Es droht Stress ab Geburt für Mutter und Kind

Wegen der Einführung der Fallpauschale werden Wöchnerinnen künftig zu früh oder am falschen Tag aus dem Spital entlassen. Das befürchten viele Hebammen, auch die Spiezerin Helena Bellwald.

Sie fährt weite und lange Wege, um Frauen während und nach der Geburt zu unterstützen: Hebamme Helena Bellwald.<p class='credit'>(Bild: Adrian Moser)</p>

Sie fährt weite und lange Wege, um Frauen während und nach der Geburt zu unterstützen: Hebamme Helena Bellwald.

(Bild: Adrian Moser)

Es gibt Tage, an denen arbeitet Helena Bellwald 24 Stunden am Stück. Vielleicht gibt es eine längere Pause, vielleicht aber auch nicht. Helena Bellwald ist Hebamme – nicht von Beruf, sondern aus Berufung. Sie fährt zwischen dem Saanenland und dem Kandertal, zwischen dem Eriz und der Stadt Thun, zwischen dem Stockental und dem Gürbetal hin und her und immer wieder zurück zu ihrem Ausgangspunkt: ihrer Hebammenpraxis, in einem beschaulichen Quartier hoch über der Spiezer Bucht gelegen.

Helena Bellwald sitzt am grossen Holztisch in der Praxis, die eigentlich nur deshalb als Praxis erkennbar ist, weil Helena Bellwald sie so nennt. Und weil in einem Holzschrank Fachliteratur liegt. Es finden sich keine medizinischen Geräte, keine Einrichtungsgegenstände, die an eine Praxis erinnern, dafür hat es ein Ruhebett mit farbigen Kissen. Auf einem Regal brennt eine Kerze, auf dem Tisch steht eine Kanne mit dampfendem Tee. Hier empfängt Helena Bellwald jene Frauen, die sich während der Schwangerschaft und der Geburt von ihr begleiten lassen. Und zwar fast ausschliesslich von ihr. Der Arzt oder die Ärztin wird nur ein bis zwei Mal für einen Ultraschall aufgesucht, die meisten Frauen bringen ihre Kinder anschliessend zu Hause auf die Welt. Helena Bellwald besucht die Frauen nach der Geburt, im Frühwochenbett, zwei Mal täglich: morgens und abends. Eine alte Hebammenweisheit besagt, dass sich Frauen nach der Geburt zuerst sieben Tage im Bett, dann sieben Tage auf dem Bett und nochmals sieben Tage ums Bett herum aufhalten sollen. Erst nach 21 Tagen dürfen Frauen wieder einen Besen in die Hand nehmen.

Auch wenn sich die Rolle der Frau in den vergangenen Jahrhunderten geändert hat und viele den Besen heute mit dem Partner teilen: nicht geändert hat sich die Biologie des weiblichen Körpers. Noch immer verändert sich seit Jahrhunderten nach einer Geburt der Hormonspiegel, setzt die Milchbildung ein, bildet sich die Gebärmutter zurück, verheilen allfällige Wunden. Und noch immer erholen sich Mutter und Kind im Wochenbett von den Geburtsstrapazen und lernen sich täglich besser kennen.

Die Prominenz machts anders

Indes: Prominente Mütter leben vor, dass es auch anders geht und sich das Gebären nebenbei erledigen lässt – zumindest in der Version, die sie gegen aussen kommunizieren. Sie sitzen fünf Tage nach der Geburt im Parlament oder lassen sich an einer Kabinettssitzung fotografieren, nehmen acht Wochen nach der Geburt wieder ihr Spitzensporttraining auf oder stöckeln über den Laufsteg. Ist das Wochenbett nicht vielleicht nur ein Übrigbleibsel aus anderen Zeiten und kann man es heute getrost weglassen?

Mit der Einführung der Fallpauschale im kommenden Jahr nimmt die Bedeutung des Wochenbetts im Spital ab, die Aufenthaltszeit von Wöchnerinnen verkürzt sich von fünf auf knapp drei Tage. Das zumindest befürchten viele Hebammen, und auch beim Schweizerischen Hebammenverband geht man von dieser Version aus. Wie in allen anderen Bereichen der Medizin auch wird das Spital mit der Einführung der Fallpauschale nicht mehr die individuellen Aufwendungen – in diesem Fall für Geburt und Wochenbett – verrechnen können, sondern erhält eine pauschale Abgeltung. Helena Bellwald, die vorab Frauen begleitet, die eine Hausgeburt vorziehen, hat in letzter Zeit viele Anrufe von Frauen erhalten, die im Spital geboren haben. Und bereits schon jetzt – vor der offiziellen Einführung der Fallpauschale – am dritten Tag nach der Geburt wieder zu Hause sind. Nun benötigten sie eigentlich dringend eine freiberufliche Hebamme zur weiteren Betreuung. Nicht immer hat Helena Bellwald freie Kapazitäten. Das macht ihr Sorgen.

Der schwierige dritte Tag

Der schwierigste Tag nach einer Geburt ist in der Regel der dritte Tag. Dann, wenn die Milchbildung einsetzt und die Hormonumstellung am heftigsten ist. «Der dritte Tag ist der heikelste Tag, um Wöchnerinnen heimzuschicken», sagt Helena Bellwald. Das verkürzte Wochenbett führe zudem dazu, dass die Frauen während der drei Tage im Spital mit all den Informationen versorgt würden, für die früher fünf Tage oder länger Zeit geblieben sei. «In den ersten drei Tagen sollte eigentlich überhaupt nichts anderes passieren, als dass eine Frau ihr Kind annehmen, nähren und kennen lernen kann.»

Für Doris Güttinger, Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammenverbands, ist klar, dass «jede Frau, welche zwei oder drei Tage nach der Geburt aus dem Spital austritt, eine Hebamme finden muss». Allerdings befürchtet der Verband, dass es in der ambulanten Nachbetreuung Probleme geben könnte, weil das Personal fehlt. 2005 gab es in der Schweiz 618 frei praktizierende Hebammen, 2010 waren es 862. In derselben Zeit hat aber auch die Zahl der betreuten Frauen um über 18 000 Frauen zugenommen: von 30 971 auf 49 484. Elf Prozent dieser Frauen kommen aus dem Kanton Bern (2010).

Die Kantone müssten ihre Verantwortung bezüglich der Nachbetreuung wahrnehmen, sagt Güttinger. Zum Beispiel, indem sie entsprechende Netzwerke wie die Hebammenzentrale unterstützen würden. Via diese Zentrale können sich Frauen eine Hebamme in ihrem Kanton organisieren. Im Kanton Genf etwa erhält das entsprechende Netzwerk einen jährlichen Kantonsbeitrag von einer halben Million Franken, auch finanziell unterstützt wird die Zentrale im Kanton Zürich, nicht aber jene im Kanton Bern. Helena Bellwald lässt den Blick durch ihre Praxis wandern. Hier, in diesem Raum und auch in anderen Hebammenpraxen, haben sich in letzter Zeit regelmässig viele freischaffende Hebammen getroffen, um gemeinsames Wissen und Erfahrungen auszutauschen und sich zu vernetzen und zu unterstützen.

Die Befürchtung ist auch bei ihnen gross, dass es in Zukunft zu wenig Hebammen haben wird für die Wochenbettpflege – gerade in Landregionen, wo die Wege weit und die Tage entsprechend lang sind. Zudem sind Entlöhnung und Arbeitsbedingungen der Freiberuflichen im Vergleich mit den an Spitälern angestellten Hebammen nicht besonders attraktiv. Seit 1995 arbeiten die Freischaffenden zum selben Tarif: Pro Hausbesuch erhalten sie 90 Franken. «Da überlegt sich manch eine Hebamme, ob sie es sich leisten kann, frei zu praktizieren», sagt Helena Bellwald. Insbesondere, weil mancher Besuch auch länger dauern kann als die vorgegebene eine Stunde.

Die Chance der Fallpauschale

Vielleicht bietet die Einführung der Fallpauschale aber auch Chancen. Zum Beispiel jene, dass sich werdende Eltern künftig vermehrt getrauen, ernsthaft um Hilfe zu bitten für die Zeit nach der Geburt, weil man es ihnen nämlich ab sofort nahelegen wird. Im Spital Thun zum Beispiel weist man seit diesem Herbst auf die verkürzte Wochenbettzeit hin und bittet die schwangeren Frauen, sich um ihre nachgeburtliche Betreuung zu kümmern und bereits frühzeitig eine Hebamme zu kontaktieren.

Und wer Hilfe und Unterstützung hat, das zeigt Helena Bellwalds langjährige Erfahrung, startet ruhiger und problemloser ins turbulente Familienleben. Das ambulante Wochenbett mit einer bereits in der Schwangerschaft organisierten Hebamme würde während der ersten wichtigen Tage aber nicht nur Ruhe und Geborgenheit ermöglichen. Auch Komplikationen, die einen Wiedereintritt ins Spital nach sich ziehen, kann so vorgebeugt werden.

Der Bund

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