Ein Schaufenster zwischen Nostalgie und Fortschritt

In Folge 2 der «Bund»-Sommerserie geht es um das Caran-d’Ache-Schaufenster im Berner Bahnhof. Es weckt Erinnerungen, soll aber auch für die Zukunft des Unternehmens stehen.

Das Caran-d'Ache-Schaufenster wie man es kennt. Es kann aber auch viel futuristischer Aussehen. (Valérie Chételat)

Das Caran-d'Ache-Schaufenster wie man es kennt. Es kann aber auch viel futuristischer Aussehen. (Valérie Chételat)

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Es ist einfach so da – seit 1957. Im Pendlerstrom gibt es nur vereinzelte Reisende, die ihm ihre volle Aufmerksamkeit schenken. Die Wartenden verabreden sich davor. Die meisten Menschen jedoch rasen daran vorbei, verschütten ihren Kaffee oder hinterlassen ein paar Krumen eines Brezels. Doch wäre es plötzlich nicht mehr im Berner Bahnhof, würden es alle bemerken. Das Caran-d’Ache-Schaufenster. Generationen von Schulkindern trafen und treffen sich davor – zum Maibummel oder für die Schulreise.

Ein kleiner Junge drückt seine Nase an der Scheibe platt. Hinter dem Glas stehen drei Teddybären. Sie spielen Klarinette, Schwyzerörgeli und Bassgeige und nicken monoton mit ihren Köpfen. Marius hat schon oft hier gewartet. Heute ist er mit seinem Bruder und seiner Grossmutter hier. «Ja, das Caran-d’Ache-Fenster ist immer noch eine Attraktion», sagt Asta Roten. Ihre Enkel lassen sich im Moment von nichts anderem in Beschlag nehmen. Gebannt beobachten sie die gelbe Gondelbahn, die auf das rosarote Matterhorn fährt.

Eine ältere Dame bleibt lächelnd stehen. Schon vor 50 Jahren sei dieses Schaufenster ein beliebter Treffpunkt gewesen, sagt Margrit Hurni. Auch jetzt lockt sie das Caran-d’Ache-Fenster immer wieder an. Nicht nur wegen der putzigen Bären und leuchtenden Berge. Nein, das Fenster versetzt sie in die Vergangenheit und weckt Jugenderinnerungen. Bei Frau Hurni scheint der Werbeslogan von Caran d’Ache zu funktionieren: «Caran d’Ache verbindet Vergangenheit und Gegenwart und bringt die Tradition ins aktuelle Leben.»

Globales Unternehmen

Denn obwohl altbewährt, hat auch das globale Denken keinen Halt vor dem Caran-d’Ache-Schaufenster gemacht. Während sich eine Gruppe japanischer Touristen im Schaufenster spiegelt und Fotos schiesst, fallen einem die Wegweiser auf, die alle in die Richtung einer Weltstadt zeigen. Cape Town 9419 Kilometer, Beijing 7528 Kilometer, New York 5661 Kilometer. Wegweiser als Symbol dafür, dass die Welt von Caran d’Ache längst nicht mehr an der Grenze der Schweiz aufhört. Die 1924 von Arnold Schweitzer gegründete Firma geniesst heute als Herstellerin von Farb- und Bleistiften, Künstler-Produkten und Luxus-Schreibgeräten weltweites Prestige. Auch der Name ist ein globales Mischprodukt. Auf Russisch bedeutet «karandash» Bleistift und «kara tash» heisst auf Türkisch schwarzer Stein. Allerdings weiss man nicht, ob sich der Gründer dieses Zusammenhangs bewusst war.

Längst ist das Unternehmen in der Modernität angekommen. Trotzdem verbinden es viele Menschen noch mit dem altmodischen, nostalgischen Image von früher. Die Dekoration des Fensters, die 4 bis 5 Mal im Jahr ausgewechselt wird, soll dieses Spannungsverhältnis auflösen. So werden einerseits die altbewährten Dekorationen eingesetzt. Andererseits gibt es auch moderne, eher luxuriöse Fenstereinrichtungen – so wie seit einigen Tagen. Statt mit beweglichen Tieren und Seilbähnli ist es zurzeit ganz in Weiss und mit viel farbigem Licht eher futuristisch inszeniert. Die Themen richten sich oft nach den Jahreszeiten, nach Produktefamilien oder nach neuen Produkten, wie Markus Engesser von Caran d’Ache sagt. Für Marius spielt das keine Rolle. Er erinnert sich lieber an seine Lieblingsdekoration im Caran-d’Ache-Fenster: Schulkinder, die am Pult sitzen und mit Farbstiften das Caran-d’Ache- Schaufenster zeichnen. (Der Bund)

Erstellt: 22.07.2010, 08:52 Uhr

Über die Serie

Das Bern-Ding ist ein Ding, das sich irgendwo in einer Ritze versteckt, auf dem Boden klebt, im Fegefeuer schmort, in Stein gemeisselt ist oder im Museum verstaubt. In den nächsten Wochen stellen wir mehrmals ein Bern-Ding vor. Der letzte Beitrag ging der Frage nach, wann Berner Farbe bekannten.

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