«Die Schweiz ist viel liberaler als ihr Ruf im Ausland»

Samstagsinterview

Er kennt seine Wahlheimat und weiss, was Panaschieren ist. Was Diccon Bewes stört, ist die Bürokratie.

Der «Schweizversteher» Diccon Bewes.

Der «Schweizversteher» Diccon Bewes.

(Bild: Valérie Chételat)

Rudolf Burger

Herr Bewes, Sie sind Engländer und haben ein Buch über die Besonderheiten der Schweiz geschrieben. Was ist Ihnen jetzt im Wahlkampf aufgefallen? Überraschend war für mich, dass es so ruhig war. Zum Beispiel kam das Thema Wahlen am Mittwochabend in der «Tagesschau» gar nicht vor, vier Tage vor den Wahlen. Es wurde über Griechenland informiert, das Sarkozy-Baby. In England oder Amerika wären Wahlen zu diesem Zeitpunkt das einzige Thema.

Es war also ein eher flauer Wahlkampf? Die SVP hat die Agenda gemacht, es drehte sich alles um Einwanderung, aber es gab keine Aufregung, der Wahlkampf war ruhig, fast farblos und harmlos. Das kommt vielleicht davon, dass die Schweizer so viele Möglichkeiten zum Abstimmen und Wählen haben. Vielleicht wird das mit der Zeit ein bisschen langweilig. In England geht es um Konfrontation, nicht Konsens und Konkordanz, dort gibt es nur drei Parteien, in Schottland vier, hier in der Schweiz sind es viel mehr, aber die Hälfte ist unsichtbar, von der CVP habe ich keine Plakate gesehen.

Gibt es trotzdem Wahlplakate, die Ihnen aufgefallen sind? Das Plakat «Für alle statt für wenige» von der SP, «Aus Liebe zur Schweiz» von der FDP, das Einwanderungsplakat der SVP und «Schweizer wählen SVP». Diese Kampagne gefällt mir nicht. Natürlich sind es Schweizer, die SVP wählen, wir Ausländer können ja nicht stimmen, und ein Freund hat mich gefragt, ob er ein Verräter sei, wenn er nicht SVP wähle.

Wissen Sie, wie viele Parteien sich im Kanton Bern um Nationalratssitze bewerben? Vielleicht 18? Ich weiss, dass es im Nationalrat 13 Parteien gibt und der Kanton Bern 26 Sitze hat. Ich habe mich mit Smartvote orientiert: Von 470 Kandidaten landete bei mir Erich Hess am Schluss. Aber ich war überrascht, dass er und ich immerhin noch bei 31 Prozent der Fragen übereinstimmen. Das ist ziemlich viel, finde ich.

Welche Kandidaten waren bei Ihnen ganz vorne? Kandidaten, die ich nicht kenne. Es war eine klare Mischung aus verschiedenen Parteien: GLP, SP, BDP, FDP.

28 Listen gibt es im Kanton Bern. Für welche würden Sie stimmen?
Vielleicht GLP. Die GLP ist grün und liberal, fast so wie ich, es ist eine Partei im linken Zentrum, nicht links, nicht Mitte rechts wie CVP oder BDP. Aber es ist klüger, sich mit Kumulieren und Panaschieren eine eigene Liste zu machen.

Sie kennen ja unser Wahlsystem bestens. Wie kommt das?
Ich habe recherchiert und in meinem Buch darüber geschrieben. In England machen wir einfach ein Kreuz. Hier ist die Wahl so kompliziert, deshalb ist es wohl keine Überraschung, dass weniger als die Hälfte der Schweizer wählt.

Sehen Sie da einen Zusammenhang?
Ja. Seit 1975 liegt die Beteiligung unter 50 Prozent. Vielleicht sind die Schweizer etwas wahlmüde, oder sie sind mit den Zuständen zufrieden, so wie sie sind.

Manche finden das Schweizer Politsystem langweilig. Sie auch?
«Langsam» ist das bessere Wort. Langweilig ist es nicht, irgendetwas ist immer unterwegs, jetzt zum Beispiel die Frage der Kampfjets. In England würde die Regierung diese Entscheidung einfach fällen, das Volk hätte nichts zu sagen. Hier will die SP eine Initiative gegen Kampfjets starten, und alle Leute haben die Gelegenheit, sich zu entscheiden. In England können wir nur alle vier oder fünf Jahre wählen.

Am Sonntag wählen wir ein Parlament, aber keine Regierung. Auch da ist die Schweiz eine Ausnahme.
Das ist anders, aber kein Nachteil, dass Parlamentswahl und Bundesratswahl getrennt sind. Würde der Bundesrat vom Volk gewählt, dazu gibt es ja einen Vorstoss, würde nur noch über Persönlichkeiten statt politische Inhalte debattiert. Letzte Woche hatte ich einen Termin in London beim Foreign Office, dem britischen Aussenministerium. Mein Gesprächspartner fragte mich, ob das Foreign Office nächste Woche mit einer neuen Regierung sprechen müsse. Ich habe ihm erklärt, dass es um Parlamentswahlen gehe und in der Schweiz nicht – wie in England – über Nacht eine neue Regierung eingesetzt werde.

Hat man sich beim Foreign Office von Ihnen die Schweiz erklären lassen?
Mein Freund und ich waren vor ein paar Wochen bei der britischen Botschaft zum Abendessen. Mit dabei waren auch zwei Leute vom Foreign Office, die mich dann nach London eingeladen haben. Sie hatten mein Buch gelesen und stellten mir viele Fragen zur Schweiz, nicht nur zur Politik, sondern auch zu Gesellschaft und Geschichte.

Sie haben schon viele Abstimmungskämpfe mitverfolgt. Welche sind Ihnen in Erinnerung geblieben?
Vor allem zwei. Erstens die Abstimmung über das Partnerschaftsgesetz 2005. Ich habe nicht geglaubt, dass das angenommen würde, aber so kam es.

Sie waren positiv überrascht.
Ja, weil die Schweiz als sehr konservativ gilt. Aber das stimmt nicht, das Land ist viel liberaler als sein Ruf im Ausland. Beispiele dafür sind die Sterbehilfeorganisation Dignitas, die Drogen- und Sozialpolitik oder eben die Möglichkei t, homosexuelle Partnerschaften registrieren zu lassen. Die Schweiz ist das erste Land, in dem nicht nur Parlament und Regierung, sondern auch das Volk dazu Ja sagte.

Die zweite Abstimmung, die in Ihrer Erinnerung haften geblieben ist?
Die Ausschaffungsinitiative mit den schwarzen Schafen. Diese Plakate waren rassistisch, in England wären sie verboten worden. Zuerst tauchten sie im Wahlkampf 2007 auf, dann kehrten sie bei der Abstimmung über die Ausschaffungsinitiative im letzten Jahr zurück. In dieser Zeit habe ich am Arbeitsplatz Probleme bekommen.

Als Sie noch in der Buchhandlung Stauffacher tätig waren?
Ja. Bis Juni dieses Jahres habe ich dort gearbeitet. Im Wahlkampf 2007 und auch während der Ausschaffungsinitiative bin ich von einem Teil meiner Kunden als Ausländer, der kein Schweizerdeutsch spricht, beschimpft worden, unter anderem als «fucking foreigner».

In einer Buchhandlung? Schwer zu glauben. Waren das Einzelfälle?
Nein, leider nicht, zu meinem Erstaunen und dem meiner Mitarbeiter. Allerdings war es während des Wahlkampfs 2007 viel schlimmer, da bin ich fast jede Woche mit Worten wie «Du bist Ausländer, du bist nicht integriert» oder «Warum haben Sie uns unsere Jobs gestohlen?» angegangen worden.

Sind wir Schweizer Rassisten?
In der Mehrheit nicht, doch ein Teil schon. Aber das ist leider auch in Amerika oder England so. Viele Schweizer haben Angst vor der Zukunft. Die Schweiz hat auch nie Kolonien gehabt, es gibt nicht wie in England oder Frankreich eine lange Geschichte der Integration. In der Schweiz ist es ziemlich neu, dass nicht alle Leute weiss und christlich sind. Schade, dass die Fremdenfeindlichkeit der SVP jetzt auch im Mainstream akzeptabel ist.

Probleme mit Ausländern gibt es, mehr als die Hälfte der Gefängnisinsassen sind Ausländer.
Stimmt, vielleicht machen Ausländer mehr Probleme, aber vielleicht werden Ausländer von der Polizei auch gezielter kontrolliert. Mir fällt auf, dass Ausländer, häufig Schwarze, kontrolliert werden, in Zügen, im Tram.

Dafür kann es gute Gründe geben. Die Polizei macht auch ihre Erfahrungen.
Vielleicht. Dieses Problem haben wir auch in England, auch dort werden junge, schwarze Männer häufiger angehalten und durchsucht. Das erklärt zum Teil die Gewaltausbrüche in englischen Städten vor ein paar Wochen. In der Schweiz werden die gut integrierten Ausländer, die arbeiten und Steuern bezahlen, oft vergessen. Ja, die Hälfte der Häftlinge sind Ausländer, aber die Hälfte der Angestellten im Inselspital vielleicht auch. Ein Viertel der Lohnempfänger sind Ausländer, und viele haben Jobs, die Schweizer nicht haben wollen.

Sie sind ein ausgezeichneter Kenner der Schweiz. Welche Unterschiede zwischen Deutsch- und Welschschweiz fallen Ihnen auf?
In der Romandie wird französisch gesprochen – oder englisch, aber fast nie deutsch. Der Begriff «polyglott» trifft eher auf die Deutschschweiz zu, hier sprechen viele Französisch oder auch Italienisch. Dafür sind die Welschschweizer etwas weniger konservativ, ein wenig mehr links, ein wenig mehr pro Europa und etwas entspannter – sie trinken gerne Wein zum Mittagessen.

Es könnte ja sein, dass Deutsch- und Welschschweizer bald einmal englisch miteinander reden.
Das habe ich bei Treffen von Welsch- und Deutschschweizern schon oft bemerkt. Für mich ist das wunderbar, so kann ich mich mit beiden unterhalten.

Was halten Sie davon, dass die Schweiz nicht zur EU gehört?
Das ist ähnlich wie in England. Wir sind in der EU, die Schweiz macht beim Schengen-Abkommen mit. Beide sind europaskeptisch, haben aber aus geografischen und wirtschaftlichen Gründen keine andere Wahl.

Wie viele Exemplare Ihres Buches haben Sie eigentlich verkauft?
35'000, über die Hälfte davon in der Schweiz. Das war für mich und meinen Verlag überraschend. Als jemand, der in der englischen Abteilung einer Buchhandlung gearbeitet hat, wusste ich, dass Schweizer gerne Bücher auf Englisch lesen, aber dass mein Buch so gut verkauft wurde und immer noch wird, hätte nicht gedacht. Das Buch erscheint nächstes Jahr im März mit dem Titel «Der Schweizversteher» auf Deutsch.

Dank dem Erfolg können Sie jetzt als freier Schriftsteller arbeiten.
Es war ein Risiko, meinen Job bei Stauffacher zu kündigen. Vorher hatte ich Geld, aber keine Zeit, jetzt kein Geld, aber Zeit. Zeit, um für die deutsche Ausgabe mit den Übersetzerinnen zu arbeiten und um für meine nächsten zwei Bücher zu recherchieren oder an Anlässen teilzunehmen. Ich habe diese Woche bei der Swiss-British Society einen Vortrag gehalten, nächste Woche bin ich in Baden, übernächste Woche Lausanne.

Sie sind also ein gefragter Referent.
Ja. Es ist ungewöhnlich, dass ein Ausländer, der hier in der Schweiz wohnt, viel über die Schweiz weiss und gerne über Positives und Negatives spricht.

Was für Buchprojekte sind in Arbeit?
Nächstes Jahr erscheint ein Buch voller Fakten und Kuriositäten über die Schweiz. Zum Beispiel wird die Frage beantwortet, in welchen Kantonen es am meisten Kühe gibt oder wie die Schauspielerinnen heissen, die in Filmen das «Heidi» gespielt haben.

Wo gibt es am meisten Kühe?
Natürlich im grossen Kanton Bern mit seinem Emmental. Am wenigsten Kühe gibt es im Kanton Genf. Im diesem Buch werden aber auch die Ergebnisse der Nationalratswahlen der letzten 20 Jahre aufgeführt, die 89 Schweizer Gewinner von Goldmedaillen bei Olympischen Spielen, und es wird beschrieben, wie die Schweiz beim Eurovision-Wettbewerb abgeschnitten hat.

Da gibt es nicht so viel zu berichten.
Immerhin hat die Schweiz zweimal gewonnen, Lys Assia 1956 bei der ersten Austragung und Céline Dion 1988. Aber es gab auch dreimal null Punkte. All diese Fakten zu recherchieren, ist spannend. Heute habe ich die Dampfschiffe auf Schweizer Seen gezählt.

Wie viele gibt es noch?
Je fünf auf dem Vierwaldstätter- und Genfersee, zwei auf dem Zürichsee, je eines auf dem Thuner- und dem Brienzersee. Total 14. 14 mehr als in England.

Sie kennen die Schweiz besser als viele Einheimische. Wo gefällt es Ihnen eigentlich am besten?
Schwierige Frage. Ich habe alle grossen und kleinen Städte besucht. Bern gefällt mir am besten. Es ist klein, aber nicht zu klein, kulturell ist immer etwas los, Oper auf dem Münsterplatz, Street Buskers, im Sommer Schwimmen in der Aare, was mir sehr gefällt. In London wäre das zu gefährlich, die Themse ist noch nicht so sauber. Abseits der Städte mag ich besonders das Berner Oberland. Es ist sehr touristisch, aber mit den Bahnen kommt man überall hin. Man nimmt die Gondel auf den Männlichen, wandert zur Kleinen Scheidegg und fährt zurück mit der Bahn. Das ist wunderbar.

Gibt es auch etwas, was Sie besonders stört an der Schweiz?
Die Bürokratie. Natürlich gibt es auch in England Bürokratie, wir sagen dem «red tape». Hier ist das «red tape» noch röter als irgendwo. Die Schweiz ist fast ein «Big Brother»-Staat. Es gibt zwar keine Videokameras wie überall in England, aber ich muss mich hier bei der Gemeinde anmelden und kann nicht wie in England wohnen, wo ich will.

Doch, Sie müssen sich nur abmelden und wieder anmelden.
Ich kann von England nach Schottland ziehen, ohne dass das jemand zu wissen braucht. Aber hier, die Fremdenpolizei, all diese Papiere mit Stempel. Wenn Sie nicht die richtigen dabeihaben, schickt man Sie weg, und Sie müssen nochmals erscheinen. Das gefällt mir nicht.

In Ihrem Buch beklagen Sie sich auch über Sprayereien.
Das gibt es überall, ich sehe Sprayereien von meinem Fenster aus. Gesprayt wird nicht nur an hässlichen Orten wie neben Auto- oder Eisenbahn. Das schöne Haus aus dem Jahr 1920, in dem ich wohne, wird alle sechs Monate versprayt. In Neuenburg sind viele wunderschöne mittelalterliche Gebäude versprayt. Ich finde, das ist eine Schande.

Wird hier mehr gesprayt als in England?
Viel mehr, vielleicht fällt das in der kleinräumigen Schweiz eher auf. Ich habe auf meinem Internet-Blog kürzlich über Sprayereien geschrieben. Viele Ausländer haben reagiert. Wir fragen uns, warum junge Schweizer so viel sprayen.

Haben Sie eine Antwort?
Ich habe dazu ein paar Theorien aufgeführt: Diese Menschen sind so zufrieden mit den Zuständen, dass sie etwas Schlimmes anstellen müssen. Oder: Es ist besser, Graffiti zu sprayen, als in den Strassen zu randalieren und sich mit der Polizei anzulegen. Sprayen ist die Schweizer Art zu rebellieren.

Worüber schreiben Sie in Ihrem andern, dem zweiten Buchprojekt?
Da geht es um Tourismus. 1863 hat Thomas Cook eine erste Pauschalreise von England in die Schweiz organisiert. In den folgenden Jahren hat er viele Engländer in die Schweiz gebracht. Das hat die Schweiz verändert, als sie noch ziemlich arm war. Plötzlich kamen viele ziemlich reiche Engländer. Für die faulen Engländer, die nicht wandern wollten, wurde die Rigi-Bahn gebaut, und um sie unterzubringen, alle diese wunderbaren Hotels in Luzern, Montreux und Interlaken. Mein Buch erscheint 2013 zum 150-Jahr-Jubiläum der Reise von Cook. Das Besondere ist: Eine Engländerin, die 1863 dabei war, hat ein Tagebuch geschrieben, das ich erhalten habe. Vor zwei Monaten habe ich die genau gleiche Reise gemacht wie sie. Ich kann also zwischen damals und heute vergleichen.

Viele Berge sind von Engländern erstmals bestiegen worden, das Matterhorn zum Beispiel.
Ja, von Whymper. Es ist spannend, zu sehen, wie diese friedliche Invasion ablief. Im ersten Sommer kamen 2000 Engländer. Die Schweizer wurden überrascht, haben aber reagiert, nach ein paar Jahren gab es Reiseführer, Hotels, Dampfschiffe und all diese Dinge, für die die Schweiz jetzt so bekannt ist und die immer noch viele Touristen anlocken.

Wie Sie in Ihrem Blog schreiben, werden Sie immer wieder nach der besten Schweizer Schokolade gefragt. Ihre Antwort?
Am Anfang war es Cailler-Milchschokolade. Heute mag ich dunkle Schokolade mit 70 Prozent Kakaoanteil, auch die von Cailler oder Lindt. Auch gut ist die dunkle Fair-Trade-Bioschokolade von Coop.

Der Bund

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