Porträt

Fussball-Träume und die Realität

Die Sportklassen der Schule Hochfeld im Länggassquartier unterstützen junge Sportler, damit sie Leistungssport und Ausbildung besser unter einen Hut bringen können. Noch fehlen die grossen Erfolge.

Elia Alessandrini (links) und Kevin Malula vor dem Schulhaus Hochfeld 1, wo sie die Sportklasse besuchen.

Elia Alessandrini (links) und Kevin Malula vor dem Schulhaus Hochfeld 1, wo sie die Sportklasse besuchen. Bild: Manu Friederich

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Einmal an der Stamford Bridge mit dem Trikot des FC Chelsea auflaufen, in der Ligue 1 bei Olympique Marseille das grosse Geld verdienen oder bei Juventus Turin unter Vertrag stehen: Im Berner Hochfeld-Schulhaus hat es etliche talentierte junge Fussballer, die diesen Traum hegen. Dort sind drei Sportklassen untergebracht, die in der Mehrzahl von talentierten YB-Junioren besucht werden. Zwei von ihnen sind Elia Alessandrini und Kevin Malula, die von der Kombination Schulbildung und Spitzensport profitieren. An diesem Dienstagmorgen steht für die beiden 9.-Klässler kurz nach neun Uhr Französisch auf dem Stundenplan. Lehrer Bernhard Thomann erklärt eingangs der Stunde, dass die Schüler im Rahmen einer Gruppenarbeit einen kleinen Vortrag vorbereiten und anschliessend präsentieren müssten. Die 14 Knaben und drei Mädchen zeigen, dass sie auch allfällige Auslandsaufenthalte gut gerüstet wären.

Training statt grosse Pause

Während sich ihre Altersgenossen in der grossen Pause mit Freunden und Kollegen vergnügen, machen sich Elia und Kevin auf den Weg zu den nahegelegenen Sportanlagen Neufeld. Das Morgentraining ruft. Der ehrgeizige Elia schätzt die zusätzlichen Trainingsmöglichkeiten: «In dieser Schule wird die Ausbildung sehr gut auf den Sport abgestimmt. Das schätze ich sehr.» Dem italienisch-schweizerischen Doppelbürger macht es auch nichts aus, wenn er gelegentlich am Abend verpassten Schulstoff nachholen muss. «Die Belastung ist zwar nicht zu unterschätzen, doch ich will ja etwas erreichen», sagt der 14-Jährige. Auch Kevin hat lobende Worte für die Ausbildung übrig. «Ich gehe sehr gerne in die Sportklasse. Die Atmosphäre ist sehr angenehm.» Auf die Konkurrenzsituation angesprochen, meint der ehemalige Junior des SC Bümpliz 78: «Die Konkurrenz wird mit steigendem Alter grösser.» Elia führt die Konkurrenzsituation noch ein bisschen aus: «Es ist möglich, dass ein guter Kumpel auf der exakt gleichen Position spielt wie du. Da der Trainer nur einen aufstellen kann, kommt es logischerweise zu einem Gerangel um diese Position.»

Nach dem Morgentraining begeben sich die beiden jungen Fussballer ins Stadionrestaurant Neufeld, wo sie das Mittagessen einnehmen. Am Nachmittag drücken sie wieder die Schulbank. Danach folgen wie jeden Tag betreute Aufgabenstunden, welche bis kurz vor Beginn des Abendtrainings dauern.

Pubertierende Sportler

Die Fussballer und Eishockeyaner kommen mit den Eiskunstläuferinnen und Schwimmerinnen gut zurecht. Die Mischung der Geschlechter habe zu einem angenehmeren Arbeitsklima geführt, erklärt Klassenlehrer Thomann. Die meist schwierige Zeit der Pubertät falle bei den Jugendlichen der Sportklasse in der Regel etwas weniger stark aus bei einer normalen Klasse. Thomann führt das einerseits auf die stark ausgebildete Teamfähigkeit der Sportler zurück; andererseits könnten allfällige Aggressionen durch die intensive, sportliche Betätigung abgebaut werden.

Die Auswahl der Talente wurde im Laufe der Jahre wesentlich modifiziert. Thomann: «Uns wurde bewusst, dass man nicht nur sportlich fähige Schüler rekrutieren muss, sondern auch solche, die eine grosses Eigenverantwortungsgefühl haben.» Dank dem habe das allgemeine Schulniveau verbessert werden können. Neben den schulischen und sportlichen Ausbildungen soll auch der Faktor Spass nicht zu kurz kommen. Da die Sportschüler im Unterschied zu den Regelklassen im Laufe des 8. Schuljahres keine hauswirtschaftliche Grundbildung geniessen, wird diese in einer Spezialwoche nachgeholt. Dort kochen die Sportklassenschüler eine Woche lang die unterschiedlichsten Menüs.

Änderungen zum jetzigen Modell sind nicht in Planung. Kevin bedauert, dass die Sport- und Regelklassen kaum Kontakt miteinander haben: «Ein bisschen mehr Zusammenarbeit wäre sinnvoll.»

Fingerspitzengefühl verlangt

Obwohl die Rahmenbedingungen für das Projekt ausgezeichnet scheinen, blieb bisher der ganz grosse Erfolg aus. «Ausser U-21-Spieler Cristian Miani hat es keiner unserer Schüler in die Reichweite der ersten Mannschaft von YB geschafft», bestätigt Thomann. Der Thun-Spieler Andreas Wittwer habe aber immerhin während eines Jahrs die Sportklasse absolviert. Weil die meisten Schüler den Sprung nach ganz oben nicht schaffen, steht Thomann immer wieder vor pädagogischen Herausforderungen. Nämlich dann, wenn er ehrgeizigen, jungen Sportlerinnen und Sportlern erklären muss, wieso ihnen trotz allem Talent, Einsatz und Willen der Sprung auf die professionelle Stufe verwehrt bleibt. «Dies ist in der Tat ein grosses Frusterlebnis für die ambitionierten Knaben und Mädchen. In diesem Moment ist die Zusammenarbeit mit den Eltern sehr wichtig.»

Die Welt ginge nicht unter

Auch Elia und dem ein Jahr älteren Kevin ist bewusst, dass sie sich an einen Traum klammern, welchen in der Vergangenheit nicht viele erreicht haben. Deshalb besucht Elia ab Sommer 2012 das Gymnasium. Kevin wird eine Handelsschule absolvieren. An einer Zielsetzung hat sich aber nichts geändert: Beide Talente wollen unbedingt Fussball-Profi werden. Gleichzeitig betonen sie, dass es kein Weltuntergang wäre, wenn ihnen der Durchbruch verwehrt bliebe. «In diesem Fall würde ich dem Fussball auf Amateurstufe die Treue halten», sagt Kevin. Elia: «Ich auch.»

Bei den Berner Young Boys muss man derweil nicht nur weiter auf den ersten Titel seit über 25 Jahren warten, sondern auch ein Supertalent aus den eigenen Reihen. (Der Bund)

Erstellt: 16.12.2011, 09:54 Uhr

Label-Schulen

Die Sportklassen Länggasse haben seit ihrer Gründung etliche Veränderungen erfahren. Bestanden sie am Anfang ausschliesslich aus talentierten YB-Spielern, so werden sie heute auch von SCB-Junioren, Schwimmerinnen und Eiskunstläuferinnen besucht. Der Mädchenanteil liegt bei etwas über 20 Prozent. Die Sportklassen Länggasse zählen seit letztem Sommer zu den offiziellen Label-Schulen von Swiss Olympic. Mit dem Label ausgezeichnet werden Schulen, die in der Kombination Leistungssport und Ausbildung vorbildliche Arbeit leisten.

Zu den Labelträgern gehören im Kanton Bern auch mehrere Schulen, die talentierte Sportlerinnen und Sportler in Regelklassen integriert haben. Diese Schüler können sich je nach Trainingsprogramm von bis zu zehn Lektionen pro Woche dispensieren lassen. Namentlich handelt es sich um die Oberstufe Rittermatte (Biel), die Oberstufe Hofmatt (Huttwil) und die Oberstufe Progymatte (Thun). Weitere ausgezeichnete Institutionen sind die Kaufmännische Berufsfachschule BV Bern, das Gymnasium Neufeld, die Feusi Sportschulen, das Gymnasium Hofwil (Münchenbuchsee), das Seeland Gymnasium (Biel) und das Gymnasium Alpenstrasse (Biel). «In den letzten Jahren ist sehr viel passiert in der Vernetzung von Spitzensport und Ausbildung», sagt Marcel Etienne, Koordinator Lehre und Sport/Musik der Kaufmännischen Berufsfachschule BV Bern. Aktuell profitieren im Kanton Bern über 600 junge Sportler von einem spezifischen Förderprogramm. (ruk)

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