«Die SVP hetzt die Schweizer auf die eigenen Bürger»

Als Kosovare wird der Jurist und Gewerkschafter Nazmi Jakurti von der neusten SVP-Kampagne direkt angesprochen.

Mit 23 Jahren kam Nazmi Jakurti erstmals in die Schweiz.

Mit 23 Jahren kam Nazmi Jakurti erstmals in die Schweiz. Bild: Valérie Chételat

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Nazmi Jakurti ist Kosovare. Schlitzt er deswegen Schweizer auf? Nein, natürlich nicht. Jakurti gehört zum «grössten Teil» der Kosovaren in der Schweiz, den SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner gegenüber dem «Sonntag» kürzlich als «anständig und gut integriert» bezeichnet hat. Trotzdem konnte er in den vergangenen zwei Wochen nicht umhin, die neuste Kampagne von Giezendanners Partei zur Kenntnis zu nehmen: «Kosovaren schlitzen Schweizer auf!», «Kosovare erschiesst Leiterin des Sozialamtes!».

Mit 23 Jahren erstmals in der Schweiz

Jakurti wurde 1961 in Gjakovë, Kosovo, geboren. Nach seinem Jurastudium an der Universität von Pristina arbeitete er als Journalist. «Dann kam mein Bruder, der in der Studentenbewegung aktiv war, ins Gefängnis», erzählt er. «Er wurde zu sieben Jahren verurteilt.» Als Bruder eines politischen Gefangenen sei es ihm nicht mehr möglich gewesen, als Journalist zu arbeiten.

Mit 23 Jahren kam er erstmals für drei Monate in die Schweiz, genauer nach Langenthal, wo er im Spital arbeitete. Von da an kehrte er immer wieder zurück. Zuerst als Saisonnier und schliesslich für immer. Er arbeitete bei einem Langenthaler Bauunternehmen als Lastwagenfahrer. Den Führerausweis dafür hatte er bereits zuvor in seiner früheren Heimat gemacht. Dann entschied er sich für ein Nachdiplomstudium an der Uni Luzern - dabei erwarb er sich den Master in interkultureller Kommunikation, Mediation und Konflikt- und Krisenintervention.

Daneben bestritt er ein 100-Prozent-Pensum im Nachtdienst als Pflegeassistent in der psychiatrischen Klinik St. Urban. Seit acht Jahren arbeitet Jakurti für die Gewerkschaft Unia.

«Unglaublich traurig»

Jakurti ist kräftig gebaut, sein Blick ist wach. Die grauen Haare trägt er kurz und adrett zur Seite gekämmt. Die beiden obersten Knöpfe seines weissen Kurzarmhemds sind offen, im Ausschnitt hängt eine modische Sonnenbrille. In einem kleinen Sitzungszimmer an seinem Arbeitsplatz in Langenthal versucht er in Worte zu fassen, wie es ist, seiner Nationalität wegen mit Verbrechern in einen Topf geworfen zu werden.

«Es stimmt mich unglaublich traurig, diese Inserate zu sehen», sagt er. «Leider sind wir es uns aber langsam gewohnt, den Sündenbock zu spielen.» Bereits seit 50 Jahren kämen Kosovaren in die Schweiz - zuerst als Gastarbeiter, dann auch als Kriegsflüchtlinge. «Mit ihren Kampagnen schürt die SVP die Angst vor dem Unbekannten», sagt Jakurti. «Offenbar sind wir nach 50 Jahren noch immer unbekannt.»

Alle relevanten kosovarischen Organisationen verurteilten Gewalttaten

Jakurti empfindet die neuste SVP-Kampagne als «brutaler als alles, was vorher war». Er sagt: «Diese Hetze ist nicht nur irritierend, sie ist auch gefährlich.» 40'000 Menschen aus Kosovo seien eingebürgert, erklärt er. «Die SVP hetzt also die Schweizer auf die eigenen Bürger.» Die Kosovaren seien der Schweiz gegenüber loyal und dankbar, sagt Jakurti.

In Anbetracht dieser Tatsache sei es besonders schwer, derartige Hetzkampagnen zu ertragen. Er möchte aber auch an das erinnern, was die Einwanderer aus dem Kosovo für die Schweiz getan haben: «Wir Kosovaren sind uns bewusst, dass wir einen grossen Beitrag zum Wohlstand in der Schweiz geleistet haben.»

Als er von den Gewalttaten in Pfäffikon und Interlaken vernommen habe, sei er bestürzt und wütend gewesen, sagt Jakurti. Alle Kosovaren, die er seither getroffen habe, hätten genauso reagiert - «obwohl jedem von uns klar ist, dass wir als Gemeinschaft nichts dafür können». Alle relevanten kosovarischen Organisationen hätten die Gewalttaten der letzten Wochen aufs Schärfste verurteilt. Er habe aber von Anfang an gewusst, dass diese Taten - genau wie in der Vergangenheit - für politische Zwecke missbraucht werden würden.

Bei all dem Negativen gebe es doch etwas, was ihn optimistisch stimme, sagt Jakurti: «Abgesehen von der SVP haben alle wichtigen Kräfte die Kampagne verurteilt.» Wie zum Beweis legt er einen Ausdruck aus dem Internet auf den Tisch. Albinfo.ch, das Internetportal der albanischsprachigen Schweiz, hat die grossen Schweizer Parteien um ihre Meinung zur SVP-Kampagne gefragt. Alle haben geantwortet - alle, bis auf eine. (Der Bund)

Erstellt: 05.09.2011, 09:38 Uhr

SVP nützt Gewalttaten aus

«Masseneinwanderung stoppen» - mit diesem Slogan wirbt die SVP seit Juli um Unterschriften für ihre Volksinitiative «Gegen Masseneinwanderung». Am 15. August ereigneten sich in der Schweiz gleich zwei Gewalttaten, die der SVP in die Hände spielten: In Pfäffikon ZH erschoss ein 59-jähriger Kosovare zuerst seine Ehefrau und danach die Leiterin des Sozialamts. In Interlaken griff ein 31-Jähriger, ebenfalls aus Kosovo, mit einem Messer scheinbar grundlos einen Schweizer Schwinger an.

Die SVP reagierte sofort: Die Titel einer neuen Inseratekampagne lauteten «Kosovaren schlitzen Schweizer auf!» und «Kosovare erschiesst Leiterin des Sozialamtes!». Als sich mehrere Verlage weigerten, das erstgenannte Inserat abzudrucken, weil es von Kosovaren in der Mehrzahl spricht, obwohl nur einer den Schwinger angegriffen hatte, änderte die SVP den Titel. Er lautet nun «Kosovare schlitzt Schweizer auf!».

Die Kampagne führte einmal mehr zu einer animierten Debatte über den politischen Stil der SVP. Auch mehrere SVP-Exponenten distanzierten sich öffentlich davon.

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