Habkern: Debatte um Park reisst alte Wunden auf

Der Beitritt zum Naturpark hat die Gemeinde Habkern gespalten. Das Nein fiel aus Furcht vor neuen Auflagen. Manche sprechen aber von einer «Abrechnung».

Geplänkel um eine wunderschöne Landschaft bei Habkern. (zvg)

Geplänkel um eine wunderschöne Landschaft bei Habkern. (zvg)

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«So etwas habe ich in den zehn Jahren als Gemeindepräsident von Habkern noch nie erlebt», sagte Walter Zurbuchen gestern. Zur Gemeindeversammlung am Montagabend hatte er zwei Kantonspolizisten aufgeboten. Er fürchtete um die Sicherheit im Festzelt. Es seien Drohungen ausgesprochen worden, vom Schiessen sei gar die Rede gewesen, sagte der Gemeindepräsident. Einige Bürger hätten aus Angst vor Übergriffen zu Hause bleiben wollen. «Die zwei Polizisten können nicht alles verhindern, aber vielleicht gelänge es uns ja, einen Angreifer gemeinsam zu bodigen», sagte Zurbuchen zu Beginn der Versammlung.

Die Mehrzahl, genauer 229 von 327 Anwesenden, hatten aber andere Pläne. Sie waren gekommen, um den Naturpark Thunersee-Hohgant und mit ihm den Gemeinderat zu «bodigen.» Das gelang ihnen nach einer geheimen Abstimmung auch. Der Andrang war ebenfalls aussergewöhnlich: 70 Prozent der Stimmberechtigten fanden sich auf dem Schulhausareal ein. Habker sagten: «Eine Versammlung wie diese hat es hier noch nie gegeben.»

Andere Vorzeichen als in Sigriswil

Ein Graben hatte sich in den letzten Wochen durch die Gemeinde gezogen. Gegner und Befürworter des Beitritts zum regionalen Parkprojekt debattierten auch an der Gemeindeversammlung emotional und laut. «Es ist vielleicht nicht schön, aber es ist nicht mehr nur um die Sache gegangen», sagte gestern ein Gegner der Vorlage unverblümt. «Die Debatte ist persönlich geworden.»

Nach Meinung der Gegner hätten Bund und Kanton, welche die Parkverwaltung letztlich koordinieren, früher oder später Einfluss auf die Gemeinden genommen. Die Bauern haben indes angesichts weiter sinkender Milchpreise offensichtlich genug von Vorschriften und bürokratischen Prozessen. Das hat schon die Gemeindeversammlung von Sigriswil gezeigt. In Sigriswil jedoch habe man einen blühenden Tourismus und es deshalb überhaupt nicht nötig, beizutreten, sagte ein Votant. «In Habkern dagegen sind die Logiernächte um die Hälfte eingebrochen. Wir beziehen einen der höchsten Beiträge aus dem Finanz- und Lastenausgleich.» Das Resultat beschäme ihn etwas wegen der Gemeinden, die dem Naturpark beigetreten seien, so der Gemeindepräsident am Tag danach. «Nicht alle haben davon profitiert, dennoch haben sie aus Solidarität Ja gesagt», sagte Zurbuchen.

Jäger mussten zurückstecken

Doch nicht nur die Bauern, auch viele Jäger haben gestern wohl ihr Veto eingelegt. Geht es um die Bewahrung der Natur, haben sie schon schlechte Erfahrungen gemacht. Das Stichwort heisst Lombachalp. Das Hochmoor und kantonal bekannte Jagdgebiet wird seit einigen Jahren vor dem Jagdtourismus geschützt. Wo die Jäger früher noch mit dem Auto hinauffuhren, wird das Fahrverbot nun kontrolliert. Es gibt Wildruhe- und Naturschutzgebiete, welche zu gewissen Zeiten nicht mehr betreten werden dürfen. «Das ist vielen in den falschen Hals geraten», sagte Revierförster Beat Zurbuchen. Zwar kassieren die Bäuerten und Bergschaften für den Moorschutz auch hohe Bundesbeiträge. Doch für die Einschränkungen machen einige Jäger dennoch den Gemeinderat verantwortlich – und den Gemeindepräsidenten Walter Zurbuchen, dessen Sohn als «Ranger» die Aufsicht über das schützenswerte Gebiet hat. «Das Ergebnis der Gemeindeversammlung schmeckt etwas nach Abrechnung mit den verantwortlichen Gemeindeorganen», sagte der Revierförster.

In der Debatte exponierte sich auch Claude Hämmerly, Pfarrer in Habkern und Präsident des Jägervereins Interlaken und Umgebung. Er hatte an der Gemeindeversammlung für die Unverkäuflichkeit der Natur argumentiert und in diesem Zusammenhang gesagt: «Wollen wir denn unsere Seele verschachern?» Kritik erntete er am Montag dafür, dass er ein Flugblatt gestaltet hatte, auf welchem ein Stacheldrahtzaun zu sehen war. «Mit dem Signet wollte ich auf einfache Weise grafisch aufzeigen, dass wir uns unsere Freiheit nicht nehmen lassen», sagte er gestern. Dazu bewogen, politisch Stellung zu beziehen, habe ihn das kompromisslose Auftreten der Projektverantwortlichen und des Gemeinderats. Viele hätten den Beitritt zum Naturpark nämlich abgelehnt, weil sie sich vom Gemeinderat bevormundet fühlten, sagten Gegner des Naturparks. «Es hat sich seit langem einiges aufgestaut», sagte Hämmerly. Die Abstimmung war eine Gelegenheit, um die Volksvertreter in den Senkel zu stellen.

Spuren werden bleiben

Er bedaure, dass die Debatte an der Gemeindeversammlung teilweise unanständig geworden sei, sagte Hämmerly. Gemeinderätin Christine Lehmann hatte noch appelliert: «Wenn diese Entscheidung gefallen ist, müssen wir wieder miteinander leben und auskommen.» Leider werfe die Auseinandersetzung ein schlechtes Licht auf die Gemeinde – das habe sie nicht verdient, sagte Beat Zurbuchen. Spurlos ist der Naturpark an Habkern nicht vorübergegangen. (Der Bund)

Erstellt: 19.05.2010, 08:16 Uhr

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