«Die Reitschule bietet mehr»

Vor der Abstimmung vom 26. September 2010 stellt sich die Frage: Warum braucht es die Reitschule noch? Drei Betreiber geben eine Antwort und sprechen über Basisdemokratie, Sicherheit und Geld.

Innenansichten aus dem Innenhof (von links): Ruedi Löffel, Anna Bürgi und Tina Loser, die ihr Gesicht nicht zeigen will. (Manuel Zingg)

Innenansichten aus dem Innenhof (von links): Ruedi Löffel, Anna Bürgi und Tina Loser, die ihr Gesicht nicht zeigen will. (Manuel Zingg)

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Es gibt in Bern Leute, die denken, in der Reitschule herrsche das pure Chaos. Ist dem so?

Tina Loser: Einige Leute denken, man könne hier machen, was man wolle. Sie unterschätzen die Komplexität der Strukturen (siehe Kasten, Anm. d. Red.). Was viele auch nicht wissen: Die Reitschule ist als Verein konstituiert.

Zum vierten Mal seit 1999 wird in diesem Herbst aufgrund einer rechtsbürgerlichen Initiative über die Schliessung der Reitschule abgestimmt. Warum braucht es die Reitschule unbedingt?

Ruedi Löffel: Wie unser Abstimmungsslogan sagt: Die Reitschule bietet mehr. Nämlich mehr Kultur, mehr Kino, mehr Musik, mehr Theater und mehr Engagement und Utopien für eine gute Welt. Die Reitschule ist ein Ort, wo versucht wird, sich möglichst selbstbestimmt und kollektiv zu organisieren. Die Gesellschaft soll dabei kreativ und kritisch betrachtet werden. Die Leute sollen einfach mal vorbeikommen und sich ein eigenes Bild der Reitschule machen.

Im Vorfeld der Abstimmung gibt es öffentliche Führungen durch die Reitschule. Wen wollt ihr damit erreichen?

Anna Bürgi: Die Führungen sind eine Chance, dass wir die Reitschule Menschen nahebringen, die sie noch nicht kennen und vielleicht auch gewisse Vorurteile haben.

Was unternimmt die Reitschule sonst noch im Hinblick auf die Abstimmung?

Löffel: Es geht vor allem darum, unsere Leute zu mobilisieren und zum Abstimmen zu bringen. Zudem ist es wichtig, unsere Probleme nicht zu verleugnen, gleichzeitig aber auch aufzuzeigen, dass viele dieser Probleme nicht direkt etwas mit der Reitschule zu tun haben.

Sie sprechen über den Vorplatz, der immer wieder für negative Schlagzeilen sorgt.

Löffel: Der Vorplatz ist der Punkt, an dem die Welt, die wir leben wollen, mit der Realität kollidiert. An diesem Punkt kann man sich die Reitschule wie eine Insel vorstellen. Der Vorplatz ist die Brandung – manchmal schön ruhig, und dann stürmt es wieder.

Bürgi: Ja, der Vorplatz ist unser wunder Punkt. Auf dem Vorplatz werden Sachen zu unserem Problem, die eigentlich nicht unser Problem sind und die wir nicht lösen können. Im Zusammenhang mit dem Vorplatz ist es daher wichtig, die städtische Drogen-, Jugend- und Kulturpolitik und die Schweizer Asylpolitik immer wieder anzusprechen.

Über die Reitschule wird auch wegen Sicherheitsproblemen immer wieder berichtet. Wie können Sie diese gewährleisten?

Loser: Für die Sicherheit sind wir zuständig. Die Leute, die arbeiten, sind neben ihrer Tätigkeit auch immer noch als Zuhörer, Krankenschwestern und auch als Rausschmeisserinnen im Einsatz. Zudem gibt es eine Gruppe im Dachstock, die an Veranstaltungen ausschliesslich für die Sicherheit oder das Wohlbefinden der Gäste zuständig ist.

Entscheidungen werden in der Reithalle basisdemokratisch getroffen – für Aussenstehende ein grosses Rätsel. Wie funktioniert das?

Bürgi: Man diskutiert so lange, bis man einen Konsens gefunden hat. Allerdings stellt die Basisdemokratie relativ hohe Ansprüche an die Leute. Man muss einander zuhören und entgegenkommen. Es braucht viel gedankliche Flexibilität.

Und kommt es immer zu einer gemeinsamen Lösung?

Löffel: Es gibt immer einen Weg, hinter dem alle stehen.

Loser: Und man muss auch den Mut haben, für etwas keine Lösung zu finden. Auch wenn es nicht das Ziel ist.

Ist die Schliessung der Cafete ein Beispiel dafür, keine Lösung gefunden zu haben?

Bürgi: Nicht unbedingt. Wir haben der Cafete ja gekündigt, und nun ist sie besetzt.

Wie geht es jetzt weiter?

Loser: Wir sind im Moment im Prozess der Lösungsfindung.

Bürgi: Die Kündigung ist fix, und die Reitschule sucht nach neuen Nutzungen für den Raum.

Ist es in unserer individualisierten Gesellschaft überhaupt noch möglich, im Kollektiv etwas zu schaffen?

Bürgi: Es ist etwas total Schönes. Man hat immer Rückhalt und kann umgekehrt andere Menschen und ihre Vorhaben unterstützen.

Loser: Schwierig ist dabei der Kontrast zwischen den Gästen und uns Reitschülern. Man kann hier zwar viel. Aber man kann nicht einfach machen, was man will, denn so funktioniert auch eine Konsensdemokratie nicht mehr.

Löffel: Der Spagat beginnt eigentlich noch vor den Gästen und der Reitschule, nämlich mit dem Bedürfnis, hier einen Freiraum zu schaffen und auch mal an einem Sonntagabend auf dem Vorplatz zu feiern, und gleichzeitig dem Verständnis dafür, dass es Anwohner gibt, die gerne mal Ruhe haben möchten.

Mehrmals im Jahr gibt es in der Grossen Halle kommerzielle Veranstaltungen wie zum Beispiel Sven Väth. Wie lässt sich das mit dem nicht konsumorientierten Ideal der Reithalle vereinbaren?

Löffel: Zuerst einmal muss man sagen, dass die Grosse Halle ein eigenständiger Verein ist, der nicht in die Gesamtorganisationsstruktur der Reitschule integriert ist. Die Grosse Halle macht jedoch solche Veranstaltungen, damit sie kleinere Produktionen finanzieren kann.

Loser: Die Querfinanzierung betrifft nicht nur die Grosse Halle, sondern die Reitschule als Ganzes. Ein Kulturbetrieb, der nur Nischenveranstaltungen bedient, kann nicht überleben.

Auch eine Frage, die sich die Öffentlichkeit immer wieder stellt: Wie finanziert sich die Reitschule?

Loser: Zum einen werden wir von der Stadt unterstützt. Sie überweist den Stadtbauten eine jährliche Miete von 300 000 Franken. 60 000 Franken erhalten wir zudem für Wasser, Entsorgung und Abfall. Das Tojo-Theater wird mit 50 000 Franken und der Verein Grosse Halle mit 30 000 Franken subventioniert. Der ganze Rest ist selbsttragend und basiert auf Querfinanzierung. Dies sowohl innerhalb als auch zwischen den verschiedenen Arbeitsgruppen.

Sowohl organisatorisch als auch finanziell hat die Reitschule klare Strukturen. Ist sie dennoch – auch 23 Jahre nach der Besetzung – ein Freiraum?

Löffel: Sie ist mittlerweile vielmehr das Experiment einer anderen Gesellschaftsform.

Bürgi: Trotzdem ist es ein Raum, in dem man sich freier von gesellschaftlichen Zwängen bewegen kann. (Der Bund)

Erstellt: 27.07.2010, 07:34 Uhr

So funktioniert die Reitschule

Als kleinste Einheit gibt es die verschiedenen Arbeitsgruppen – etwa das Restaurant Sous le Pont. Diese organisieren sich autonom. Sie sind entweder als Vereine oder Genossenschaften organisiert. Zudem gibt es den Dachverband Ikur. Das ist der Verein, der die gesamte Reitschule umfasst. Themen, welche die ganze Reitschule betreffen, werden in der Koordinationsgruppe besprochen. Arbeitsgruppen delegieren jeweils ein Mitglied an die sonntägliche Sitzung. Für die administrativen Arbeiten ist das Betriebsbüro zuständig. Ein weiteres Gremium ist die Vollversammlung. Sie entscheidet über Grundsatzfragen oder Projekte. Alle Entscheidungen werden im Konsens getroffen. In der Reitschule sind ungefähr 170 Personen aktiv, die bezahlte und viel freiwillige Arbeit leisten.

Die vierte Abstimmung in zehn Jahren

Seit 1999 haben sich die Stimmberechtigten dreimal gegen Vorschläge gestellt, die Reitschule umzuorganisieren, umzufunktionieren oder gar zu schliessen. Einmal haben sie sich zudem für einen Renovationskredit ausgesprochen. Am 26. September 2010 kommt es zu einer erneuten Abstimmung. Die SVP hat eine Initiative zur Schliessung und zum darauffolgenden Verkauf der Reitschule an den Meistbietenden lanciert. Wer sich im Vorfeld der Abstimmung ein eigenes Bild der Reitschule machen will, kann an einer der öffentlichen Führungen teilnehmen. Diesen finden am 7., 14., 21. und 28. August sowie am 4., 5., 9., 11. und 15. September statt (17 Uhr, vor Eingangstor). Die Führung dauert 90 Minuten. Weitere Infos: www.reitschulebietetmehr.ch.

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