Freie Sicht auf die Young Boys

Im YB-Film «Meisterträume» blicken Norbert Wiedmer und Enrique Ros hinter die Kulissen des Berner Fussballklubs. Das ist erhellend und berührend – und am Ende ziemlich melancholisch.

Vladimir Petkovic spricht mit Doumbia Klartext. (zvg)

Vladimir Petkovic spricht mit Doumbia Klartext. (zvg)

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Norbert Wiedmer und Enrique Ros waren schnell, sehr schnell. In gerade mal neun Monaten haben die Berner Filmemacher «Meisterträume» gedreht – ein Rekordtempo für einen Dokumentarfilm mit Anspruch. Das Fussballkarussell aber dreht sich noch schneller. So ist die Ära von Stadionchef Stefan Niedermaier, eine ihrer Hauptfiguren und der Mann, der ihnen die Türen geöffnet und den Film erst möglich gemacht hatte, bereits Geschichte.

Niedermaiers erste Worte im Film haben prophetischen Charakter: «Diejenigen, die dich heute auf den Schild heben und rühmen, sind dieselben, die dich morgen kaputt machen. Das geht schnell.» Er sagt dies zu den Spielern, es geht um ihr Verhalten in der Öffentlichkeit, wo sie als Aushängeschilder des Klubs unter besonderer Beobachtung stehen. Niedermaier wurde kurz vor der Premiere des Films im August im Open-Air-Kino von den YB-Investoren durch Ilja Kaenzig ersetzt, was ziemliche Turbulenzen verursachte. «Der Film wurde damit vom Dokument zum Denkmal», sagt Norbert Wiedmer.

YBs langer Weg zur Nummer eins

Zusammen mit Enrique Ros hat er die Young Boys durch die Saison begleitet, die zum Meistertitel hätte führen sollen. Es blieb beim Traum: YB verspielte 13 Punkte Vorsprung, Meister wurde der FC Basel. Kein Happy End für YB, kein Happy End auch für den Film. Das Scheitern sei filmisch interessanter, finden Wiedmer und Ros – ob sie das im Falle eines Triumphs auch so gesehen hätten? Für Niedermaier und seine Crew ist es jedenfalls eine herbe Niederlage, denn die Ziele des Klubs sind hoch. YB wolle sich, so Niedermaier im Film, als europäische Marke und in der Schweiz als Nummer eins etablieren.

Nicht aus Fanperspektive, sondern mit dem nüchternen Blick des Dokumentaristen schildern Wiedmer und Ros das Tagesgeschäft. Ihr Anspruch geht dabei über die Saison-Chronik hinaus, sie wollen das Innenleben eines aufstrebenden Klubs exemplarisch festhalten. Sie konzentrieren sich ganz auf das sportliche Geschehen, das Leben der Akteure ausserhalb von Spielfeld und Stadion interessiert sie nicht. Sie zeigen Trainings und Matchvorbereitungen, die Rituale in der Kabine und das Geschehen auf der Trainerbank; die Kamera ist dabei, wenn die Sportpsychologen die Mannschaft mental aufrüsten («Jagen wir gemeinsam!»), Trainer Vladimir Petkovic Einzelgespräche mit seinen Spielern führt, der YB-Verwaltungsrat Heinz Schneiter die Führungsriege mit seiner Kritik konfrontiert oder der Journalist Reto Gafner im Medientraining jene Spieler schult, die er am Wochenende fürs Schweizer Fernsehen befragt.

«Ich bin auch nur ein Mensch»

Besonders spektakulär ist dieser Alltag nicht, und wer sensationelle Enthüllungen erwartet, wird enttäuscht. Der Film zeigt YB als familiäre Multikulti-Gemeinschaft und überzeugt in den kleinen Beobachtungen und Episoden. Petkovics Taktikstunde, die bei Giuseppe Morello (heute FC Thun) blankes Unverständnis provoziert, zählt ebenso zu den Highlights wie die Szene, in der Alberto Regazzoni mit dem Trainer darüber streitet, ab welcher Körpertemperatur man von Fieber sprechen kann. Geradezu ans Herz wächst einem David Degen, wenn er beim Psychologen sein Inneres nach aussen kehrt und um Lob bittet: «Ich bin auch nur ein Mensch. Schlussendlich gehts immer ums Gleiche, die Leute suchen Anerkennung, in allen Belangen.»

Zentrale Figur ist Vladimir Petkovic. Er ist sowohl väterlicher Freund wie radebrechender Übungsleiter («Machst du wieder Pitschi-Patschi!») oder strenger Richter. So kann es geschehen, dass die Spieler, die auf dem Platz ihren Kopf hoch tragen sollen, in der Kabine von ihm schon mal wie Schulbuben in den Senkel gestellt und zu Selbstkritik gezwungen werden.

Gute und böse Geister

Regelmässig rücken Wiedmer und Ros die Materialwarte Heinz Minder und Hans Imboden ins Bild, die guten Geister, die eingespielt wie ein Ehepaar im Hintergrund wirken. Den beiden kommt schon fast die Funktion des Chors in einem antiken Drama zu, auch wenn ihre Kommentare oft wortkarg bleiben. Klassikerformat hat ihr Dialog nach der vorentscheidenden Auswärtsniederlage in Luzern, wo YB im zweitletzten Saisonspiel mit 1:5 unterging: «Bleib doch jetzt verdammt noch mal positiv.» – «Ich bin jetzt 25 Jahre positiv gewesen.» Bei jener Partie läuft auch der Film zu ästhetischer Hochform auf. In Luzern haben Wiedmer und Ros eindrückliche Untergangsbilder eingefangen mit unselig wabernden Nebeln und dämonischen Löwenköpfen – hier ist das Scheitern filmisch tatsächlich ein Gewinn.

«Meisterträume» überzeugt durch seinen unprätentiösen Blick auf das Innenleben von YB, er berührt durch die Offenheit und Lockerheit der Akteure. Darüber hinaus hat der Film auch analytische Qualitäten. So legt er den Schluss nahe, dass YB die Meisterschaft verloren hat, weil der Mannschaft ein Führungsspieler fehlte. Vladimir Petkovics Suche nach dem richtigen Leader zieht sich jedenfalls wie ein roter Faden durch den Film. Weder Wölfli noch Dudar können diese Rolle wirklich ausfüllen, in seiner Not denkt Petkovic gar daran, diese Regazzoni zu übertragen. Dass er selber es war, der mit Gilles Yapi den Kopf der Mannschaft auf die Ersatzbank setzte, nachdem dessen Wechsel auf Ende Saison zum FC Basel festgestanden hatte, macht das Scheitern nur noch unglücklicher. Am Ende dominiert wieder jene typische YB-Stimmung, von der sich der Klub mit allen Mitteln verabschieden will: Melancholie.

Der Film läuft ab Donnerstag in Bern in den Kinos Movie 1 und Pathé Westside. (Der Bund)

Erstellt: 20.10.2010, 07:13 Uhr

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