Eine Tafelrunde für die Generation Playmobil

Theaterkritik

Wie ein Wilder mitten in die Gesellschaft platzt, an ihr scheitert und ihr doch den Meister zeigt: Lukas Bärfuss’ «Parzival» als Schweizer Premiere am Stadttheater Bern.

Berechenbarer als es dieser Geschichte gut tut: Milva Stark als Parzival (neben Andri Schenardi als König Artus und Marcus Signer als Cunneware). (Annette Boutellier/zvg)

Berechenbarer als es dieser Geschichte gut tut: Milva Stark als Parzival (neben Andri Schenardi als König Artus und Marcus Signer als Cunneware). (Annette Boutellier/zvg)

Daniel Di Falco

Ja, die Leute hier heissen wirklich Gurnemanz, Herzeloyde, Segramors und Repanse de Schoye. Aber Wolfram von Eschenbach muss man trotzdem nicht kennen. Und auch keinen der 25 000 paarweise gereimten Verse aus seinem «Parzival», dem bedeutendsten Stück deutschsprachiger Literatur des Mittelalters.

Diese Lektüre hat uns Lukas Bärfuss abgenommen, der gefragteste Schweizer Dramatiker dieser Tage: Aus dem monumentalen Epos über Ritterlichkeit, über Erziehung, Bewährung und Erleuchtung hat er jene Episoden herausgebrochen, die ihn interessieren, und sie neu vertextet, in einer Sprache, die knapp ist und handfest und in ihrer Bildhaftigkeit immer wieder betörend. «Die Blödheit muss schon in ihm drin gewesen sein», heisst es einmal über Parzival; die Ritter sagen «Na bitte» und «Aha», und was Bärfuss interessiert, ist tatsächlich nicht das Mittelalter, sondern eine überzeitliche Geschichte: die von Parzival, der in der Wildnis aufgezogen wird, bevor er sich in die zivilisierte Welt aufmacht, um Ritter zu werden. Ein Asozialer, der sich unter Menschen zurechtzufinden hat. Natur, die Gesellschaft werden soll.

Bärfuss hat eine Schwäche für solche Figuren: für Mutanten, denen das menschliche Mass, der Sinn für das Normale fehlt. In den «Sexuellen Neurosen unserer Eltern» war es Dora mit ihrer rücksichtslosen Sexualität, im «Bus» Erika mit ihrem zügellosen Glauben. Das sind Figuren, die eine Gesellschaft verstören und gefährden, weil sie keine ihrer Werte teilen.

Sehr falsche Bärte

Das Stadttheater Bern hat sich die Schweizer Premiere des «Parzival» geholt. Und den jungen Deutschen Matthias Kaschig als Regisseur, der sich hier zuletzt mit «Woyzeck» nach Büchner und Tom Waits und mit Schimmelpfennigs «Goldenem Drachen» empfohlen hat – als Mann fürs Zupackende und Drastische.

Langweilig wird es auch diesmal nicht. Unter Kaschigs Regie wird Parzival endgültig zum zeitlosen Fall, und Mittelalter ist nur noch, was die Generation Playmobil schon kennt – es gibt eine Rüstung und ein Schwert, es geht um Ehre und den Gral. Ansonsten laufen die Figuren mit Leoparden-Tops, dunkelblauen Zweireihern und ausgesprochen falschen Bärten herum (Kostüme: Sandra Klaus). Die Tafelrunde ist eine lapidare Hartholzplatte aus dem Baumarkt, auf der Gralsburg steht eine Trockeneismaschine, und schon in der ersten Minute macht sich das Personal in einem lehmigen Brackwasser schmutzig, das die Bühne (von Michael Böhler) ganz bedeckt. Ein trostloses, prekäres Bild für jene noble Gesellschaft, in die Parzival da platzt, um ein Nobler zu werden.

Er teilt anfangs nicht mal ihre Sprache. Was ist ein Kettenhemd? Was ist Ehre? Was eine Frau? Er weiss eigentlich nur, wie man mit einem Spiess umgeht. Und es gefällt ihm, wie die Hirsche zu rennen versuchen, «und das gelingt ihnen dann nicht, weil ihnen mein Spiess schon überm Herzen steckt, und dann straucheln sie, und das Auge verdreht sich so ins Weisse, und dann atmen sie noch schwer mit der Zunge so im Mundwinkel. Sieht lustig aus, wenn sie das machen.»

Lustig ist es anfangs auch, wenn so jemand bei Hofe mit dem Kopf in der Suppe einschläft. Oder sein Ehrenwort geben soll, aber keins dabei hat. Bald aber wird es ernst, weil Parzival, der nichts von den Finessen der Minne weiss, unbekümmert Frauen entehrt und Nebenbuhler erschlägt. Den Roten Ritter sticht er ganz unritterlich ab, weil er dessen Rüstung will. Und er schneidet ihn in kleine Stücke, weil die grossen nicht durch die Rüstung passen.

Eine heillose Welt

Parzival ist eben kein edler Wilder und auch kein herrlich unverbildetes Kind nach dem Geschmack Rousseaus. Doch es ist nicht einfach die rohe Natur, mit der Parzival der Welt dann gegen alle Wahrscheinlichkeit den Meister zeigt und sich sogar den Hauptpreis holt – den Gral. Bärfuss hat dafür eine eigene, alles andere als spezifisch mittelalterliche Erklärung: Parzival fragt stur nach den Regeln der Gesellschaft und befolgt sie am Ende strikt, das aber ohne menschliches Mass und Rücksicht.

Ohne Gewissen geht jeder über Leichen: Das wäre die Moral, doch Bärfuss ist kein Moralist und auch Kaschig nicht. Bei Eschenbach lernte Parzival noch eine läuternde Lektion in Mitgefühl – hier ist der weise Trevrizent ein Schwätzer mit billigen Sprüchen über das Nirwana, der sich am liebsten darum kümmert, wie man mit einem Weidenzweig an den Dreck unter den Fingernägeln kommt. Das ist definitiv kein Bildungsroman, und am Ende hat diese heillose Welt nur ein Geheimnis – dass alle so tun, als hätten sie sie verstanden.

Ein Pappkamerad

So weit, so prima: Kaschig forciert die ganze Groteske, ohne in die Klamaukfalle zu tappen; seine Inszenierung hält zwei Stunden die Balance zwischen Witz und Schrecken und überspielt dazu noch die Halbheiten, die es auch gibt in Bärfuss’ Text. Ziemlich unprima ist dagegen Parzival: Die Hauptrolle ist die halbe Miete dieses Stücks, doch Milva Stark bringt zu wenig Geheimnis und zu wenig Gefahr auf die Bühne, als dass sich dort jenes schwarze Loch auftäte, mit dem Parzival die Gesellschaft bedroht. Zu berechenbar bleibt sie in ihrem stereotypen Hin und Her zwischen kindhafter Drolligkeit und Anfällen von Zorn.

Man soll ja keine Schauspieler gegeneinander ausspielen. Aber es fällt auf, dass in den Randfiguren – und das sind sie alle bis auf Parzival – durchwegs mehr los ist. Beim schneidig schnarrenden Gurnemanz (Andri Schenardi), beim siechen König Anfortas in seinem Bademantel (Marcus Signer) oder beim Ritter Ither, der abgehalfert an der Garderobe hängt und fuchtelt (Diego Valsecchi): Überall knistert es unter der Oberfläche der Figuren. Da dürfte die Kreatur, die die ganze Ritterwelt aus dem Häuschen bringt, eigentlich nicht aus Pappe sein.

Weitere Vorstellungen in den Vidmarhallen: ab 2. Januar, www.stadttheaterbern.ch.

Der Bund

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