Die Wahrheit liegt im Kartoffelbeet

Gleich zwei Filmschaffende erhalten den Berner Filmpreis. Einer davon ist Mano Khalil. Sein Weg: Vom syrischen Gefängnis in eine Bümplizer Schrebergartenkolonie. Und weiter in den Schweizer Kino-Olymp.

Plötzlich schlüpfen die grossen Fragen aus dem Boden: Filmemacher Mano Khalil. (Adrian Moser)

Plötzlich schlüpfen die grossen Fragen aus dem Boden: Filmemacher Mano Khalil. (Adrian Moser)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er sagt nicht «Khalil», er sagt «Chalil» – wie Chuchichäschtli.

Ein solches öffnet er jetzt. Mano Khalil steht in der Küche seiner Bümplizer Dreieinhalbzimmerwohnung, Parterre rechts. Den linken Arm hat er auf die Schrankablage gestützt, mit dem rechten zeichnet er kleine Kreise in die Luft – eine Kurbel, die seinen Denkapparat antreiben soll. Brot, Eier, Honig, Salz, Konfitüre, Joghurt und Aufschnitt stehen schon auf dem Tisch. «Ah ja», sagt Mano Khalil und schiebt die rechte Hand in den Schrank. Ah ja, Pfeffer.

Meistens ist es umgekehrt an diesem Morgen. Meistens galoppieren ihm seine Gedanken davon. Dann kurbelt Mano Khalil, 46, zweihändig durch die Luft, damit das Mundwerk Schritt hält. Etwa, wenn er über das Regime der Baath-Partei in seiner Heimat Syrien spricht und über die Unterdrückung der kurdischen Minderheit. Oder wenn er erzählt, von der Schrebergartenkolonie Bottigenmoos und von den Menschen, die sie bevölkern. Ihnen hat der Filmemacher mit «Unser Garten Eden» ein Denkmal gesetzt. Viele reisten um den halben Globus, um im Westen von Bern-West auf einem rechteckigen Fleckchen Erde Mensch sein zu dürfen; Mensch mit Grill, Sitzplatz, Sonnenschirm, Fahnenstange und einer kleinen Hütte gegen den Sommerregen und die Fährnisse der grossen weiten Welt.

Freiheit? «Fcheiheit», sagt Khalil. Der Akzent ist wichtig, er gibt dem Wort Glaubwürdigkeit. Dann schiebt Khalil nach: «Fcheiheit – aber mit Regeln.»

Wer Kurde ist, ist Separatist

Er weiss, wovon er spricht. Auch Mano Khalil bestellt einen Garten im Bottigenmoos. Und auch er ist weit gereist für diese Freiheit. Aber «gereist», das gefällt ihm gar nicht. Es muss «geflüchtet» heissen. «Reisen», sagt er, «ist eine Entscheidung.» Fliehen aber, das musste er.

Nicht wegen eines Films, oder besser: nicht nur. Sondern weil eine kleine tschechoslowakische Zeitung 1988 einen kurzen Bericht veröffentlicht über «Mano Khalil, Student Filmregie in Bratislava, Kurde aus Syrien». Und weil vier Jahre später in Nordsyrien Geheimdienstpolizisten spätabends an die Türe der Familie Khalil klopfen, um Mano zu einem Kaffee einzuladen. Im Café legen sie ihm dann den Schnipsel aus der Zeitung vor. «Wieso sagst du, dass du Kurde bist?», fragen sie ihn. «Es gibt keine Kurden in Syrien. Es gibt nur Separatisten.» Dann bringen sie ihn nach Damaskus. Mano Khalil weiss, was jetzt kommt: neun Jahre Gefängnis, mindestens. Zumal der Geheimdienst inzwischen auch Wind bekam vom Film, den Khalil gerade abgeschlossen hat. «Wo Gott schläft» heisst das Werk und es beweist, dass wahr ist, was für das Regime nicht wahr sein darf: Es gibt Kurden in Syrien. Und sie werden unterdrückt.

In Damaskus wird Mano Khalil in ein Gefängnis gesteckt, ohne Verfahren. Da tun sich plötzlich kleine Türchen auf zu mächtigen Geheimdienstchefs. Mano Khalil beschafft Geld und kauft sich frei. Da ist nur eine Bedingung: Er muss das Land verlassen, inoffiziell natürlich. Offiziell befindet er sich immer noch im Land, wird immer noch nach ihm gefahndet. «In Syrien heisst es: Sollen sie ruhig bellen. Aber nicht hier.» Sie, das sind Kurden, die sich engagieren für die Anerkennung ihrer Kultur und Sprache.

Das Plätschern in der Nacht

Zwei Jahre verbringt er nach seiner Flucht als Asylbewerber im Kanton Tessin. Eine schwere Zeit. Er hat das Gefühl, nicht wie ein Mensch behandelt zu werden, sondern nur als Nummer im Asylverfahren. Nacht für Nacht erwacht er, weil es plätschert im Zimmer. Ein Mitbewohner pinkelt immer zur selben Zeit auf den Boden – direkt am Kopfende von Khalils Bett. Der Leiter des Durchgangszentrums sagt: «Da kann man nichts machen.»

Als er Bescheid erhält, dass er in der Schweiz bleiben darf, zieht Mano Khalil nach Bern, gemeinsam mit seiner griechischen Frau Anna. Um sich über Wasser zu halten, putzt er Toiletten im Schlachthaustheater. Die Feierabende verbringt er in seinem Garten im Bottigenmoos. Dabei kommt ihm auch die Idee zu «Unser Garten Eden», das ist 1999. Doch nach vier Drehtagen gibt er auf. Warum? «Ich verstand kein Berndeutsch.» Neun Jahre später wagt er einen zweiten Versuch.

Doch Mano Khalil hat viel Pech. Oft kehrt er abends aus dem Bottigenmoos zurück, ohne eine einzige Sekunde Film und ohne Lohn. An manchen Tagen fliegt kein einziger Vogel über die Anlage.

Manchmal aber hat Mano Khalil auch Glück. Da ist er mit seiner Kamera dabei, wenn zwischen Himbeerstauden und Zucchettibeeten plötzlich die grossen Fragen der Menschheit aus dem Boden schlüpfen: Was ist Identität? Was Heimat? Bedingen sie einander? Und ist Zuhause da, wo das Herz ist, oder dort, wo man die Kartoffeln aus dem Boden zieht?

Integration? Es gibt Hoffnung

Es ist kein Zufall, dass die Bernische Filmförderung heuer gleich zwei Beiträge zur Integrationsdebatte mit dem Berner Filmpreis auszeichnet. Einerseits Bruno Molls «Pizza Betlehem» (siehe nächste Seite), andererseits Mano Khalils «Unser Garten Eden». Beide sind Dokumentarfilme. Beide spielen im Brennpunkt Bümpliz. Beide halten den entmutigenden Schlussfolgerungen der grossen Statistiken kleine, aber präzise Fallstudien entgegen. Ihre Kernaussage: Es gibt Hoffnung.

Dieses Thema gefällt ihm. Auch Mano Khalil hofft. Dass die Finanzierung für seinen nächsten Film zustande kommt. Dass das Regime in seiner Heimat entmachtet wird. Dass er eines Tages seine Familie besuchen, dass er sich vielleicht sogar wieder in Syrien niederlassen kann. Das sind die Momente, in denen sich seine Frau Anna einmischt. «Das Syrien, das du kennst», sagt sie dann in einem leichten Singsang, «dieses Syrien gibt es nicht mehr.» Dann nickt Mano Khalil und denkt, wie gut es ist, dass sie ihn gelegentlich daran erinnert.

Viele andere Migranten, die er vom Bottigenmoos kennt, leben seit zwanzig Jahren oder länger in der Schweiz. Doch die Koffer haben sie immer gepackt. Vielleicht gehen wir schon nächstes Jahr nach Hause, ganz bestimmt aber in drei Jahren, sagen sie. Manche seit zwanzig, manche auch seit vierzig Jahren.

«Wer immer nur an die Abreise denkt, kommt nie an», sagt Mano Khalil.

Es gibt zwei Enden dieser Geschichte, ein offenes und ein glückliches. Das Happy-End: Mano Khalil hat für seine Arbeit über das Bottigenmoos Anerkennung von höchster Berner Stelle erhalten. Und vor vier Monaten sogar den Pass der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Er freut sich darauf, ihn bei seiner nächsten Ausreise den Zöllnern zu zeigen.

Das Offene hängt mit den Kräften zusammen, die zwischen den Menschen spielen. Zwei Jahre hat Mano Khalil mit seiner Kamera genauestens untersucht, wie sich Fremde im Schrebergarten näherkommen. Wie Kurden und Türken ihre jeweiligen Fahnen nebeneinander aufhängen und die Tage plaudernd und lachend unter dem Sonnenschirm zubringen. In der Schweiz geht das ohne Probleme. Aber wenn sich der Türke und der Kurde in ihrer Heimat begegnen, bekämpfen sie sich. «Dass Menschen immer wieder andere unterdrücken und sie in ihrer persönlichen und kulturellen Entfaltung behindern, das macht mich sehr traurig», sagt Khalil.

Wenn er darüber nachdenkt, zupft er manchmal eine Banknote aus dem Portemonnaie. Dann liest er sie durch, von oben bis unten. Zwanzig Franken, Vingt Francs, Venti Franchi, Ventg Francs. Auch die kleinste Minderheit ist akzeptiert. So einfach könnte es sein, denkt Mano Khalil dann. Und dass es zum Verzweifeln ist.

«Unser Garten Eden» wieder im Kino: Sonntag, 21. November, 10.30 Uhr, Ciné Movie 3, Bern (Der Bund)

Erstellt: 16.11.2010, 10:04 Uhr

Artikel zum Thema

Leben nach «Pizza Bethlehem» ist kein Film

6 Monate später Den Zürcher Filmpreis hat Bruno Moll für «Pizza Bethlehem» schon erhalten, morgen folgt die Berner Auszeichnung. Was aber ist aus den Protagonistinnen geworden? Mehr...

«Pizza Bethlehem» holt Berner Filmpreis

Die Berner Filmpreise gehen in diesem Jahr an zwei Dokumentar- und einen Animationsfilm. Ausgezeichnet werden «Pizza Bethlehem» von Bruno Moll, «Unser Garten Eden» von Mano Khalil und «La fille et le chasseur» von Jadwiga Kowalska. Mehr...

Für diese Berner Filme gab der Kanton Geld aus

Darunter ist unter drei anderen der Dokumentarfilm «Unser Garten Eden» von Mano Khalil, der mit 22'000 Franken unterstützt wird. Mehr...

Dossiers

Preisverleihung

Der Berner Filmpreis geht an Bruno Moll (30'000 Franken) und Mano Khalil (20'000 Franken). Preisverleihung: Dampfzentrale Bern, Mittwoch, 17. November 2010, 19.30 Uhr.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Ein Mann für alle Fälle

Blog: Never Mind the Markets Die Heuchelei der G-20

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...