Er glaubt nicht an Gott – und sagt es auch

Pfarrer Klaas Hendrikse beschreibt in seinem Buch, wie er an einen Gott glaubt, der nicht existiert. Am Montag kommt er nach Bern. Kirchenbundpräsident Gottfried Locher sagt, noch sei ihm schleierhaft, was Hendrikse genau meine.

Klaas Hendrikse ist ein Pfarrer mit einer schwer verdaubaren Botschaft.

Klaas Hendrikse ist ein Pfarrer mit einer schwer verdaubaren Botschaft.

(Bild: zvg)

Dölf Barben@DoelfBarben

Wenn Klaas Hendrikse nicht an Gott glaube und darüber ein Buch schreibe, so sei das seine Sache. Wenn aber das Podium, zu dem der holländische Pfarrer eingeladen wurde, in der Berner Heiliggeistkirche stattfinde, «ist das eine Unverschämtheit an die Adresse der Gläubigen. Die Kirche, zu Ehren Gottes gebaut, wird für dieses Spektakel missbraucht»: Das hat eine Leserin ins Internetforum der Zeitung «reformiert» notiert. Nicht alle Reaktionen sind ablehnend. Ein Leser schrieb sogar, «seine volle Kirche ist die deutliche, wahre Antwort». Eines steht fest: Der Artikel über Hendrikse, der in der September-Nummer erschien, hat zahlreiche Leserinnen und Leser in die Tasten greifen lassen.

2007 hat der reformierte Pfarrer, der in der holländischen Stadt Middelburg tätig ist, das Buch mit dem Titel «Glauben an einen Gott, der nicht existiert» geschrieben. Das Buch machte ihn bekannt, und Kritiker forderten, er sei vom Kirchendienst auszuschliessen. Dies wurde aber abgelehnt. Gemäss dem «reformiert»-Artikel ist Hendrikse ein «sehr beliebter» Pfarrer, seine Kirchen – er betreut zwei kleine Gemeinden – seien regelmässig voll.

Hendrikse ist überzeugt, dass Gott nicht existiert, dass er nur in Beziehungen, Erfahrungen und Handlungen zum Ausdruck kommt. Gott sei etwas wie ein Ereignis, vergleichbar mit der Liebe, das sich nur zwischen Menschen abspielen kann. «Ich bin ein gläubiger Atheist», sagt Hendrikse über sich selber.

Sonntag für Sonntag auf Kanzel

Doch weshalb wird dieser Pfarrer nach Bern eingeladen? Was soll die Diskussion mit ihm bringen? Hendrikse sei ordinierter Pfarrer, er habe kein Berufsverbot, und er stehe Sonntag für Sonntag auf der Kanzel, sagt Rita Jost, «reformiert.»-Redaktorin. Und weil er sich als «gläubigen Atheisten» bezeichne und «nicht einfach ‹nichts› glaubt», werde er zu einem ernst zu nehmenden Gesprächspartner – auch für die Kirchen in der Schweiz. Und schliesslich mache sich Hendrikse Sorgen um die Kirchen, sagt Jost, die mit ihm in persönlichem Kontakt stand. Er sei überzeugt, dass heute immer mehr Menschen sich ausgeschlossen fühlten, weil sie nicht im traditionellen Sinne glaubten, aber eigentlich sehr gläubig seien.

Jost weist darauf hin, dass Hendrikses Sichtweise auch nicht ganz neu sei. Schon andere angesehene Theologen hätten sich vor ihm ähnlich geäussert. Allerdings habe niemand den Schluss daraus gezogen, den Hendrikse daraus ziehe: dass Pfarrerinnen und Pfarrer ihre Sprache ändern müssten und nicht mehr länger so tun sollten «als ob». Wenn man davon ausgehe, dass Glaube reformierbar sei, seien dies Fragen, die es zu diskutieren gelte.

«Unser Vater» nicht mehr betbar

Zu dieser Diskussion kommt es nun am Montag in Bern. Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK), wird mit Hendrikse in der «Offenen Kirche» über dessen Thesen diskutieren. Noch sei er etwas ratlos, sagte er gestern auf Anfrage. Seit ein paar Tagen versuche er, sich Hendrikses Argumente verständlich zu machen, «aber das will mir nicht recht gelingen». Noch sei ihm «schleierhaft, was er genau meint».

Er spüre «zwei Seiten» in sich, sagt Pfarrer Locher. Zum einen liege ihm viel daran, Hendrikse als Berufskollegen ernst zu nehmen. Ihn interessiere der Wettstreit der Gedanken, und ein Diskurs müsse stets möglich sein. Andererseits wüsste er selber nicht, wie er eine solche Einstellung mit dem Ordinationsgelübde in Einklang bringen könnte: «Ich hätte ein Problem damit.» Atheismus sei ja nicht gerade eine neue Idee, sagt er. «Abenteuerlich» sei aber, dass sie von einem Pfarrer öffentlich geäussert werde. Dass Gott sich zwischen Menschen «ereignet», sei bereits ein Teil des reformierten Glaubens, sagt Locher. «Dann sprechen wir von göttlicher Kraft oder vom Heiligen Geist.» Aber das sei längst nicht alles. Erst wenn man den dreieinigen Gott in den Blick nehme, nähere man sich dem christlichen Gottesbegriff. Und schliesslich richte sich das christliche Gebet «nicht an ein Nichts, sondern an ein Gegenüber». Aus Hendrikses Position heraus, findet Locher, sei das «Unser Vater»-Gebet nicht mehr betbar – womit man bei den zentralsten Glaubensinhalten angekommen wäre.

Dass Hendrikse sagt, viele Pfarrer würden ähnlich denken wie er, vermag Locher nicht zu überzeugen: Eine solche Position erachte er unter Pfarrern nicht als weitverbreitet. Zweifel gehörten zum Pfarrerberuf, sagt der SEK-Präsident. Aber von all jenen Pfarrerinnen und Pfarrern, die er erlebe, «würde keine und keiner sagen, es gibt Gott nicht». Alle, ob ganz fromm oder liberal, kämpften im Gegenteil darum, «Gott für uns erfahrbar zu machen».

Der Bund

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