Ensi erteilt Bewilligung für umstrittene Mühleberg-Nachrüstung

Der Berner Energiekonzern BKW nimmt die geplanten Nachrüstungsarbeiten am Notsystem des Atomkraftwerks Mühleberg in Angriff. Die Nachrüstung soll das AKW vor Hochwasser schützen – Kritiker sprechen von Pflästerli-Massnahmen.

Vom Ensi bewilligt: Hochwasserschutz für Mühleberg.

Vom Ensi bewilligt: Hochwasserschutz für Mühleberg. Bild: Stefan Anderegg (Archiv)

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Rund zwei Monate nach der vorzeitigen Abschaltung des Atomkraftwerks Mühleberg kann die Betreiberin BKW die geplante Sicherheitsnachrüstung umsetzen. Am Montagabend erteilte das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) die Freigabe für die Arbeiten, wie es erst gestern mitteilte. Die BKW will ihr AKW «im Verlauf des September» wieder in Betrieb nehmen.

Auch gestern informierten das Ensi und die BKW in ihren Medienmitteilungen allerdings nur in groben Zügen über die Massnahmen, die verhindern sollen, dass bei einem Extremhochwasser die Kühlung des Reaktors verstopft. Das Ensi lehnte die Bitte des «Bund» um Einsicht in den Freigabeentscheid und das BKW-Gesuch ohne Begründung ab. Die BKW verwies an das Ensi und auf eine Begehung für die Medien in Mühleberg, die am 30. August stattfinden wird.

AKW-Gegner kritisierten die «intransparente Informationspolitik» von Ensi und BKW scharf. So Markus Kühni von der Organisation Fokus Anti-Atom: «Eine integre Sicherheitsbehörde würde die Unterlagen und Pläne offenlegen, damit sich die Bevölkerung selber ein Bild von den Massnahmen machen kann, die zu ihrem Schutz getroffen werden.»

Mehr Schutz fürs Pumpenhaus

Konkret umfasst die Nachrüstung drei unterschiedliche Massnahmen, welche sicherstellen sollen, dass das AKW auch bei einem Extremhochwasser noch gekühlt werden kann. So wurde laut Mitteilung des Ensi der «Hochwasserschutz des Pumpenhauses verbessert». Genauere Angaben dazu, wie viel besser das Pumpenhaus nun geschützt ist, machten auf Anfrage weder Ensi noch BKW. Offenbar handelt es sich um diverse kleinere Massnahmen. Die BKW hat sie jedenfalls bereits realisiert, weil sie laut Ensi bloss «meldepflichtig» waren. Sie sollen erreichen, dass der normale Kühlkreislauf bei einem schweren Hochwasser länger funktioniert – bevor man auf die Notkühlsysteme umstellen muss.

Jürg Joss von Fokus Anti-Atom bezweifelt auf Anfrage, «dass dies viel bringt». Denn der normale Wasserkreislauf zur Kühlung des Reaktors und mehrere Notstandsysteme seien nicht gegen Erdbeben gesichert. «Da stellt sich die Frage, ob sich die Investition noch lohnt», sagt Joss. Er verweist darauf, dass die BKW bereits im März 2012 nachweisen muss, dass Mühleberg erdbebensicher ist. «Da wird ihr diese Massnahme nichts helfen.» BKW-Sprecher Antonio Sommavilla will die Kritik nicht kommentieren. «Wir setzen die Anforderungen des Ensi für den Langfristbetrieb Schritt für Schritt um», sagt er.

Periskope für die Notkühlung

Experten der ETH hatten im Juni festgestellt, dass die Öffnungen der Rohre in der Aare, die das Notstandsystem Susan mit Wasser versorgen, bei einem Extremhochwasser verstopfen könnten. Die BKW wird nun auf die Rohre drei Ansaugstutzen für Wasser, eine Art Periskope, montieren. Sechs im Aaregrund verankerte Träger sollen die Ansaugstutzen vor Bäumen und Geröll schützen, welche eine Flut mitreissen würde.

Die Experten, die die Verstopfungsgefahr festgestellt hatten, prüften die Lösung im Auftrag der BKW. «Unsere Modellversuche haben gezeigt, dass die Ansaugstutzen bei einem zehntausendjährlichen Hochwasser nicht verstopfen würden», sagt Volker Weitbrecht von der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie der ETH Zürich. Zur Kontroverse, ob die Extremhochwasser richtig berechnet wurden, kann er sich nicht äussern: «Das war in diesem Zusammenhang nicht unsere Aufgabe. Wir haben die Versuche unter den Randbedingungen durchgeführt, die uns die BKW vorgegeben hat.»

Die Berechnung von Extremhochwassern für Mühleberg kritisierte jüngst Klimahistoriker Christian Pfister, aber auch Hydrologen (siehe Artikel unten). Obwohl das Ensi zugesichert hat, die Kritik zu analysieren, bewilligte es nun die Nachrüstung bereits vor der Überprüfung. Dafür hat die bernische SP kein Verständnis. «Aktuelle Hinweise von Historikern, dass die bisherigen Berechnungen zu möglichen Hochwasserereignissen falsch sind, werden ignoriert», kritisiert die SP. Sie wirft dem Ensi ein «überhastetes und unsorgfältiges Vorgehen» vor und fordert ein externes Gutachten zur Sicherheit von Mühleberg.

Feuerwehrpumpen für Notfall

Als dritte Massnahme ist eine neue Leitung für den Anschluss «mobiler Feuerwehrpumpen» vorgesehen. AKW-Gegner Kühni findet es «haarsträubend, dass das Ensi offenbar solche Notfallmassnahmen für die AKW-Sicherheit anrechnet». Niemand wisse, ob man mitten in einer Flutkatastrophe sauberes Wasser mit Feuerwehrpumpen fassen könne. Sommavilla spricht dagegen von «einer ergänzenden Hilfsmassnahme für einen extrem hypothetischen Notfall». Kühni, der als Erster vor der Verstopfungsgefahr gewarnt hatte, ist von den Massnahmen enttäuscht: «BKW und Ensi decken die offensichtlichen Mängel mit Pflästerli ab.» (Der Bund)

Erstellt: 23.08.2011, 16:29 Uhr

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