Die Roten Falken sind zurück in Bern

Eine Art «rote Pfadi» – das sind die Roten Falken. Die Kinder- und Jugendgruppe hat ihre historischen Wurzeln in der Arbeiterbewegung an der Wende zum 20. Jahrhundert – und ist jetzt wieder in Bern aktiv.

Demokratie üben: Wie der Spielnachmittag aussihet, wird im Lagerrat bestimmt. (Manuel Zingg)

Demokratie üben: Wie der Spielnachmittag aussihet, wird im Lagerrat bestimmt. (Manuel Zingg)

«Die Falken fliegen wieder!» Nach fast zwanzig Jahren Pause verkündet die Kinder- und Jugendgruppe ihre erneute Aktivität in Bern auf ihrer Webseite. Dabei hatte die Bewegung in der Schweiz ausgerechnet in Bern ihren Anfang genommen: Die Sozialistin Anny Klawa-Morf gründete hier in den Zwanzigerjahren die ersten Gruppen. 1930 erwarb sie das «Kinderfreundeheim Hüsi» in Belp. Dort, an der Aare, fand am Wochenende das diesjährige Pfingstlager der Roten Falken statt.

Die Arbeiterkinder herausholen

Die «Kinderfreunde»-Bewegung entstand im «roten Wien» der Jahrhundertwende und schwappte nach dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland und in die Schweiz über. «Es war eine Art Kinderhilfswerk», erklärt Fabio Weiler, Ethnologiestudent, der seit Jahren bei den Roten Falken dabei ist und das diesjährige Lager mitorganisiert hat. Die Arbeiterkinder sollten aus dem Milieu der Armut heraus- und in sozialistische Werte eingeführt werden. Der Pionierin Anny Klawa-Morf schien es damals «unmöglich, dass Leute erst mit dreissig oder vierzig Jahren zu Sozialisten werden können». In der Folge wurden schweizweit bis zu vierzig Ortsgruppen gegründet.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs setzte dem Aufschwung aber ein jähes Ende. «Angesichts der faschistischen Machtübernahme war die Angst gross, sich politischen Gruppierungen anzuschliessen», erklärt Weiler. Im Gegensatz etwa zu Deutschland wurden die Gruppen hierzulande nicht verboten. Doch auch nach dem Krieg konnten die Roten Falken den Mitgliederrückgang nicht wieder wettmachen. Der Landesverband wurde schliesslich 1996 aufgelöst. Auch in Bern verschwanden die aktiven Roten Falken Anfang der Neunziger; nur der Trägerverein blieb bestehen.

Heute ist Zürich, wo die Gruppen nie ganz ausstarben, die Hauptstadt der Roten Falken. Von dort aus kommt nun auch die «Entwicklungshilfe», die Fabio Weiler in Bern leistet, und zusammen mit Nadja Olloz, Studentin der Sozialanthropologie, leitet er eine Gruppe mit regelmässigen Freizeitaktivitäten. Diese werden finanziert durch den Trägerverein, dem oft die Eltern der Kinder angehören, die einen Jahresbeitrag von zwanzig Franken bezahlen. «Während in Deutschland noch heute Gelder der SPD fliessen, stehen wir den Sozialdemokraten nur noch ideell nahe», sagt Weiler. Die Grundwerte seien dieselben geblieben: «Es sind linke Grundwerte – aber nicht auf eine Partei fixiert.»

Kinder, die für ihre Welt kämpfen

Von den Erziehungsgrundsätzen haben nach Weiler einige gar eine gesellschaftliche Vorreiterrolle eingenommen: «Etwa die Koedukation von Mädchen und Jungen, die hat sich später nahezu flächendeckend durchgesetzt.» Das Wichtigste sei aber die Partizipation: «Die Kinder sollen lernen, dass ihre Meinung gefragt ist und ernst genommen wird.» Im Lager geschieht das jeden Morgen im Lagerrat. Da könne es schon mal vorkommen, dass das Programm völlig umgestellt werde. Autorität durch Vertrauen statt durch Stärke, so der Grundsatz. «Heute würde man dem wohl Kuschelpädagogik sagen.»

Die sozialistische Erziehung der Kinder ist mit der Zeit in den Hintergrund getreten, die Verankerung in der Arbeiterschaft hat sich gelockert. Die Veränderungen sind etwa ablesbar an dem «Falkenversprechen», einer Art Werte-Charta. Der erste Punkt «Ich bin ein Kind des arbeitenden Volkes» lautet nun: «Wir sind Kinder und Jugendliche, die sich für das Geschehen auf der Welt interessieren.» Ihre konkreten Themen sind etwa Kinderrechte oder das Leben in der Konsumgesellschaft. «Aber der Renner sind derzeit Umweltprobleme», sagt Weiler. Im Lager können die Kinder selber Diskussionen anreissen – und wer will, macht mit. Oder sie spielen das «Sans-Papiers-Spiel». Daneben finden jedoch auch apolitische Beschäftigungen statt wie zum Beispiel der Siebdruck des Falkenlogos auf rote T-Shirts.

«Manche Leute fragen, ob wir die Kinder indoktrinieren», erzählt Weiler. «Natürlich nicht – aber in der Erziehung werden immer irgendwelche Werte vermittelt.» Wie diese bei den Roten Falken liegen, ist jedenfalls klar.

Der Bund

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