Finn noch immer in Lebensgefahr

Zwei Tage nach dem Drama im Bärenpark geht es dem angeschossenen Bären etwas besser – ob er ausser Lebensgefahr ist, kann aber erst heute beurteilt werden. Der 25-jährige Mann, der ins Gehege gelangt war, war gestern noch nicht vernehmungsfähig.

Finn wird zurzeit rund um die Uhr überwacht und braucht laut Tierparkdirektor Schildger absolute Ruhe. (zvg)

Finn wird zurzeit rund um die Uhr überwacht und braucht laut Tierparkdirektor Schildger absolute Ruhe. (zvg)

Die gute Nachricht zuerst: Dem bald vierjährigen Bärenparkbewohner Finn geht es etwas besser; er ist aufmerksam und frisst. Dies teilten die Verantwortlichen des Berner Bärenparks gestern mit.

Entwarnung ist damit aber noch nicht gegeben: Finns Überlebenschancen können erst heute Dienstag mit ­Sicherheit beurteilt werden. Der rund 250 Kilogramm schwere Braunbär, der am Samstag von einem Polizisten angeschossen wurde, befindet sich momentan im Stall des Bärenparks, liegt, vermeidet möglichst jegliche Bewegung. Und wenn er sich doch etwas bewegt, lahmt er.

«Er braucht im Moment absolute Ruhe», erklärte gestern Bernd Schildger, Direktor des Tierparks Dählhölzli und des Bärenparks. Ein Anlass, der für morgen im Bärenpark geplant war, wurde bereits abgesagt.

Der Bär wird rund um die Uhr überwacht und zwei Mal pro Tag vom Tierarzt untersucht. Finn erhält Antibiotika sowie hoch dosierte Schmerz- und Kreislaufmedikamente. Mit den Antibiotika wird verhindert, dass Keime an der offenen Wunde eine Infektion auslösen.

Narkose und Operation zu riskant

Die Schussverletzung kann laut Schildger nicht direkt behandelt werden, eine Operation kommt aus zwei Gründen nicht infrage: Erstens ist Finn in seinem momentanen Zustand ein sogenannter Narkose-Risikopatient. Das bedeutet, es wäre nicht sicher, ob er die Narkose überleben würde. Dies rührt daher, dass Finn als Folge des enormen Stresses vom Samstagnachmittag einen stark belasteten Kreislauf hat und deshalb die zusätzliche Aufregung einer Operation und die Belastung einer Narkose tödlich sein könnten. Der zweite Grund, weshalb Finn nicht operiert werden kann, liegt an der Art seiner Verletzung. Die Polizei hatte am Samstagnachmittag ein sogenanntes Mannstopp-Geschoss auf den Bären abgefeuert, die Kugel drang in die rechte Brustwand ein. «Das Geschoss hat sich beim Auftreffen im Körper in viele Teile aufgesplittet», erklärte Schildger. «Wollte man bei einer Operation all diesen Splittern nachgehen, würde man das Gewebe nur noch stärker verletzen.» Deshalb wäre der Erfolg eines chirurgischen Eingriffs «fragwürdig», sagte Schildger. Bezüglich der Eigenschaft der eingesetzten Munition gibt es aber offenbar unterschiedliche Interpretationen (siehe Kotext).

Und niemand hat eingegriffen

Das Drama im Bärenpark hatte sich am Samstagnachmittag ereignet: Ein 25-jähriger, geistig behinderter Mann stieg kurz nach 16 Uhr auf eine Mauer des ­Bärenparks und verharrte dort für eine Weile in Kauerstellung.

An der Medienkonferenz vom Sonntag hatte Schildger erklärt, mehrere Personen seien am Mann vorbeigegangen, hätten aber nicht eingegriffen («Bund» von gestern). Polizeisprecher Franz Märki sagte nun gestern dazu, es sei schwierig, herauszufinden, ob doch jemand versucht habe, mit dem Mann in Kontakt zu treten. Denn die Videokameras vor Ort zeichneten nur Bilder und keinen Ton auf. Auch die Frage, ob der Mann anschliessend von der Mauer ins Bärengehege stürzte, weil er das Gleichgewicht verloren hatte, oder ob er absichtlich mit einem Sprung ins Gehege gelangte, könne nach dem Sichten der Videoaufnahmen «nicht restlos geklärt werden», erklärte Märki. Deshalb habe die Polizei am Wochenende einen Zeugenaufruf gestartet. «Es haben sich verschiedene Zeugen gemeldet, die Auswertung der Angaben dauert noch an», sagte der Polizeisprecher.

Wie auch immer der Mann letztlich ins Gehege gelangte: Finn griff ihn an und verletzte ihn am Kopf, an den Oberschenkeln und an der Hand. Der Mann ist zwar ausser Lebensgefahr, befindet sich aber nach wie vor in Spitalpflege. Bereits am Sonntag hatte Schildger gesagt, der Bär habe so reagiert, wie ein Bär in solch einer Situation eben ­reagiere. Gestern nun fügte er an, aus Sicht des Bären sei der Mann nicht bloss ein Eindringling gewesen. «Der Mann stand mit wedelnden Armen vor Finn. Das hat der Bär ganz klar als Angriff interpretiert.»

Alle wissen es besser

Was dann folgte, sorgt in der Bevölkerung noch immer für grösste Emotionen und verschiedenste Theorien: Die angerückte Polizei beurteilte die Lage, positionierte sich – und dann schoss ein Polizist auf den Bären, welcher daraufhin vom jungen Mann abliess. War diese Schussabgabe wirklich die einzig mögliche Option in dieser Situation? «Es gibt Hunderte Leute, die es angeblich besser wissen. Doch die Antwort ist kurz und simpel: ja», sagte Schildger. Hätte man den Bären mit Gegenständen beworfen oder mit Narkosemunition beschossen, hätte dieser «noch aggressiver reagiert». Genau aus diesem Grund sei auch das Abfeuern eines Warnschusses keine Option gewesen. «Finn hatte in diesem Moment ohnehin schon einen Superstress. Ein Warnschuss hätte den Stress nur noch vergrössert.» Dass die Bevölkerung Anteil nimmt am Schicksal von Finn, zeigte sich gestern beim Bärenpark: Im Laufe des Tages legten die Leute Genesungskarten und sogar einzelne Honiggläser nieder.

Offene Fragen zum Verletzten

Fragen blieben nach dem Drama vom Samstagnachmittag auch bezüglich des jungen Mannes offen, der in das Gehege gelangt war. Dass er geistig behindert sei, hätten die Identitätsabklärungen nach dem Vorfall ergeben, erklärte Polizeisprecher Franz Märki.

Diese Tatsache wirft Fragen auf: War der 25-jährige Mann alleine unterwegs oder in Begleitung? Woher ist er gekommen? Wohnt er bei seiner Familie, in einer Einrichtung für Behinderte oder alleine? Hat allenfalls jemand gemerkt, dass er weggegangen ist? Ob der Mann alleine oder in Begleitung unterwegs war, sei «Gegenstand weiterer Abklärungen», über welche die Polizei mit grosser Wahrscheinlichkeit zu gegebener Zeit informieren werde, sagte Märki. Die anderen Fragen dürfe er aus Persönlichkeitsschutzgründen nicht beantworten. Die Befragung des Mannes habe bis jetzt noch nicht stattfinden können.

Der Bund

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