Ein «Rückschritt» beim Spitalcredo

Laut der bernischen Versorgungsplanung steigt die Nachfrage nach Spitalbetten künftig wieder. Der Trend zu «ambulant statt stationär» soll abreissen. Dies verstehen Spitäler und Versicherer nicht.

Nach der Behandlung werden künftig wieder mehr Patienten ins Bettenzimmer statt nach Hause zurückkehren, sagt die Gesundheitsdirektion voraus.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

Nach der Behandlung werden künftig wieder mehr Patienten ins Bettenzimmer statt nach Hause zurückkehren, sagt die Gesundheitsdirektion voraus.

(Bild: Keystone)

Matthias Raaflaub

Am Donnerstag hat der bernische Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (SP) die neue Versorgungsplanung für das Gesundheitswesen vorgestellt. Eine Grundannahme darin lautet: In den Jahren 2011 bis 2014 werden wieder mehr Patienten in Spitälern übernachten müssen. Die Nachfrage nach Spitalbetten soll um etwa 0,9 Prozent pro Jahr zunehmen. Die ambulanten Behandlungen dagegen wachsen laut der Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) nicht in selbem Masse. Der Trend «ambulant vor stationär» setze sich darum nicht fort. Die GEF rechnet zwar nicht damit, dass die Bettenanzahl steigen wird, da die Patienten künftig weniger lange im Spital liegen werden. Aber in der Versorgung soll der kostenintensivere stationäre Teil wieder mehr Platz einnehmen.

Auf Anfrage präzisiert Annamaria Müller Imboden, die Leiterin des Spitalamts, die Gründe für die Wachstumsprognose bei der Spitalnachfrage: Zum einen würden in den Spitälern wegen der Bevölkerungsstruktur mehr ältere Leute mit schwierigeren Diagnosen erwartet. Zum andern lägen auch die finanziellen Anreize durch die neue Spitalfinanzierung für Versicherer und Spitäler im stationären und nicht im ambulanten Bereich, sagt Müller Imboden. «Für diese ist die neue Finanzierung ein Lose-lose-System.»

Zur Erinnerung: Ab 2012 werden die Spitäler über die sogenannten Fallpauschalen abgegolten. Sie werden damit nicht länger über die Infrastruktur, die bereitgestellten Betten, sondern über die Zahl der Behandlungen finanziert. Die GEF argumentiert, dass es daher finanziell gesehen im Interesse eines Spitals sei, jemanden möglichst stationär zu behandeln. Die Krankenkassen bezahlen bei ambulanten Behandlungen 100 Prozent der Restkosten, bei stationären nach dem neuen Kostenschlüssel zwischen Kanton und Versicherer nur 45 Prozent, weshalb auch ihnen stationäre Behandlungen lieber seien.

GEF will genau hinschauen

Die ambulante Behandlung ist aber kostengünstiger als die stationäre. Deshalb propagiert die Gesundheitsdirektion schon lange den Grundsatz «ambulant vor stationär». Die Fallabgeltung sei ein Punkt, «wo die wirtschaftlichen Interessen der Spitäler dem gesamtwirtschaftlichen Interesse zuwiderlaufen können», sagt Müller Imboden. Ist diese also für «ambulant vor stationär» ein Rückschritt? «Ja, das ist so», sagt sie.

Hinter der Steuerung der Fallzahlen durch den Kanton («Bund» von gestern) in der Versorgungsplanung 2011–2014 steht für die GEF auch die Überlegung, dass man verhindern müsse, dass die Spitäler deswegen mehr stationäre Fälle produzierten. «Wir müssen genau schauen, wo eine stationäre Behandlung für den Patienten unumgänglich ist und wo finanzielle Entscheide der Spitäler ausschlaggebend sind, dass jemand stationär behandelt wird», sagt Müller Imboden.

«Es entscheiden nicht Ökonomen»

Spitäler und Versicherer verstehen diese Schlussfolgerung nicht. Die geplante Verschiebung hin zum stationären Bereich sei eine Mutmassung, heisst es dort. «Das Spitalamt muss ja so argumentieren, um die Fallmengenbeschränkung zu rechtfertigen», sagt Beat Straubhaar, Präsident des Verbands der Berner Spitäler Diespitäler.be. Für ein Spital sei es nicht lohnender, mehr stationäre Fälle zu haben, da auch der dafür erbrachte Aufwand grösser sei. Ein Punkt, in dem Müller Imboden widerspricht. Auch die schweizerische Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) kocht jedoch auf kleinerer Flamme als die GEF. Zwar sagt auch ihr Zentralsekretär Michael Jordi, dass die Gefahr bestehe, dass Spitäler aus finanziellem Anreiz mehr Fälle stationär statt ambulant behandelten. Allerdings sagt er: «Die Austauschbarkeit von ambulanter oder stationärer Behandlung wird oft überschätzt.» Und: Es sei die Stärke des Schweizer Gesundheitssystems, dass Patienten und Ärzte und nicht Ökonomen entschieden, ob jemand stationär oder ambulant behandelt werde. Straubhaar und Jordi sagen beide, dass der ambulante im Vergleich zum stationären Bereich weiterhin wachsen werde.

Die Kassen weisen die Frage, ob sie denn in irgendeiner Form Einfluss auf die Frage «stationär oder ambulant» nehmen würden, zurück. Die Visana betont auf Anfrage, dass die ambulante Behandlung volkswirtschaftlich sinnvoller sei. Für die Berner KPT sagt Mediensprecher Reto Egloff: «Ob ambulant oder stationär bleibt eine medizinische Fragestellung, die der Arzt entscheidet.» Eine Lösung, wie die Anreize zurechtzurücken sind, wollen sowohl die GDK als auch der Bundesrat auf nationaler Ebene suchen.

Der Bund

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