Die Kirche soll am Flüchtlingstag zum «riesigen Mahnmal» werden

Am Samstag werden an der Heiliggeistkirche in Bern weisse Stofffetzen befestigt. Jeder steht für einen Menschen, der auf der Flucht starb.

Der Sigrist Fritz Wälti (links) und Michel Bayer von der Schreinerei Holzlabor schneiden Dachlatten zu, die an der Heiliggeistkirche befestigt werden.

Der Sigrist Fritz Wälti (links) und Michel Bayer von der Schreinerei Holzlabor schneiden Dachlatten zu, die an der Heiliggeistkirche befestigt werden.

(Bild: db)

Die Heiliggeistkirche beim Bahnhof Bern sieht gegenwärtig etwas anders aus als sonst. Rund um das Gebäude sind am Mittwoch Holzlatten angebracht worden. Sie bilden das Gerüst für die Schnüre, an denen schliesslich Tausende weisse Stoffstreifen befestigt werden.

Die Aktion zum Flüchtlingstag vom Samstag trägt den Titel «Beim Namen nennen – 35'597 Opfer der Festung Europa». Vorbereitet hat sie eine Gruppe von rund zwanzig Freiwilligen um den Heiliggeist-Pfarrer Andreas Nufer. Die Idee dazu lieferte ihm eine Freundin aus dem Tessin. Sie war in Italien auf eine aussergewöhnliche Liste gestossen, «eine Liste des Grauens», wie er sagt. Darauf sind Menschen aufgeführt, die auf der Flucht nach Europa ihr Leben verloren haben.

Nonstop Namen vorlesen

Die Aktion dauert vom Samstagmittag bis zum Sonntagmittag. Innerhalb dieser 24 Stunden wird in der Kirche jeder einzelne dieser 35'597 Menschen gewürdigt. Sämtliche Namen der Verstorbenen und die Umstände ihres Todes werden vorgelesen.

Wenn der Name nicht bekannt ist, wird die Person trotzdem erwähnt, indem zum Beispiel gesagt wird, wie alt sie ungefähr war, woher sie kam oder zumindest wo und unter welchen Umständen sie starb. Die Liste weist auf zahlreiche Fälle hin, wo mehrere Menschen, manchmal mehrere Hundert gleichzeitig ihr Leben verloren haben. Menschen, von denen man nichts weiss – ausser, dass sie auf der Flucht nach Europa waren.

Für jeden dieser Menschen wird anschliessend ein schmaler weisser Stoffstreifen beschriftet und aussen an der Kirche aufgehängt. Auf diese Weise verwandelt sich die Heiliggeistkirche innerhalb von 24 Stunden in ein «riesiges Mahnmal», wie Nufer sagt. «Es wird ein stilles Mahnmal sein, aber auch eines, das schreit.» Die weissen Fetzen sollen zwei Wochen lang hängen bleiben.

Insgesamt rechnet der Pfarrer mit 200 bis 300 Freiwilligen, die mitmachen werden. Es gibt Schichtpläne, in die sich jedermann eintragen kann. Das Engagement könne ganz nach Belieben dosiert werden. Das sei die Grundidee bei vielen Aktionen der Offenen Kirche Bern. «Man kann von weitem schauen, man kann sich nähern und schnuppern, man kann sich an einen Tisch setzen und Namen aufschreiben, und man kann das während 5 Minuten oder während mehrerer Stunden tun», sagt er.

Die meisten sind ertrunken

Gemäss der Liste, die der Aktion zugrunde liegt und die im Internet zugänglich ist, sind seit 1993 mindestens 35'597 Menschen gestorben, als sie versuchten, Europa zu erreichen. Die meisten ertranken im Mittelmeer. Andere erstickten in Lastwagen.

«Das ist wahnsinnig traurig. Und kaum fassbar – es ist ein Skandal», sagt Andreas Nufer. Mit der Aktion zum Flüchtlingstag wolle man dieser Toten gedenken und um sie trauern. Denn auch das gehöre zur humanitären Tradition.

Man wolle die Opfer aber nicht nur würdigen. «Es soll auch Wut und Protest zum Ausdruck kommen», sagt er. Denn diese Menschen seien offensichtlich einen sinnlosen Tod gestorben – «sie sind Opfer der Festung Europa». Denn gäbe es sichere Fluchtwege, hätten die allermeisten dieser Leben gerettet werden können.

Jeder hatte eine eigene Geschichte

Es gehöre zur christlichen Überzeugung, sagt Pfarrer Nufer, dass jeder Mensch, jeder einzelne, seinen Wert und seine Würde habe. Denn jeder sei Gottes Ebenbild. Und deshalb sei es nicht möglich, all diese Toten «mir nichts, dir nichts» aus dem Bewusstsein zu verdrängen oder gar zu sagen, sie seien selber schuld an ihrem Schicksal.

Jeder dieser Männer, jede dieser Frauen, jeder und jede Jugendliche, jedes Kind und jedes Baby, sagt Nufer, jeder einzelne dieser Menschen, die auf der Flucht gestorben seien, «hatte einen Namen und eine eigene Geschichte».

DerBund.ch/Newsnet

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