Er produziert Volksbegehren

Der 30-jährige Berner Primarlehrer Lukas Harder will Strukturen radikal verändern und hat das «Büro für Politisches» gegründet. Jetzt kandidiert er auf der Liste «Kein Klimaschaden aus Bern».

Lukas Harder lehnt sich für politische Anliegen aus dem Fenster. (zvg)

Lukas Harder lehnt sich für politische Anliegen aus dem Fenster. (zvg)

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Gegenwärtig bearbeitet das «Büro für Politisches» gemäss seinem Gründer Lukas Harder vier Aufträge. Aber konkreter will der ehemalige Primarlehrer aus dem Berner Kleefeld nicht werden. Initiativen, Referenden, Kampagnen: Von der Idee zur ersten Unterschrift bis hin zur Beglaubigung eines Volksbegehrens – Harders Büro bietet einen umfassenden Service an. «Wir kämpfen für Ihre Ideen rechtlich und politisch, weil es auch unsere sind», lautet der Leitspruch der Firma.

Ob ein Auftrag von links oder rechts kommt, spielt für Harder keine Rolle: «Wir beurteilen allein die Sache – unabhängig von der Herkunft.» Dem zermürbenden Parteienkampf will Harder sich nicht aussetzen – er selbst ist allerdings Mitglied der Grünen Partei Bern (GPB). Einen Pool von 500 Leuten in den Städten Bern, Basel und Zürich kann Harder für Unterschriftensammlungen mobilisieren. Bezahlt wird pro Unterschrift. Der Lohn betrage in der Regel 15 bis 30 Franken pro Stunde.

Grundeinkommen für alle

Es sind vor allem Anliegen und Aktionen aus dem ganz linken Lager, für die Harder im Internet wirbt: für das Klimacamp 2010, für die Aktion «BKW ja – aber ohne CO2» zur Verhinderung neuer Kohle- und Gaskraftwerke. «Die rot-grüne Regierung schaut zu, ohne zu handeln.» Dabei gehöre die BKW zu 52 Prozent dem Kanton Bern und damit dem Volk. Weitere Anliegen sind die Initiative zur Einführung des Grundeinkommens und für eine «natürliche Wirtschaftsordnung». Es sei nicht Aufgabe der Wirtschaft, neue Arbeitsplätze zu schaffen, sondern den Menschen von der Arbeit zu befreien. «Stattdessen zwingt sie uns Wohlstand auf, den gar nicht alle wollen. Wir werden immer effizienter und arbeiten trotzdem unaufhaltsam 40 Stunden pro Woche.» Ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden und jede sei die zeitgemässe gesellschaftliche Lösung. Die Finanzierung sei möglich; das Grundeinkommen sei die Basis für eine «selbstbestimmte Wertschöpfung».

Was Harder unter selbstbestimmtem Wirtschaften versteht, hatte er im letzten Jahr gleich selbst vorgemacht: Er fuhr mit seinem «Glace-Velo», einem Dreirad, fabriziert in der alternativen Siedlung Christiania in Kopenhagen, durch die Berner Innenstadt und verkaufte Glace. Rasch geriet er mit der Bewilligungsbehörde in Konflikt, worauf das «Glace-Velo» auf die juristische Ebene abdriftete und nun beim Regierungsstatthalteramt hängig ist. Monatelang hatte Harder mit dem Wohn- und Kulturprojekt Paradisli Berns Behörden auf Trab gehalten – bis der Kanton entschied, der Umbau der Campagne im Schönbergpark sei rechtens («Bund» vom 29. Okt. 2009). Dass dieses Gebäude nun seit anderthalb Jahren leer stehe, ist laut Harder der Beweis dafür, «dass hier etwas schief gelaufen ist». Harder gehen die Ideen nicht aus: Gegenwärtig trommelt er auf Facebook die nötigen Leute zur Lancierung der Volksinitiative für das «E-Signing» zusammen. Analog zum «E-Voting», dem Abstimmen per Internet, zielt die Initiative auf das elektronische Sammeln von Unterschriften ab. Hierfür müsste die Eidgenossenschaft ein zentralisiertes, elektronisches Stimmregister aufbauen. Die politischen Rechte sollten auch mittels moderner Kommunikationsmittel ausgeübt werden können, fordert Harder. «Die Ausübung der Rechte darf nicht am Geld scheitern und muss ohne die Unterstützung von Parteien und Verbänden möglich sein.» Ihn nervt, dass mit einem Budget von einigen Hunderttausend Franken heute alles möglich sei.

Die Politik und die demokratischen Prozesse ganz auf die virtuelle Ebene verlagern, dies möchte Harder aber nicht: Er kandidiert auf der Liste «Kein Klimaschaden aus Bern» für den Grossen Rat. Dort, wo wichtige Entscheide gefällt werden, sei physische Präsenz nötig. «Es ist besser, von Auge zu Auge zu debattieren als auf Internetplattformen.»

Harder kann nach eigenen Angaben von seinen im «Büro» erwirtschafteten Einkünften leben – auf bescheidenem Niveau allerdings. Er befürwortet Parallelgesellschaften. Letztlich schwebt ihm eine Gesellschaft vor, bestehend aus autonomen Gruppen, die ihre Kinder selbst unterrichten. Den allgemeinen «Schulzwang» möchte der studierte Pädagoge und Anhänger des Montessori-Modells abschaffen, denn: «Kinder lernen besser aus eigenem Antrieb.» (Der Bund)

Erstellt: 19.01.2010, 08:19 Uhr

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