«Es muss nach Emmental tönen»

Stefan Huber inszeniert «Gotthelf – das Musical» auf der Thuner Seebühne. Der Regisseur will Gotthelfs Universum nicht auf den üblichen Musicalglamour trimmen, ihn interessiert vielmehr das Archaische dieser Welt.

Die Liebe verleiht Flügel: Änneli (Sabine Schädler) und Felix (Lukas Hobi) in luftiger Höhe über der Seebühne.<br /> (Markus Grunder/zvg)

Die Liebe verleiht Flügel: Änneli (Sabine Schädler) und Felix (Lukas Hobi) in luftiger Höhe über der Seebühne.
(Markus Grunder/zvg)

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Für diesen Sommer hat sich Stefan Huber einen Strohhut gekauft. Für die Zeit mit Gotthelf, für die Wochen in der Hitze auf den hölzernen Brettern der Bühne der Thuner Seespiele. Dort steht zwar für den Regisseur und seine Entourage ein kleines Zelt. Doch Huber springt immer wieder auf, um ins Bühnengeschehen einzugreifen. Wenn zum Beispiel das Tempo in jenem dramatischen Augenblick noch nicht stimmt, wie der Sepp das Elsi mit der Mistgabel in die Jauchegrube stösst und dabei aufpassen muss, dass er nicht über den Misthaufen stolpert.

Geprobt wird «Gotthelf – das Musical». Doch die beiden, die da in der grellen Sonne miteinander zanken, sind keine Figuren aus dem Leben des Emmentaler Pfarrers Albert Bitzius (1797– 1854), der als Schriftsteller Jeremias Gotthelf berühmt geworden ist. Inszeniert wird mit der neunten Produktion der Thuner Seespiele vielmehr «Die Käserei in der Vehfreude», die Geschichte der Emmentaler Bauern, die statt einer Schule lieber eine Käserei bauen, weil sie das grosse Geld wittern. Auf diesem bäuerlichen Schlachtfeld der Intrigen gerät zudem ein junges Paar in die Schusslinie, das arme Änneli und der reiche Felix, zwei Liebende mit reinem Herzen, denen die andern ihr Glück neiden.

Unter dem flotten Titel «Cheese» wollte man in Thun erst das Musical verkaufen, als zu altbacken wurde das Original für die 10-Millionen-Produktion empfunden, mit der man den letztjährigen Grosserfolg von «Dällebach Kari» zu wiederholen hofft. «Charles Lewinsky, der Autor des Musicals, und ich fanden ‹Cheese› nicht passend», sagt Huber. Man habe sich dann auf «Gotthelf – das Musical» geeinigt. Eine leicht irreführende Affiche, denn über das Leben des Emmentaler Pfarrers erfährt man nichts und der Gotthelf, den der frühere Radiodirektor Andreas Blum-Holzer spielt, ist auch keine Hauptrolle.

So wenig, wie Stefan Huber Gotthelfs Welt auf den üblichen Musicalglamour trimmen mag, so viel liegt ihm daran, die mannigfaltigen Möglichkeiten des Genres auszureizen. Für Huber und seinen Bühnenbildner Harald Thor ist sofort klar gewesen, dass auf die Seebühne weder Stöckli noch Scheiterbeige und Geranien gehören. «Dieses grossartige Panorama hier darf man nicht konkurrenzieren», sagt Huber. Dafür darf Thor tief in der Trickkiste wühlen: Voller Fallgruben ist die schlichte Bühne, Deckel auf, Deckel zu, und wer eben noch weit oben war, der ist plötzlich ganz unten.

Auch bei den Requisiten und den Kostümen setzt Huber auf einfache, klare Konturen. Mal schwarz, mal weiss, mal grau ist seine bäuerliche Welt, wo neben Mistgabeln, Waschbrettern und -körben auch Bohnenstangen zum Einsatz kommen.

Keine heile Welt

Gotthelf und andere Heimatdichter boomen. Landauf, landab wird vertraut Helvetisches auf den Freilichtbühnen aufgeführt (siehe Kasten), und es ist auch bei einem jungen Publikum gefragt. Für diesen Trend der Rückbesinnung auf gute alte Schweizer Werte, der auch im Schweizer Film auszumachen ist, hat Huber eine einfache Erklärung. «In Zeiten zunehmender Verunsicherung und Orientierungslosigkeit klammert man sich gerne an Bilder, von denen man das Gefühl hat, dass sie etwas unverfälscht Schweizerisches zeigen. Denn dort fühlt man sich einen Moment lang aufgehoben.»

Mit heimatlichen Stoffen kennt sich Stefan Huber aus. In Walenstadt hat er die beiden Folgen des Musicals «Heidi» inszeniert (2005/2007), mit den «Schweizermachern» (2010) hat er in Zürich vorgeführt, dass auch politische Stoffe musicaltauglich sind, und dem Berner Stadttheater Bern hat er dieses Jahr mit seiner Inszenierung «Altweiberfrühling» nach dem Erfolgsfilm «Die Herbstzeitlosen» eine Cashcow in den Stall gestellt.Keine heile Welt macht Huber allerdings in Gotthelfs «Käserei in der Vehfreude» (1850) aus. «Gotthelf ist einer der ganz grossen Epiker der Schweizer Literatur, der zeitlose Themen im Mikrokosmos eines kleinen Dorfes beschreibt.» Topaktuell ist die wirtschaftliche Gier, von der die Dorfbevölkerung befallen wird. «Beim Lesen des Stücks und der Romanvorlage entdeckte ich eine sehr eigene düstere Welt mit Moralvorstellungen, die weit weg von der heutigen Political Correctness sind», sagt Huber. «Da ist sofort klar, wer die Guten sind und wer die Bösen. Mich fasziniert das Scherenschnittartige dieser Charakteren, das wir für die Bühne noch schärfen.» Huber gefällt auch, dass die Figuren keine Entwicklung durchmachen und auf eine Psychologisierung verzichtet wird. «Stärkere Bilder sind so möglich, das Publikum soll in eine archaische Welt hineintauchen, die weit weg von der unseren ist, und dabei realisieren, dass es dort gar nicht so viel anders zu- und hergeht als bei uns.»

Die neunte Fassung

Auf der Bühne wird die neunte und letzte Fassung geprobt. Den ersten Stücktext hat Charles Lewinsky vor fast drei Jahren geschrieben, üblicherweise liefert der Zürcher Erfolgsautor jeweils eine einzige Fassung ab und mischt sich dann nicht weiter in die Produktion ein. Doch den «Gotthelf» hat er zusammen mit Regisseur Huber und Komponist Markus Schönholzer immer wieder überarbeitet. Die drei kennen sich gut: Lewinsky holte einst Huber als Regisseur für die Sitcoms «Fascht e Familie», «Mannezimmer» und «Fertig luschtig». Und mit Schönholzer, der unter anderem auch die Musik für Hubers Inszenierung der «Schweizermacher» schrieb, realisierte Lewinsky das Musical «Deep».

«Ich wollte den klassischen Musical-Rhythmus von Dialog, Song, Musik aufbrechen», sagt Huber. Seine Idee von einem durchkomponierten Werk sei bei Lewinsky und Schönholzer gut angekommen. Eine Bauernoper soll sein Gotthelf sein, in der fast alle Szenen mit Musik untermalt sind. «Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, ohne Musik zu arbeiten», sagt der 51-jährige Huber, der einst an der Berner Schauspielschule studiert hat und als junger Mann in der «West Side Story» als Tony aufgetreten ist. «Sprache ist für mich Musik, und Musik ist Sprache und Bewegung. Ich will da eine Einheit schaffen, bei der das Publikum vergisst, ob jetzt gerade getanzt oder gesungen wird, denn der Sog ist viel grösser, wenn alles in Bewegung bleibt.»Eine Bewegung, die auf der Seebühne eine ganz eigene Klangfarbe bekommt. Männer und Frauen tragen schweres, klobiges Schuhwerk. «Es muss nach Gotthelf tönen, nach Emmental», sagt Huber und rückt sich den Strohhut zurecht.

(Der Bund)

Erstellt: 02.07.2011, 12:40 Uhr

«Gotthelf – das Musical»

«Gotthelf – das Musical» wird auf der Seebühne in Thun vom 12. Juli bis zum 27. August gespielt. Heute Samstag wird in der Thuner Innenstadt das Musical mit viel Musik, Emmentaler Marktständen und einem Umzug «getauft» (8 bis 18 Uhr). Weitere Infos: www.thunerseespiele.ch

Stefan Huber

Der 51-jährige Regisseur, der seine Karriere als Schauspieler begann, hat in Bern zuletzt am Stadttheater den erfolgreichen «Altweiberfrühling» inszeniert.

Freilichttheater

Nicht nur die Thuner Seespiele haben Gotthelf entdeckt. Auch andere Freilichttheater lassen seine Emmentaler Geschichten von reichen Bauern und gebeutelten Knechten, von hochnäsigen Herrinnen, fleissigen Mägden, flotten Handwerkern und gestrengen Schulmeistern wieder aufleben.

«Gotthelfs Besenbinder von Rychiswyl und wie Franz Schnyder ihn verfilmte»
Ein ambitiöses Projekt hat sich dieses Jahr das Landschaftstheater Ballenberg vorgenommen: Mit der Geschichte vom braven Besenbinder Hansli im Glück, die er mit Schnyders schwierigen Dreharbeiten verbindet, will Regisseur Stefan Camenzind die vielen Illusionen in der Film- und Theaterwelt zeigen. 6. Juli bis 20. August.
www.landschaftstheater-ballenberg.ch.

«Schulmeister»
In Lütiwil bei Arni zeigt das Theater Lützelflüh, wie es Peter und seinen Schülern und Mädeli und ihren Kindern ergeht. Ueli Remund hat Gotthelfs Roman «Leiden und Freuden eines Schulmeisters» für die Bühne bearbeitet. 13. Juli bis 19. August.
www.theater-luetzelflueh.ch

«Elsi die seltsame Magd»

Das Hoftheater Erlach nimmt sich dem Schicksal der Magd an, der trotz ihrer guten Seele kein Liebesglück beschieden ist. Die Mundartfassung von Gotthelfs Roman stammt von Markus Michel. 13. Juli 6. August. www.bielersee-events.ch/de/hoftheater

Eichbuehlersch – E starchi Frou
Mit «Eichbuehlersch, Chummerbub» erinnerte letztes Jahr Peter Leus Freilichttheater auf der Moosegg an Simon Gfeller, einen weiteren grossen Emmentaler Dichter. Wie Gfellers Resli nun zusammen mit seinem Kätheli und der Grossmutter haushaltet, zeigt der zweite Teil. 6. Juli bis 20. August.
www.leu-enterprises.ch/flt-moosegg

«Der Glöckner»
Eine der schönsten und traurigsten Liebesgeschichten der Weltliteratur führt die Freilichtbühne Schwarzenburg auf. In der Inszenierung von Alex Truffer wird aber auf den historischen Hintergrund von Viktor Hugos Roman «Der Glöckner von Nôtre Dame» verzichtet. Esmeralda trägt Stöckelschuhe. 4. Juli bis 20. August.Weitere Infos auf der Homepage.

Klinik Faltenberg
Statt auf Klassiker setzt das Freilichttheater Lueg auf saftigen Kitsch und Trash. Auf die letztjährige Produktion «Wo die Hirschlein seufzen» folgt nun eine Story rund um die Leiden und Schmerzen des Schönseins. Autor Ueli Frey verspricht diesmal «eine vielleicht etwas verrückte, aber mit einem Funken Wahrheit behaftete Parodie mit Leidenschaft». 3. August bis 3. September. www.freilichttheaterlueg.ch

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