Für Mosaiksteinchen nach St. Moritz

Der Berner Leichtathlet Philipp Bandi startet Ende Juli an der EM in Barcelona über 5000 Meter. Den letzten Schliff dazu holt er sich in der Höhe.

Das wechselnde Wetter und die ändernden Jahreszeiten machen für Philipp Bandi  die «Faszination des Laufens» aus. (Adrian Moser)

Das wechselnde Wetter und die ändernden Jahreszeiten machen für Philipp Bandi die «Faszination des Laufens» aus. (Adrian Moser)

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Sie ist überzeichnet, natürlich, wie jede Karikatur. Doch sie zeigt unverkennbar ihn: Philipp Bandi. Das Comicfigürchen auf seiner Homepage hat das gleiche schmale, lange Gesicht mit dem spitz zulaufenden Kinn und den durch die Haut schimmernden Barthaaren; dieselben lockigen, nicht ganz kurz geschnittenen Haare. Ja, sogar das Lachen, das der Athlet oft im Gesicht trägt, ist das gleiche. Klickt man weiter, so rennt das Männchen, so schnell es die Beine tragen, über Felder, Wiesen und Hügel, durch Wälder und die Stadt Bern – alles Schauplätze, mit denen Bandi besondere Erinnerungen verbindet. Die Pausen nutzt es zum Dehnen.

Auch der «richtige» Philipp Bandi läuft viel: 12 Trainingseinheiten à 2 Stunden absolviert der 32-Jährige wöchentlich neben seinem 50-Prozent-Pensum als Teilprojektleiter in der Personalabteilung der Postfinance. Dass aus ihm ein Läufer wird, war schon früh klar: Im Turnverein war er zwar noch polysportiv tätig, doch schon bald merkte er, dass er auch mit kleinem Aufwand bei den Rennen immer vorne dabei war. Also wechselte Bandi, der in Münchenbuchsee aufwuchs, mit 13 Jahren zur GGB in die Läufergruppe.

Die EM in Thun als Wende

Die Initialzündung, von kürzeren Strecken auf längere und von der Bahn ins Gelände zu wechseln, waren die Cross-Europameisterschaften 2001 in Thun. «Diese Chance hast du vielleicht nur einmal in deinem Leben», sagte sich Bandi, und arbeitete im Sommer davor vor allem auf die 5000-Meter-Strecke hin. Er sei immer noch ein Fan des Crosslaufs, sagt Bandi: «Damit bin ich gross geworden, es ist gut für die Ausdauer und auch für den Kopf, wegen der Topografie und des Wetters, das auch ‹gruusig› und kalt sein kann. Man lernt, zu kämpfen und sich durchzubeissen.» Das wechselnde Wetter und die verschiedenen Jahreszeiten machen für ihn denn auch die «Faszination des Laufens» aus.

Ein Grossteil des Trainings findet noch immer im Wald statt, rennmässig aber konzentriert er sich momentan auf die Tartanbahn. So war Bandi der erste Schweizer Bahnathlet, der die Limite für die Europameisterschaften in Barcelona unterbot. Er ist froh, ist der Plan aufgegangen. «So kann ich im Training Schritt für Schritt vorwärtsgehen, ohne Panik, weil ich noch eine bestimmte Qualifikationszeit laufen muss», so Bandi. Trotzdem lief ihm der Wettkampfblock, den er nach seinem Aufenthalt in den USA begann und am Wochenende an der Team-EM abschliesst, nicht optimal.

Die «Hauptprobe» in Belgrad

In Belgrad, wo die Schweizer den Wiederaufstieg in die höchste Klasse schaffen wollen, hat er die letzte Chance, den Ernstkampf zu proben. «Im Hinblick auf die EM kommt mir der Anlass gelegen, weil es auch ein taktisches Rennen sein wird, wie ich es in Barcelona erwarte.» Mit anderen Worten: «Drei Kilometer läuft nicht viel, dann geht die Post ab.» Nur der Rang zählt, nicht die Zeit.

Ob nun die «Hauptprobe» gelingt oder nicht: Im dritten Höhentrainingslager des Jahres in St. Moritz (nach Kenia im Winter und Flagstaff, Arizona, im Frühling) hat Bandi noch einmal Zeit, «an den Mosaiksteinchen zu schleifen, die noch nicht ganz ineinanderpassen». Gleich anschliessend steht er noch an der SM in Lugano über 1500 Meter am Start, «um noch ein Rennen zu haben, und um die Schnelligkeit zu testen». Bandi wäre aber nicht Bandi, würde er nicht nachschieben: «Und hoffentlich auch, um die Spezialisten zu schlagen.»

Der «positive Teufelskreis»

In all den Jahren als Leistungssportler hat ihn nebst den Teilnahmen an internationalen Grossanlässen vor allem eine Frage angetrieben: «Wie viel kannst du aus dir herausholen?» Das Ganze habe eine Eigendynamik entwickelt, sei zu einem «positiven Teufelskreis» geworden. In der Zeit zwischen 1998 und 2003, als er an beiden Füssen je zwei Ermüdungsbrüche erlitt, zeigte ihm sein Körper die Grenzen auf. Abgesehen von einem Handgelenkbruch, den er sich bei einem Sturz in einem Rennen zuzog (und trotzdem in unter 14 Minuten ins Ziel kam), blieb er seitdem verletzungsfrei. «Das ist mit ein Grund für den Leistungssprung, den ich in den letzten Jahren noch einmal machen konnte», sagt Bandi. Der andere ist wohl, dass er auch gelernt hat, auf seinen Körper zu hören und ihm bei kleineren Blessuren genügend Erholungszeit zu geben.

Den Weg rückwärts gegangen

Das Fernziel Barcelona hat sich Bandi vor vier Jahren gesteckt: 2003 hatte er eine Woche vor der Abreise an die Universiade den letzten Ermüdungsbruch erlitten, 2005 folgte die erste Teilnahme an der Studenten-Olympiade, doch 2006, als das grosse Ziel die EM in Göteborg war, zog Bandi in eine «furchtbare Saison» ein. Die verpasste EM weckte den Hunger nach mehr. Umso überraschter war auch er selbst, dass er sich zwei Jahre später im letzten Moment für die Olympischen Spiele in Peking qualifizierte. «Normalerweise geht man den Weg von der EM über die WM zu Olympia», sagt Bandi und schmunzelt. «Ich gehe ihn nun rückwärts.» Ob er es auch für London 2012 noch einmal versuchen will, lässt Bandi offen. «Im Moment bin ich motiviert und laufe mit viel Freude. Aber ich schaue von Jahr zu Jahr.» Und zuerst einmal nach Barcelona, wo das Ziel Finalqualifikation lautet.

(Der Bund)

Erstellt: 18.06.2010, 12:04 Uhr

EM-Serie

Ab heute stellt der «Bund» in loser Reihenfolge die Berner EM-Teilnehmer vor, die vom 27. Juli bis zum 1. August in Barcelona am Start sind.

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