Ein Metzger ist noch übrig, der Name aber ist weg

Rathausgasse

Die Rathausgasse in Bern ist eine Gasse, die tausend Geschichten erzählt.

Die Berner Rathausgasse hiess nicht immer so: Vor rund vierzig Jahren war dies noch die Metzgergasse. (Valérie Chételat)

Die Berner Rathausgasse hiess nicht immer so: Vor rund vierzig Jahren war dies noch die Metzgergasse. (Valérie Chételat)

Zürich hat die Langstrasse, Basel hat einige verruchte Ecken in Kleinbasel, Bern aber hat kein eigentliches Rotlichtviertel. Früher gab es die Metzgergasse, sie hatte einen Namen weit über Bern hinaus, aber vor rund vierzig Jahren hat man dem Milieu in der Altstadt den Garaus gemacht. Und der Metzgergasse gleich mit dazu. Heute wissen nur noch die Älteren, dass die Rathausgasse nicht immer so hiess. Und dass «unter jeder Laube» eine Prostituierte gestanden sei, wie sich Zeitgenossen erinnern.

Auch wenn das inzwischen lange her ist – etwas von diesem Gestern ist auch heute noch spürbar. Die einst in einem administrativen Handstreich kurzerhand umgetaufte Gasse hat eine Menge Geschichten zu erzählen, irgendwie flüstert und raunt es hinter jeder Säule hervor. Nun hat ein Theatermacher diese Geschichten zusammengetragen und sie für ein neugieriges Publikum aufgearbeitet. Mats Staub ist ein erfahrener Geschichtensammler: Er ist Initiant des «Erinnerungsbüros», in dem er junge und alte Menschen von ihren Grosseltern erzählen lässt. Das Projekt hatte seinen Beginn auch an der Rathausgasse, im Schlachthauskeller, und tourt inzwischen durch halb Europa. Letztes Jahr hat es erfolgreich im Museum für Kommunikation Station gemacht.

Knäuel an Erinnerungen

Nun bringt Mats Staub ein leicht revidiertes Konzept wiederum als Premiere nach Bern. Diesmal wird man von den Geschichten nicht in alle möglichen anderen Zeiten und Weltgegenden fortgetragen, diesmal ballt sich ein Knäuel an Erinnerungen, an Anekdoten, an Einsichten und Gerüchten zum Bild einer Gasse, wie es sie kein zweites Mal in Bern, vielleicht überhaupt auf der Welt gibt. Gleich geblieben ist die Art und Weise, wie man den Geschichten nachspürt. Man bekommt im Schlachthaus-Theater einen iPod und wählt selbst, welche der zusammengeschnittenen Interviews man sich anhören will. Gut sechs Stunden Material sind da zusammengekommen, man wird also notgedrungen auswählen müssen, eine Anleitung gibt es nicht, für einmal darf man also ganz ungehemmt der eigenen Neugier folgen. Soll man sich lieber den detaillierten Ausführungen von Buchantiquar Alexander Wild widmen, der so etwas wie eine Chronik der Gasse liefert? Oder sich in die Gerüchteküche (vermeintlich) geschlossener Lokale begeben? Oder den verblüffend unterschiedlichen Lebensgeschichten folgen, die dieser doch so überschaubar wirkende Mikrokosmos versammelt?

Währenddessen man also mit Kopfhörern ausgerüstet durch die Gasse schlendert, kann man so, schön nach Hausnummern sortiert, einen Blick hinter Fassaden werfen, an denen man zuvor vielleicht etliche Male vorbeigegangen ist, ohne dass einem viel aufgefallen wäre. Wer hat beispielsweise schon auf die Schaufensterpuppen geachtet, die im zweiten Stock der Hausnummer 30 auf dem Fenstersims stehen? Und wer hätte gewusst, dass das Tattoostudio im ersten Stock desselben Hauses ein später Pionier war? Erst seit 1996 ist es in Bern legal, sich Bilder unter die Haut stechen zu lassen – inzwischen gibt es schon drei Studios in der Rathausgasse.

Eine «zünftige» Einnahmequelle

«Metzgergasse 2011» heisst das Projekt – die Erzählungen drehen sich dementsprechend immer wieder um die frühere Rotlichtmeile. Noch 1975 erstattete die Berner Polizei 349 Anzeigen wegen Strassenprostitution, wovon deren 222 auf Dirnen mit Standort Rathausgasse entfielen, wie die Tagwacht am 11. 2. 1976 schrieb – damals hiess die Metzgergasse schon nicht mehr so. Offenbar war selbst die Obrigkeit unschlüssig, ob man dem Treiben wirklich entschlossen Einhalt gebieten sollte – laut Sittenpolizei handelte es sich schliesslich um «eine zünftige Busseneinnahmequelle». Mats Staub ist es gelungen, auch eine ganze Reihe «Alteingesessene» vors Mikrofon zu bringen, die sehr lebendig von diesem Früher erzählen, von spielenden Kindern und freundlichen «Damen», die auch mal eine Schokolade als Präsent übrig hatten. Es sei nicht ganz einfach gewesen, tief in den Rathausgassen-Kosmos einzutauchen, sagt Mats Staub, es habe schon einige Wochen gebraucht, bis er die richtigen Leute kennen gelernt habe. Dann aber seien immer weitere Türen aufgegangen, zuletzt auch zu Frau Jäger, der Gassen-Veteranin – seit 1925 wohnt sie in derselben Wohnung im Mittelteil der Gasse und hat dementsprechend viel zu erzählen.

Obergericht gegen Dirnen

Die Metzgergasse trug ihren notorischen Ruf übrigens seit Langem: Als am 5. September 1874 der Metzgergasse-Leist gegründet wurde, sollte der Zweck des Vereins laut Gründungsurkunde bestehen aus «Erstens. Nähere Bekanntschaft des Einen Bürgers zum Anderen. Zweitens. Gegenseitige Unterstützung zur Vertilgung des schlechten Namens unserer Strasse, seit dem enormen Aufschwung des Dirnenwesen.» Erst 1976 kam dann mit einem Obergerichtsurteil der grosse Wandel: Die Rathausgasse habe «überwiegend Wohncharakter», entschied das Gericht, künftig sei es den Dirnen untersagt, an der Rathausgasse auf ihre Freier zu warten. Ganz vertreiben lassen haben sie sich bekanntlich nicht – auch dazu erfährt man aus erster Hand mehr, wenn man sich den Kopfhörer aufsetzt und das Geschichten-Puzzle zusammenzusetzen beginnt. Es ist eine Detektivarbeit ohne Anspruch auf eine «richtige» Lösung. Eine faszinierende Spurensuche, kein fertiges Bild.

Der Bund

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