«Die Teile schreien mich an»

Er ist der Schöpfer des Dreirads «Ferdy Füdler», des «Schreikastens» oder des «Wortschiisers»: Der Tüftler Babu Wälti klaut seine Ideen bei allen von «Archimedes bis Zeppelin» und betrachtet sich selbst nicht als Erfinder.

Zerzaustes Haar, Sechstage-Bart, zerschlissener Panzerknacker-Pulli, dreckige Jeans und abgelatschte Crocs. Babu Wälti streckt seine von handfester Arbeit schwarz gefärbte Pranke zum Gruss entgegen. Doch viel Zeit hat der «Chefkonstrukteur» des Berner Spielmaterialverleihs nicht. Aus dem vereinbarten Treffen in seiner Werkstatt in Holligen – einer dunklen, vollgestopften Höhle, wie ein kurzer Blick verrät – wird nichts. Wälti muss weiter in den Botanischen Garten. Dort wartet sein jüngstes Werk, der Gücksturm, auf den letzten Schliff. «Das schlechte Wetter hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht», sagt Wälti. Er sei in Verzug. Am Samstag feiert der Glücksturm als Hauptrequisit eines Freilichttheaters Premiere. Wälti selbst spielt im Stück eine kleine Rolle. Und dann müssen auch noch eine Filminstallation fürs Buskers fertiggestellt und die Spielzeuge fürs Strassenmusikfestival bereit gemacht werden. Es gibt viel zu tun, Wälti ist im Schuss. Ab Richtung Stadtzentrum.Spross aus der Lego-GemeindeWer kennt sie nicht: die kuriosen Spielzeuge von Babu Wälti? Kaum ein Quartier- oder ein Kinderfest kommt ohne sie aus. Und wer es selbst einmal mit dem «Schreikasten», der «Rollen-Rutschbahn» oder dem «Schleudervelo» zu tun bekam, weiss um die Vorzüge von Wältis Schöpfungen. Der 52-Jährige tüftelt und «mechet» von Kindsbeinen an. Als Spross einer Orgelbauerfamilie sei er «in einer materiell reichen Umgebung» aufgewachsen, erzählt er. Und er stamme aus einer Gemeinde, die die Legosteine im Wappen trage: Muri-Gümligen. Zudem habe seine Familie die Seifenkistentradition gepflegt, sagt Wälti, einer der Väter der «Grossen Berner Renntage» am Klösterlistutz und Autor des «Allgemeinen Ratgebers für Seifenkisten».Was mit Schweissen im elterlichen Betrieb begann, liess Wälti bis heute nicht mehr los. Der Pädagoge mit dem starken Spieltrieb arbeitete zunächst mit geistig Behinderten, war dann städtischer Angestellter in der offenen Kinderarbeit, Betreiber des Spielbusses und machte sich schliesslich selbstständig. Heute verdient er sein Geld mit seinem Spielverleih, dem Ausarbeiten von Theaterrequisiten und Bühnenbildern sowie bei Fata Morgana, dem Team welches zurzeit wieder Mystery-Nächte und -Wochenenden vorbereitet. Anarchische InnereienDa steht er, mitten im Botanischen Garten: der Glücksturm. Eine Art Karussell, gespickt mit den absonderlichsten Teilen: Ein alter Briefmarken-Automat fand ebenso Verwendung wie Telefonhörer oder eine Abgasentlüftung eines Garagisten. Letztere hat zwischenzeitlich einem Hanfbauern als Belüftung gedient. Nachdem jener «hopsgenommen» wurde, landete das Teil in Wältis Fundus. Das Turminnere wartet mit einer anarchischen Mechanik auf – noch lässt sich erst erahnen, welche Überraschungen der Turm für die Theaterbesucher bereithält.Wälti holt sich seine Arbeitsinstrumente aus einem fahrtüchtigen Werkzeugkoffer, angetrieben von einem alten Elektrorollstuhl. Es sei bereits das vierte Leben des Gefährts, sagt Wälti. Seine Endbestimmung sei eine mobile Bar. Wältis kleines Team, zu welchem auch einer seiner beiden Söhne gehört, arbeitet mit. Nebst dem Turm gibt es allerlei andere Requisiten, die vollendet werden müssen. Eine überdimensionierte Computermaus etwa, die «die digitale Welt sinnlicher macht». Oder den «Wortschiiser». Bei Letzterem «fehlt zum Glück bloss ein bisschen Ruhe», erläutert Wälti. Denn: Abstellen lässt sich die Maschine nicht. «Sie hat etwas Manisches», urteilt er nicht ohne Begeisterung.Recycler mit neurotischen ZügenNeurotische Züge habe er selbst, räumt Wälti ein. Sein Problem sei nicht, dass er keine Ideen habe, sondern dass zu viele zu schnell da seien. «Ich wäre manchmal froh, wenn mein Hirn nicht so rasch arbeiten würde, sodass die Hände nachkommen.» Doch widerstehen kann Wälti nicht. Wenn er ausgedientes Dekorationsmaterial aus Warenhäusern angeboten bekommt, am Tag der Sperrgutabfuhr durch die Strassen zieht oder über einen Schrottplatz streift, gibt es selten ein Nein. «Die Teile schreien mich an», berichtet er. «Eine Matratze am Strassenrand? Klar, auch die ,Prinzessin auf der Erbse‘ muss einmal verarbeitet werden.» Das Resultat ist eine überladene Werkstatt – «ich bin ein Messie», sagt der Sammler, «aber nicht so ein schlimmer.» Resultat ist aber auch ein reiches Lager einzigartiger Konstruktionen.Trotzdem: «Ich bin kein Erfinder und auch kein Künstler», betont der Schöpfer solch schräger Dinge wie dem «explodierenden Samichlaussack». Er sei «ein Recycler»: «Ich verschaffe dem Schrott eine Ehrenrunde.» Er klaue «von Archimedes bis Zeppelin die abstrusesten Ideen», hält Wälti auf seiner Homepage fest. Es gebe so viele gute Erfindungen, einiges sei bloss noch nicht zu Ende gedacht und müsse noch ein bisschen abgeändert werden, sagt er, der seine Kundschaft explizit dazu auffordert, ihn wissen zu lassen, «wenn Sie Verrücktes planen». Selbst erfunden habe er eigentlich bloss den «Ferdy Füdler», ein Dreirad, das mit dem Hintern gelenkt wird. Vor einigen Jahren habe er das Rad unter anderem Namen in einem Katalog entdeckt. Dass andere mit seinem Gefährt Geld verdienen, lässt Wälti kalt: «Die Idee war offenbar gut», stellt er lapidar fest. Von Copyright und Patenten halte er nichts; «geistiges Eigentum ist so eine Erfindung der Neuzeit».Die andere Seite dieser unzeitgemässen Haltung ist ein kleines Portemonnaie. Gemessen am Standard lebe er wohl unter der Armutsgrenze, sagt Wälti, «doch ich fühle mich nicht so». Auf sein Äusseres lege er keinen Wert, leben tue er bescheiden und seine Vermieterin sei nachsichtig. Grosse Ferien lägen nicht drin, aber ab und zu mal ein Ausflug an eine Ausstellung ins Ausland. Gerne würde Wälti mal nach Afrika reisen – aus Büchern wisse er, «dass sie dort grandios im Recyclen sind». Doch Abschalten müsse er nicht; «einen halben Tag im Muribad zu liegen, wäre für mich schlimm». Aber mit einem Schrottvelo die Aare hinabzufahren – «ja, das funktioniert» – sei was ganz anderes. Und es mache auch eine gute Falle, wenn man dann mit dem Klepper in der Badi an Land gehe.Wälti setzt seiner Fantasie keine Grenzen. Er, der sein Japanmesser und seine Trennscheibe liebt, «weil sie schnell und endgültig sind», arbeitet ohne Pläne. Am Anfang steht allenfalls eine Zeichnung – manchmal auch aus Kinderhand. So entstehen dann Spielzeuge, wie die Maschinen für Wältis neuestes Hobby: «Home-Tool-Drag-Races». Als Boliden dienen umfunktionierte Winkelschleifer, Bohrmaschinen und dergleichen; das Rennen dauert so lange, bis das Kabel ausreisst. Wälti spricht von einer Nische, die er «in einer Welt, wo alles ISO-zertifiziert ist», schaffen könne. «Wenn die Teile mit mir reden»Das Frustpotenzial bei seiner Arbeit sei klein. «Bei der Computertechnik wäre das anders», er aber müsse seinen Werken bloss manchmal ein bisschen «chüderlen». Ja, es sei sogar schön, bei der Arbeit in Grenzbereiche vorzustossen, sich ein bisschen zu überfordern und allenfalls halt auch die Ansprüche hinunterzuschrauben, findet Wälti. Er wisse, dass sein Tun geschätzt werde: Es gebe gestandene Männer, die immer noch von ihrer Zeit im Spielbus schwärmten. Und wie weiss Wälti, dass sein jeweils jüngstes Werk auch ankommt? «Wenn ich einen Glücksturm baue und dabei glücklich bin, kommt es gut.» Der Glücksturm ist bald fertig. Doch ausgedient wird er nie haben. Wenn die Aufführungen gespielt sind, der Abbau und eigentlich auch die Entsorgung anstehen, beginnt Wältis Spiel von vorn. «Dann beginnen die Einzelteile wieder mit mir zu reden und verlangen, nochmals verarbeitet zu werden.»

Der Bund

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