Drei Männer gegen 30 suchen sich ein Hobby und erfinden Bierglaslyrik

Seit dieser Woche liegt in Berner Beizen ein Heft auf, das die Stammtischkultur aufleben lassen will.

9 Uhr morgens im Länggassstübli (v. l.): Käsermann, Bucher und Boschung, die um diese Zeit sonst Kaffee trinken. (Adrian Moser)

9 Uhr morgens im Länggassstübli (v. l.): Käsermann, Bucher und Boschung, die um diese Zeit sonst Kaffee trinken. (Adrian Moser)

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Die Welt wird immer gesünder, aber auch ein bisschen ärmer. Zumindest an Stammtischgesprächen. Am ambitionslosen Parlieren über Gott und die Welt. Von Angesicht zu Angesicht, nicht über Facebook. Mit Bier und Zigaretten. Diese Diagnose stellen drei junge Berner Zeitgenossen, die dem Gerstensaft nicht abgeneigt sind – und das gehobene und auch etwas weniger gehobene Tischgespräch schätzen.

Sie heissen Oliver Käsermann, Michael Bucher und Reto Boschung. Zwei haben die Schwelle vom Studentendasein zum Arbeitsleben schon überschritten, der eine ist kurz davor. Alle drei gehen auf die 30 zu und haben mit Sprache zu tun: Käsermann studiert Germanistik, Bucher und Boschung sind freie Mitarbeiter der «Berner Zeitung» und studierten Medienwissenschaften. Und vor etwas mehr als einem halben Jahr hatten sie eine Idee. Eine Bieridee, selbstverständlich.

An einem heiteren Abend in einer Wohngemeinschaft beschlossen die drei nämlich, etwas gegen den drohenden Kulturverlust zu tun, der sich mit der Einführung des Rauchverbots anbahnte – sie gründeten eine Zeitschrift. Und zwar eine, die einen nicht ganz bescheidenen Anspruch hegt: «Die Stammtischgespräche der Hauptstadt sollen fortan in schriftlicher Form erscheinen», heisst es im Editorial der ersten Ausgabe, die seit Montag in zwanzig einschlägigen Lokalen in der Stadt Bern zu finden ist.

«Musenalp-Express» lässt grüssen

Das Heft heisst «Bierglaslyrik» und ist so etwas wie ein «Musenalp-Express» für Volljährige. Denn hier darf jeder publizieren, den es dazu drängt. Und offenbar gibt es davon nicht wenige. Die erste Ausgabe weist zwanzig gut gefüllte Seiten auf. Unter den Autoren findet sich auch eine literarische Lokalgrösse: Christoph Simon. Die Formen der Texte, welche die Hobby-Schreiberlinge und Feierabend-Poetinnen absondern, sind vielfältig: Sie reichen vom Kurzgedicht über Reportagen bis zum fingierten Stelleninserat. Und unterschiedlich ist auch die Qualität der Texte, die zum Thema «Warteschlaufe» eingereicht wurden. Alle Einsendungen werden aber nicht abgedruckt, die Redaktion selektiert – und zwar völlig subjektiv, betonen die Herren. Was das Heft auch interessant macht: seine Form. Im Grunde genommen handelt es sich nämlich um einen Blog, der auf Papier ausgedruckt wird. Wer «Bierglaslyrik» nicht in einer Spelunke lesen will, kann das Heft kostenlos im Netz herunterladen und ausdrucken. Man kann «Bierglaslyrik» auch abonnieren, elektronisch und auch ganz herkömmlich auf dem Postweg, dafür bezahlt man aber 40 Franken pro Jahr.

Noch arbeiten die Bierglaslyriker in Fronarbeit, mehr Ambitionen haben sie zurzeit auch nicht. Haben sie doch mit dem Heft endlich eine neue Freizeitbeschäftigung gefunden. Reto Boschung und Oliver Käsermann legen seit zehn Jahren als DJs auf, etwa im Silo oder in der Propeller-Bar. «Da wir bald 30 werden, haben wir nach einem neuen Hobby gesucht.» Zuerst hat man es mit Sport versucht. «Wir haben fast alles ausprobiert, Velofahren, Squash, sogar Joggen.» Funktioniert hat nichts. Als die Herren als letzte Hoffnung noch Boule versuchten, frönten sie dabei aber mehr dem Pastis als dem Kugelwerfen.

Tunichtgute und Schlendriane sind die drei aber nicht. «Wir wollten etwas machen, das wirklich ‹verhäbt›», sagt Michael Bucher. Und dem ist offenbar so: Sie hätten viele positive Rückmeldungen erhalten, sagen die drei. Das Heft wurde inzwischen 320 Mal vom Netz heruntergeladen. «Das ist das Benzin, das uns weitermotoren lässt», sagt Oliver Käsermann, der im Heft übrigens das Synonym «Maître Fromager» trägt.In «Bierglaslyrik» gibt auch jeder Autor seine bevorzugte Biersorte an. Auch hier ist die Spannweite eine breite: Sie reicht von «Felsenau aus der Dose» bis «Union Pils aus Ljubljana».

(Der Bund)

Erstellt: 22.04.2010, 07:35 Uhr

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