Eine Nabel- vor der Leistungsschau

Die Inszenierung von Organisatoren und Sponsoren gibt der Stadt Bern einen Vorgeschmack, was beim Formel-E Rennen auf sie zukommt.

Der junge Mann ist ganz aufgeregt. Fast feierlich tritt er an den Formel-E-Wagen heran, mit seiner Kamera und dem Notizblock sieht er aus wie ein Reporter. «Ich bin ein grosser Fan», erklärt er – und hält Ausschau nach Rennfahrer Sébastien Buemi.

Bern erlebt an diesem Donnerstagmorgen einen kleinen Vorgeschmack darauf, was die Stadt am 22. Juni so erwarten dürfte. 35 Tage vor dem Start zur Formel E haben die Organisatoren eingeladen, zu einem Showcase mit Rennwagen, zu einer Pressekonferenz mit Sponsoren und allerhand Brimborium. Gekommen sind Rennsportmedien und Rennsportfans, so ganz einfach ist das an diesem Vormittag nicht immer voneinander zu trennen.

«Mehr als ein Rennen»

Auf dem Bundesplatz versetzt der Schweizer Formel-E-Pilot Buemi die Leute mit ein, zwei Schwenkern in freudige Erregung. Und an der Pressekonferenz am Berner Regierungssitz im Erlacherhof reden Vertreter der Geldgeber von der «unschlagbaren Kulisse» für die «Leistungsschau der Elektromobilität».

Vorab ist es an diesem Donnerstag aber vor allem eine Nabelschau. Mittendrin: Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL). Vergangenen Herbst ging es nach dem umstrittenen Entscheid des Gemeinderats, das Rennen in Bern auszutragen, eine Weile hoch zu und her. Der Unmut der Anwohner hat sich seither etwas gelegt, die Wogen sind geglättet, und von Graffenried eröffnet die Konferenz schliesslich mit den Worten: «Das, was uns da erwartet, ist mehr als ein Rennen.»

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12 bis 15 Millionen Budget

Es ist in der Tat ein Grossanlass, der rund um das eigentliche Rennen auf die Stadt zukommt. Pascal Derron, CEO der Veranstalterin Swiss E-Prix, rechnet mit 100000 Zuschauern. Das sei zwar ein bisschen weniger als die 150000 vergangenes Jahr in Zürich, für die engen Platzverhältnisse in der Berner Altstadt und rund ums Schosshaldenquartier aber immer noch enorm viel.

«Die Diskussion um Nachhaltigkeit, die habe ich während der Vorbereitungen auf das Rennen in Bern besonders gespürt», sagt Derron. Und die Diskussion hält an. Das Komitee «Formel E ade» machte am Donnerstag in einem Communiqué auf diverse Protestaktionen aufmerksam, welche sie bis zum Start Ende Juni noch plant. Stadtparlamentarier Luzius Theiler (GaP) hat gegen das Rennen eine Beschwerde eingereicht, die noch hängig ist. Doch grundsätzlich bewilligt hat der Gemeinderat den Anlass bereits im Herbst. Die Stadt habe den Organisatoren eine ganze Reihe von Auflagen gemacht, diese hätten sich dabei «sehr kooperativ» gezeigt, wie von Graffenried sagt.

Bezüglich der Kritik hat der Stadtpräsident nach den Diskussionen im Herbst eine klare Haltung. «Ich bin ja auch nicht unbedingt der Meinung, dass ein Autorennen per se in die Stadt gehört», sagt er in eine Kamera. «Aber das ist eine besondere, für Bern auch einmalige Sache mit einem visionären Hintergrund.»

Dass die Formel E nach Bern zurückkehren wird, war nach dem politischen Aufschrei sowieso nicht zu erwarten. Mittlerweile deuten auch die Pläne der Organisatoren für die nähere Zukunft darauf hin, dass die Rennserie so schnell nicht mehr in die Bundesstadt zurückkommt. Derron schwebt ein Turnus zwischen diversen Schweizer Städten vor. Die Zürcher Regierung steht einer Austragung 2020 positiv gegenüber – vorausgesetzt, man findet eine andere Strecke als den umstrittenen Kurs 2018 am Seebecken. Genf verhandelt derzeit die Bewilligung für 2021, auch Lugano war schon ein Kandidat. «Was in drei Jahren ist, wissen wir noch nicht», sagt von Graffenried. «Jetzt bringen wir erst einmal das Rennen über die Bühne, ziehen Bilanz, und dann sehen wir weiter.»

Die Veranstalter operieren mit einem Budget von etwa 12 bis 15 Millionen Franken, für die Stadt entstehen Unkosten in der Höhe von etwa einer Million Franken, die sie dem Veranstalter in Rechnung stellen kann. Dafür hat man sich von den Organisatoren eigens eine Bankgarantie hinterlegen lassen. So musste die Stadt beim Parlament keinen Kredit beantragen – was wiederum das Bewilligungsverfahren erleichtert hat.


Bern erlebt die Rückkehr der Autorennen: Im Juni 2019 werden E-Boliden durch die Stadt surren. Ist das ein sinnvoller Anlass? Wie halten Sie es mit der Elektromobilität? Könnte das der Stadt etwas bringen? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch» auf
stadtgespraech.derbund.ch

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