Die Volljährigkeit feiert nicht nur der mündige Bürger

Schweizer und Ausländer feiern an der Jungbürgerfeier gemeinsam den Eintritt ins Erwachsenenleben.

Damals waren Schweizerinnen und Schweizer noch unter sich: An einer Stadtzürcher Jungbürgerfeier von 1966 geben Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen und Stadtpräsident Sigmund «Sigi» Widmer Autogramme.

Damals waren Schweizerinnen und Schweizer noch unter sich: An einer Stadtzürcher Jungbürgerfeier von 1966 geben Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen und Stadtpräsident Sigmund «Sigi» Widmer Autogramme. Bild: Keystone

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Sang- und klanglos erreichten Thunerinnen und Thuner während ein paar Jahren das Mündigkeitsalter: Jungbürgerfeiern gabs nicht mehr – wegen schlechter Erfahrungen. Das Reisli auf dem Thunersee sei oft gar feucht verlaufen, sagt Fred Hodel von der Thuner Stadtverwaltung. Wegen überbordenden Alkoholkonsums habe man den Brauch sistiert. Nur ein Bürgerbrief, signiert von Stadtpräsident Hans-Ueli von Allmen (SP), erreichte die Jungbürgerinnen und -bürger.

Inzwischen gibt es den Anlass wieder in modifizierter Form. Bereits zum vierten Mal lädt die Stadt Thun die jungen Frauen und Männer zur Jungbürger- und Mündigkeitsfeier auf den Mühleplatz ein – seit 2009 gemeinsam mit Oberhofen. Heuer machen auch Heimberg und Hilterfingen mit. Wie der Name verrät, richtet sich die Einladung nicht nur an Inhaber des Schweizer Bürgerrechts, sondern auch an Ausländer. Sie erlangen kein Wahl- und Stimmrecht, treten aber gleichwohl mit Rechten und Pflichten ins Erwachsenenleben ein.

Die Feier ist integriert in das kleine, feine Open-Air-Festival auf dem Mühleplatz, das Thuns kreativer Mokka-Beizer Pädu Anliker ins Leben gerufen hat. «Er hatte die Idee, auch die ausländischen jungen Leute einzubeziehen», sagt Hodel, der als Leiter der Fachstelle Integration mit Daniel Landis, Leiter der Fachstelle Kinder und Jugend, die Mündigkeitsfeier mitorganisiert. Die Geladenen werden mit einem Apéro samt reichhaltigem libanesischem Buffet verköstigt. Danach besuchen sie das Festival, versehen mit einem Badge, der sie von der «moralischen Spendenpflicht» entbindet, die Anliker für die andern Festivalbesucher postuliert.

Schifffahrt: In Thun out, in Biel in

Biel hält die Idee einer Schifffahrt weiterhin hoch. Die Probleme einer allzu lustigen Seefahrt kennt man hier offenbar nicht. Bei der Bieler Stadtkanzlei ist zu erfahren, dass die jungen Schweizer und Ausländer in den letzten beiden Jahren jeweils im Frühherbst mit Stadtvater Hans Stöckli in See gestochen sind – Konzert während der Fahrt inklusive.

Als Binnenstadt mit einer Flussschifffahrt im Gummibootbereich fällt das Element Wasser in der Stadt Bern weg. Als die Teilnehmerzahlen der traditionellen Jungbürgerfeiern «von Jahr zu Jahr erodierten», so Stadtschreiber Jürg Wichtermann, habe man nach neuen Formen gesucht. Eine Zeit lang habe man Briefe mit einem Gutschein für ein Buch oder ein anderes Geschenk verschickt. Ein andermal gab es eine Eintrittskarte für die Museumsnacht oder ein Konzert mit DJ im Kornhausforum.

Jetzt finden die Stadtberner Feiern im Erlacherhof statt, wo der Gemeinderat einen Empfang gibt. Laut Wichtermann kommt es dabei oft zu langen Diskussionen mit den Mitgliedern der Stadtregierung. «Wir wollen uns nicht bei den Jungen anbiedern», sagt Wichtermann, «Partys können sie überall haben.» Von den etwa 800 Personen, die jedes Jahr vollährig werden, erscheint ein Viertel am Regierungssitz. «Wir staunten über den Zulauf», so der Stadtschreiber. Nicht beziffern kann er den Anteil der ausländischen Teilnehmer, «doch blieben die Schweizer eindeutig nicht unter sich». Die Teilnehmer aus Migrantenfamilien werden bei dieser Gelegenheit auf die Modalitäten einer erleichterten Einbürgerung aufmerksam gemacht.

Bowling und Kooperation

Eher auf der Erlebnisschiene bewegt sich die Vorortsgemeinde Muri. Schweizer und Ausländer treffen sich vor dem Gemeindehaus, begeben sich in ein Bowlingcenter in Rubigen und essen in Gümligen chinesisch Znacht. Fast die Hälfte der Jahrgänger erscheine zum Anlass, sagt die zuständige Gemeinderätin Patricia Gubler (FDP). Sie halte eine lockere Kurzansprache, die sich um Rechte und Pflichten drehe. Nachdem ihre Vorgänger verschiedene Formen durchprobiert hätten, scheine sich die jetzige Feier zu bewähren: «Ich mache so weiter.»

In der kleinen Gemeinde Noflen am südlichen Ausläufer des Belpbergs mit gut 230 Einwohnern stellt sich die Frage etwas anders. Allein für die ein bis zwei jährlichen Teilnehmer würde sich eine Feier nicht lohnen. Früher drückte man den spärlichen Jungbürgern an der Gemeindeversammlung einen Geschenkgutschein für ein Sportgeschäft in die Hand. Seit die Verwaltung mit jener der Gemeinde Kirchdorf zusammengelegt worden ist, nehmen die jungen Erwachsenen aus Noflen an einer Feier mit Gleichaltrigen aus Kirchdorf und Jaberg teil. Und die Ausländer? Die für Noflen zuständige Gemeindeschreiberin Manuela Hofer sagt auf Anfrage, erstens gebe es in Noflen nicht so viele Ausländer. «Und wenn, sind sie zu diesem Zeitpunkt meist schon eingebürgert.» Somit stelle sich die Frage gar nicht. (Der Bund)

Erstellt: 28.07.2010, 07:41 Uhr

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