Grindelwald ist nobelpreisverdächtig

Die Amerikanerin Elinor Ostrom hat dieses Jahr den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten. Inspirieren liess sie sich auch in den Gindelwalder Alpen.

Elinor Ostrom ist die erste Frau, die den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten hat. (Keystone)

Elinor Ostrom ist die erste Frau, die den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten hat. (Keystone)

«Ich nehme wundervolle Erinnerungen an den Nachmittag mit, an dem Sie mir die aufregenden Entwicklungen auf der Alp Holzmatten gezeigt haben. Es war einer der schönsten Nachmittage, die ich je verbracht habe, und ich habe so viel von Ihnen gelernt.» So klingt es, wenn sich die Trägerin des Wirtschaftsnobelpreises beim Kassier der Bergschaft Holzmatten ob Grindelwald bedankt. Elinor Ostrom, die dieses Jahr als erste Frau die höchste Auszeichnung für Erforscher der Ökonomie erhielt, besuchte die Alp im April 2007 zusammen mit Hans Schlunegger und der Ethnologin Marianne Tiefenbach. Bekannt ist, dass Ostrom in ihre Untersuchungen von Gemeinschaftsgütern wie Alpweiden das Beispiel der Oberwalliser Gemeinde Törbel einfliessen liess. Dass sich aber auch Grindelwald ein wenig im Glanz des Nobelpreises sonnen darf, ist für Schlunegger ein Zeichen dafür, dass «unser System der gemeinschaftlichen Bewirtschaftung der Alp nicht ganz ,lätz sein kann». Der Preis sei indirekt eine Anerkennung für die Arbeit der Bergler, zumal er während Ostroms Besuch niemals gedacht hätte, dass ihre Forschung nobelpreiswürdig sei.

Gleiche Regeln seit 1404 Den Nobelpreis bekam die Amerikanerin Ostrom dafür, dass sie eine Antwort liefert auf die essenzielle Frage, wie wir mit Knappheit umgehen müssen. Die Professorin aus Bloomington interessiert konkret, wie Menschen eine Übernutzung des Gemeinwesens – der Allmend – vermeiden können. Zu den gemeinschaftlich genutzten Gütern zählt sie Weltmeere, Wald und Weide, aber auch geistiges Eigentum. In ihrem Buch «Governing the Commons» («Die Verfassung der Allmende») kommt sie zum Schluss, dass Allmenden oft weder durch staatliche Kontrolle noch mittels Privatisierungen nachhaltig bewirtschaftet werden können. Stattdessen spricht sich Ostrom für den «Kantönligeist» aus: Kleine und sozial eng verknüpfte Gemeinschaften seien ein probates Mittel gegen die Ausbeutung natürlich Ressourcen. Abweichler fallen nicht durch die engmaschigen Strukturen, Missbrauch kann eher verhindert werden. «Frau Ostrom war sehr wissbegierig in Grindelwald», sagt Schlunegger. Die Einheimischen hätten ihr erklärt, dass die Alpen noch heute nach den im Taleinungsbrief von 1404 festgelegten Regeln bewirtschaftet würden — das «Grundgesetz» der Grindelwalder Alpen ist also eine der ältesten und stabilsten Gemeindeordnungen des Kantons. Es gibt sieben privatrechtlich organisierte Bergschaften, Holzmatten ist die kleinste, ärmste und als einzige nicht mit dem Tal verbunden. Die Alpkorporationen sind die grössten Land- und Waldbesitzer Grindelwalds – immerhin die zweitgrösste Kommune des Kantons. Schon im Mittelalter wurde der Talboden individuell bewirtschaftet, während das Alpgebiet nach alemannischer Art als Gemeingut galt. Seit 1404 darf auf den Alpen der Talschaft nur Vieh weiden, das im Tal gewintert worden ist. Zudem sind bloss Bauern, die ständig im Tal wohnen, berechtigt, Tiere auf der Alp zu sömmern. «Frau Ostrom war sehr erstaunt, dass die Bergrechte der Alp nicht an eine Person, sondern an den Boden im Tal gebunden und somit unverkäuflich sind», sagt Schlunegger. Wer wie viele Rechte an einer Alp hat, wird durch die Menge Futter, die auf dem dazugehörigen Grundstück im Tal wächst, bestimmt. Gedeiht dort etwa so viel Futter, wie eine Kuh zum Überwintern braucht, hat der Besitzer des Bodens eine Kuh Bergrecht an der Alp. Diese Regelung hat sich offenbar während Jahrhunderten als Schutz vor Übernutzung bewährt.

Unter- statt Übernutzung Ebenfalls seit dem Mittelalter treffen sich die Bergler jeden April zur Jahresversammlung, der sogenannten Einung. Und bis heute ruft jedes Jahr die Pflicht zum «Tagwannen» – zur Pflege der Alp zugunsten der Gemeinschaft. Je mehr Kuhrechte einer hat, desto mehr Tagwannstunden muss er leisten. Abfall wird entsorgt, der Verbuschung Einhalt geboten und Wege werden unterhalten. Am Ende des Sommers bekommt jeder Bergler soviel frisch entstandenen Käse, wie seine Kühe Milch gespendet haben. «Holzmatten ist zwar finanziell schwach auf der Brust, aber in den letzten Jahren haben wir die Alp mit Strom erschlossen und eine neue Hütte gebaut», sagt Schlunegger. Ein Problem sei allerdings, dass immer weniger Kühe auf der Alp sommerten. Und so hat sich seit dem Mittelalter doch etwas getan: Heute ist die Unternutzung der Alpen das grössere Problem als ihre Übernutzung. «Frau Ostroms Arbeit ist auch im Hinblick auf unsere Zukunft sehr wichtig», sagt die Ethnologin Marianne Tiefenbach. Die Nobelpreisträgerin zeige nämlich, dass die Unternutzung der Alpen ohne die Bergschaften heute ein noch viel grösseres Problem wäre. Lokales Wissen und gar eine ganze Kultur gingen ohne die Arbeit der Bergler verloren. Ostrom und der Zürcher Geografie-Professorin Claudia Binder hat der Schweizerische Nationalfonds deshalb vor Kurzem Geld für die Beantwortung der Frage bewilligt, wie die Bergschaften verlassenen Weiden am besten begegnen können.

Der Bund

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