Ein Dorf trotzt dem schnöden Mammon

Uetendorf trennt sich vom Grosskapital: Die Gemeinde begehrt auf gegen horrende Boni.

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Wir befinden uns im Jahr 2010. Die ganze Schweiz wird von Grossbanken und mit ihnen einhergehenden Boni-Exzessen unterjocht. Die ganze Schweiz? Nein. Ein von unbeugsamen Bernern bewohntes Dorf hat sich entschlossen, dem höllischen Treiben Widerstand zu leisten. Uetendorf bei Thun mit seinen 6000 Einwohnern macht nicht länger mit bei einer «Vergütungspolitik, die von normal verdienenden Menschen nicht mehr verstanden wird». Diese vielleicht etwas theatralisch anmutende Entscheidung hat kürzlich der Gemeinderat gefällt – schliesslich ist Gemeindepräsident Hannes Zaugg (SP) ja auch Theaterproduzent und Regisseur.

Mit der Credit Suisse, der UBS, aber auch mit grossen Versicherern wie der Mobiliar hat Uetendorf das Heu also künftig nicht mehr auf der gleichen Bühne. «Wir wollen nicht nur fluchen, sondern etwas tun. Treffen soll der Schritt alle grossen Finanzinstitute, die an der Börse kotiert sind», sagt Gemeindeschreiber Kurt Spöri. Es gehe um Firmen, bei denen der Unterschied zwischen Otto Normalverdienern und Chefetage um zwei- bis dreistellige Millionenbeträge auseinanderklaffe, fügt Gemeindepräsident Zaugg hinzu. Zur Post gehen dürfen Uetendorfer also weiterhin. Nun könnte man natürlich annehmen, das «Zeichen gegen Masslosigkeit» sei eine nette Worthülse ohne Folgen. Aber weit gefehlt. Uetendorf selbst verfügt nämlich über eine Art Bonus: einen Liquiditätsüberschuss. Das Schwimmbad der Gemeinde kann im Moment noch nicht saniert werden, da nach 40 Jahren umfassendere Arbeiten als angenommen nötig sind.

Weil sich das Grossprojekt verzögert, liegt Geld einfach so herum. «Deshalb können wir Darlehen vorzeitig zurückzahlen – rund 2 Millionen Franken», sagt Zaugg. Und so wird sich Uetendorf freikaufen vom frivolen Mammon der Finanzgiganten. In Zukunft sollen stattdessen regionale Glückspilze zum Zug kommen, etwa die AEK- und die Raiffeisenbank. Eine Chance lässt der Gemeinderat den betroffenen Unternehmen des Grosskapitals indes: Sollte sich ihre Politik ändern, will er allenfalls auf seinen Beschluss zurückkommen. «Bis jetzt habe ich nur erfreuliche Reaktionen bekommen», sagt Zaugg. Allerdings hat der Kampf gegen unternehmerische Unverfrorenheit dann doch Grenzen: Wenn nämlich die Zinsunterschiede bei der Kreditvergabe zu gross seien – grösser als 1,5 Prozent –, könne auch Uetendorf keinen «Heimatschutz» mehr betreiben. (Der Bund)

Erstellt: 10.06.2010, 09:45 Uhr

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