«Gegen Politik der Angstmacherei»

Ruth Im Obersteg Geiser wurde 1970 zur ersten Berner Gemeinderätin gewählt. Am Karfreitag wird sie 90 Jahre alt – und beklagt vor allem eines: «Die Verhärtung des politischen Klimas.»

Ruth Im Obersteg Geiser wird am Karfreitag 90-Jährig. (Franziska Scheidegger)

Ruth Im Obersteg Geiser wird am Karfreitag 90-Jährig. (Franziska Scheidegger)

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90 Jahre alt zu werden – das sei nicht nur ein Vergnügen, sagt Ruth Im Obersteg Geiser. Wenn der Freundeskreis allmählich wegsterbe; wenn jeder Schritt schmerze; wenn man jede Woche auf eine Bluttransfusion angewiesen sei; wenn das Aufstehen stets «einer sportlichen Höchstleistung» gleichkomme; wenn man beim Atmen Mühe habe und deshalb auch für die kleinste Gartenarbeit nicht mehr tauge – was «jammerschade» sei –, dann sei das beschwerlich. Doch viele Leute in ihrem Alter hätten «strübere» Leiden und Einschränkungen zu ertragen als sie. Deshalb klage sie nicht. Ihr Herz hüpfe noch. Und sie sei dankbar, «im Kopf» noch «voll da» zu sein.

Ruth Im Obersteg Geiser, lic. rer. pol, diplomierte Handelslehrerin, Mutter von vier Kindern und heute vierfache Grossmutter, war 1970 als erste Frau in den Berner Gemeinderat gewählt worden – zu ihrer Überraschung und zum Missfallen ihrer Partei, der SVP (die sich noch BGB nannte). Sie hiess damals noch Ruth Geiser-Im Obersteg, war dann bis 1984 Berner Baudirektorin und von 1974 bis 1978 auch Grossrätin. Ihre Wiederwahl 1976 schaffte sie im Alleingang. Dies nachdem sie aus der SVP ausgetreten war.

«Nie mehr für eine AKW-Vorlage»

Die Partei war zu ihr auf Distanz gegangen, weil sie nicht stramm auf ihrer Linie politisierte, sich sehr für Frauenanliegen stark machte – und, zumindest vordergründig, weil sie ihre engen persönlichen Bande zum SP-Gemeinderatskollegen Kurt Schweizer nicht goutierte. «Der Partei kam meine Beziehung zu Kurt Schweizer als Begründung gelegen», sagt sie, «das war für sie moralisch und politisch nicht tragbar. An meiner Amtsführung war nämlich nichts zu bemängeln.» Sie trat vorerst aus der Stadtpartei aus, 1978 aus der Gesamtpartei.

Heute ist sie «passives Mitglied der BDP», wie sie sagt. Sie sei also nach wie vor am politischen Geschehen interessiert – und sorge sich gegenwärtig natürlich auch um das, was in Libyen und Japan vor sich gehe. «Ich werde jedenfalls nie mehr für eine AKW-Vorlage stimmen», sagt sie: «Die Ereignisse in Japan haben mich von der passiven zur aktiven AKW-Gegnerin gemacht.» Wichtig sei aber, dass die Leute auch bereit seien, sich einzuschränken – nicht nur beim Energieverbrauch: «Selbstbeschränkung – das wird in Zukunft wichtig sein. Und die Einsicht, dass nicht mehr alles Wünschbare auch vernünftig und machbar ist.» Fatal sei auch, dass die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergehe: «Von den Reichen erwarte ich mehr Genügsamkeit.»

Ruth Im Obersteg sitzt an ihrem Stubentisch, der mit Zeitungen, Büchern, Briefen und Karten übersät ist. Sie schreibe viel, sagt sie – von Hand. Den Schritt ins Computerzeitalter habe sie verpasst, sie lebe noch ohne PC und E-Mail, und dies «gar nicht schlecht». Und sie erinnert sich nicht ungern an frühere Zeiten: Als sie 1970, zwei Jahre nach dem Stadtberner Ja zum Frauenstimmrecht, als erste Frau in den Berner Gemeinderat gewählt wurde, sei sie von diesem Männergremium zwar «nid grad so grüseli wohlwollend» aufgenommen worden. Und doch habe man sich, unter Stadtpräsident Reynold Tschäppät, gegenseitig zu respektieren begonnen. «Es war eine gute und interessante Zeit», sagt sie, «ich möchte keinen einzigen Tag missen. Zuvor war ich zwar 25 Jahre lang Hausfrau, Mutter meiner vier Kinder, die ich liebe. Doch zu meinem Lebensinhalt gehörte auch anderes: mein Amt als Gemeinderätin, mein politisches Engagement, vor allem für die Gleichberechtigung der Frauen in Beruf und Gesellschaft.»

«SVP betreibt nur noch eine effekthascherische Politik der Angstmacherei»

Unbehagen bereitet Ruth Im Obersteg «die Verhärtung des politischen Klimas» und die Art und Weise, wie sich ihre frühere Partei, die SVP, von ihr entfernt habe: «Sie betreibt nur noch eine effekthascherische Politik der Angstmacherei, leistet nichts Konstruktives mehr. Eine solche Partei, die alles ablehnt, was irgendwie anders ist, ist für mich keine staatstragende Partei, die uns weiterbringt.» Es sei zwar «himmeltraurig, was etwa an Kriminellem passiert», sagt sie, doch es sei fatal, «die Angst in der Bevölkerung weiter zu schüren». Die Angst vor allem Fremden zum Beispiel oder vor einigen «‹strub› aussehenden, aber harmlosen Typen, die auf der Treppe der Heiliggeistkirche sitzen».

Wir lebten nach wie vor in einer ruhigen und friedlichen Stadt, in einem ruhigen und friedlichen Land, findet sie: «Wenn ich sehe, was andere Völker für Katastrophen oder Kriege ertragen müssen, dann frage ich mich, was wir zu klagen haben.» Das ständige Gerede über Angst, Ruhe und Ordnung habe sie schon vor Jahren eingeengt, und auch heute enge es sie ein: «Man kann auch zu viel Ordnung haben. Für mich muss nicht immer alles blitzblank sauber sein. Im Gegenteil.»

Am Karfreitag hat Ruth Im Obersteg Geburtstag. Der Karfreitag sei für sie aber ein ernster Feiertag, nicht ein Festtag. «Ein stiller Tag, den ich respektiere, obschon ich stets eine miserable Kirchgängerin gewesen bin», wie sie sagt. Das Geburtstagsfest verschiebe sie deshalb auf später. (Der Bund)

Erstellt: 21.04.2011, 10:11 Uhr

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