Fusion droht Spitäler finanziell zu überfordern

Das Berner Inselspital und die Spital Netz Bern AG wären nach der Fusion möglicherweise überschuldet.

Der Zusammenschluss von Inselspital und Spital Netz Bern AG wird teurer. (Adrian Moser)

Der Zusammenschluss von Inselspital und Spital Netz Bern AG wird teurer. (Adrian Moser)

In Bern wird das grösste Spital der Schweiz entstehen: Die Regierung will das Inselspital und die Spital Netz Bern AG (SNB) bis in vier Jahren zusammenführen. Die Insel ist mit 925 Betten bereits das grösste Haus im Kanton, die SNB verfügt immerhin über 520 Betten in der Bundesstadt und ihrer Umgebung. Unklar ist, welches Spital künftig welche medizinischen Dienstleistungen anbieten soll. In Schweigen hüllten sich Spitäler und Kanton bisher auch angesichts der Frage, ob eine Fusion oder eine Holding – also eine vollständige Verschmelzung oder ein gemeinsames Firmendach mit zwei unabhängigen Töchtern – die bessere und günstigere Lösung sei. Wie der «Bund» nun aus gut informierter Quelle erfahren hat, geht der Regierungsrat in einem Bericht davon aus, dass die Fusion auf jeden Fall mehrere zehn Millionen Franken kosten würde. Da das neue Gebilde so hohe Beträge über mehrere Jahre in Folge nicht kompensieren könnte, drohte ihm die Überschuldung.

Insel braucht mehr Kranke

Möglicherweise muss der Kanton deshalb für den Zusammenschluss einen Kredit gewähren. Dabei ginge es bei den Fusionsplänen eigentlich darum, Kosten zu sparen. Schon lange ist klar, dass vor allem in und um Bern zu viele Spitäler dasselbe machen – so gibt es mehrere Orthopädie-Abteilungen im Umkreis von wenigen Kilometern. Diese Überkapazitäten sind ein Grund für die steigenden Krankenkassenprämien. Ausserdem kommen ab 2012 Mehrkosten von 260 Millionen Franken auf Bern und seine Steuerzahler zu, weil der Kanton neu auch die Privatspitäler mitfinanzieren muss. Und schliesslich kann in der Schweiz ab nächstem Jahr jeder sein Spital frei wählen – der Wettbewerbsdruck steigt also. Die Regierung hält vor diesem Hintergrund in ihrem Bericht auch fest, dass sich die Fallzahlen an der Insel langsamer entwickelten als anderswo.

Um konkurrenzfähig zu bleiben, brauche das Spital mehr Patienten und vor allem mehr Zusatzversicherte. Als seine Hauptkonkurrenten sieht der Regierungsrat dem Vernehmen nach die Privatspitäler, die schon heute hoch spezialisierte Medizin anbieten und ihre Angebote ausbauen. Wie die Insel habe auch die SNB Probleme mit ihren Betriebs- und Investitionskosten. Eine Fusion der beiden Unternehmen könne sich rasch positiv auswirken, sowohl wirtschaftlich als auch qualitativ und organisatorisch. Dafür fürchtet die Regierung bei einer Fusion neben den hohen Kosten im schlimmsten Fall eine Überforderung des Systems, den hohen Aufwand und den Widerstand der Beteiligten. Für die Variante Holding gibt es noch keine Kostenschätzung. Die Regierung hält aber fest, dass die Unternehmen mit dieser Dachstruktur möglicherweise leichter und flexibler zu steuern wären.

Grossräte sind für Holding

Damit die Unternehmensführung in einer Holding tatsächlich erleichtert wird, ist offenbar vorgesehen, einen Chefarzt mit abschliessender Entscheidungskompetenz pro Fachbereich – zum Beispiel für die Gynäkologie – einzusetzen. Als Nachteile einer Holding werden mangelnde Koordination und mögliche Kommunikationsprobleme aufgeführt. Eine eindeutige Empfehlung bezüglich Fusion oder Holding enthält der Bericht aber dem Vernehmen nach nicht. Interessant ist schliesslich, dass die Regierung die Auswirkungen der Annäherung auf kleinere Spitäler weit weg vom Zentrum des Kantons als gering erachtet. Das neue Gebilde werde allenfalls Privatspitälern in der Region Bern Patienten abjagen. Die Frage, ob das Überleben der kleinen Spitäler durch den womöglich sehr teuren Zusammenschluss in Bern gefährdet sei, war immerhin der Auslöser für den Bericht. Grossräte aus peripheren Gebieten – unter ihnen BDP-Fraktionschef Dieter Widmer (Wanzwil) und Burgdorfs Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch (SP) – hatten ihn gegen den Willen der Regierung gefordert, nun wird ihn zuerst die Finanzkommission des Grossen Rats beraten.

Im Hinblick auf diese Debatte forderten die Motionäre gestern sozusagen prophylaktisch in einer Medienmitteilung, die Regierung müsse die Varianten Fusion und Holding gleichwertig behandeln. Sie selbst haben indes schon einen Favoriten: Eine Holding sei die sinnvollste Lösung, schreiben sie. Als Begründung folgt eine rhetorische Frage: Ob eine Fusion nicht bedinge, dass zum Beispiel die Pensionskassen, die verschiedenen Lohnsysteme und die Informatik mit enormen Kosten zusammengeführt werden müssten?

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt