erdbeben überstehen würden, wie es in der Schweiz einmal in zehntausend Jahren vorkommt. Eins zu zehntausend ist das berühmte Restrisiko eines schweren AKW-Unfalls, das die Atomaufsicht für alte AKW toleriert. Gelingt der Nachweis nicht, werden die Werke vom Netz genommen.

Einen analogen Nachweis mussten die Betreiber letzten Sommer bereits für Extremhochwasser erbringen. Für Mühleberg akzeptierte das Ensi damals, dass der Reaktor als letzte Möglichkeit von Feuerwehrleuten mit mobilen Pumpen gekühlt werden müsste - ein Zugeständnis der Atomaufsicht, das AKW-Gegner als illegal kritisierten.

Doch im Rahmen des EU-Stresstests tauchte das Thema Hochwasser gestern erneut auf. Das Ensi verfügte, dass für Mühleberg und Gösgen die Frage der sogenannten Verklausungen geprüft werden müsse: Treibgut wie etwa Baumstämme könnten sich bei einer Flut so verkeilen, dass ein Rückstau entsteht.

«Grosse Sicherheitsmargen»

Für Greenpeace sind die AKW-Stresstests sowohl in der EU wie auch in der Schweiz vor allem «ein Beschwichtigungsritual» für die Öffentlichkeit. «Das gute Zeugnis, welches das Ensi den Schweizer AKW in der Bilanz ausstellt, steht im Widerspruch zu einer immer länger werdenden Liste von ungeklärten Sicherheitsfragen, die im Bericht zum Stresstest benannt werden», kritisierte die Umweltorganisation.

Der Bund

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