«Die Fallmengenlimite ist Schwachsinn»

Der Grosse Rat hat die Fallmengenlimite für Spitäler abgelehnt. Der Gesundheitsökonom Willy Oggier begrüsst diese Votum. Die neue Spitalfinanzierung werde die Gemischtwarenläden in einzelnen Spitälern zum Verschwinden bringen.

Gesundheitsökonom Willy Oggier plädiert für mehr Wettbewerb.<p class='credit'>(Bild: Doris Fanconi)</p>

Gesundheitsökonom Willy Oggier plädiert für mehr Wettbewerb.

(Bild: Doris Fanconi)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Herr Oggier, der bernische Grosse Rat hat die von der Regierung vorgeschlagene Fallmengenlimite für Spitäler abgelehnt. Wird nun der Markt zu einem Abbau der Überkapazitäten in der Berner Spitallandschaft führen?
Ja, wenn die Berner Politik auch den Mut hat, den Wettbewerb spielen zu lassen. Ob die bürgerlichen Mitglieder des Kantonsparlamentes diesen Mut auch dann noch aufbringen, wenn es ums Spitäli in ihrer Herkunftsregion geht, wird sich weisen müssen. Im Übrigen kann man beim Schweizer Gesundheitswesen nicht von einem reinen Markt reden. Es geht darum, innerhalb regulierter Rahmenbedingungen mehr Wettbewerb zuzulassen.

Besteht ohne Fallmengenlimite für die Spitäler nun nicht die Gefahr, dass diese ihre Fallzahlen künstlich erhöhen und vermehrt unnötige Untersuchungen durchführen?
Die neue Spitalfinanzierung auf Bundesebene bringt ab 2012 unter anderem auch die freie Spitalwahl. Mit der Fallmengenlimite würde der Kanton Bern seine eigenen Spitäler in diesem Wettbewerb künstlich behindern. Der Kanton muss ja auch dann im gleichen Umfang bezahlen, wenn Patienten auf Listen-Spitäler anderer Kantone ausweichen. Die Fallmengenlimite ist Schwachsinn. Sie bestraft erfolgreiche Spitäler, die gerade deswegen mehr Fälle machen, weil sie qualitativ gut aufgestellt sind. Ausländische Erfahrungen deuten darauf hin, dass es vermehrt zu einer Bildung von Kompetenzzentren kommen wird.

Sind die geplante Zusammenlegung der Herzchirurgie von Inselspital und Beau-Site oder die Fusion von Lindenhof und Sonnenhof erste Anzeichen einer solchen Bildung von Kompetenzzentren?
Das kann man so sehen. Die Erfahrung mit dem Fallpauschalen-System in Deutschland zeigt, dass Kooperationen zwischen Spitälern ein erster Schritt zu einer Bereinigung der Gemischtwarenläden in den einzelnen Spitälern darstellen können. Spitäler versuchen vor allem das zu machen, was sie besser können als andere. In den übrigen Bereichen versuchen sie Kooperationen mit jenen einzugehen, die es besser machen. Im Grossraum Bern mit seinen Überkapazitäten kann man diese Entwicklung nur begrüssen.

Wird der Wettbewerb auch zu einer Beschleunigung der Zusammenlegung von Tiefenauspital und Ziegler zu einem neuen Stadtspital führen?
Die Verzögerung dieser Pläne zeigt das Dilemma des Kantons auf: Er ist Spitalplaner, Spitallisten-Ersteller und Spital-Eigentümer. Ein privater Eigentümer hätte die Zusammenlegung wohl schon vor Jahren vollzogen und mit dem Bau begonnen. Auch öffentliche Spitäler müssten daher zum Beispiel die Freiheit haben, selber zu bauen, diese Bauten aber auch selber am privaten Geld- und Kapitalmarkt finanzieren zu können. So wären sie gezwungen, Businesspläne zu erstellen.

Wäre die freiwillige Fallmengenlimite, wie dies Berner Krankenkassen vorgeschlagen haben, ein Weg?
Wenn eine Limite freiwillig vereinbart wird, gibt es nichts daran auszusetzen. Die Beteiligten sollten aber damit rechnen, dass es auch zu anderen Vertragsabschlüssen ohne Mengenbegrenzungen kommt. Das wäre im Sinn des Wettbewerbes zu begrüssen.

Wie lange kann man die Spitalfinanzierung laufen lassen und wann wären neue staatliche Eingriffe nötig?
Der Sinn von Wettbewerb ist der Suchprozess. Niemand kann voraussagen, welche Resultate solche Suchprozesse ergeben. Wettbewerb ist aber unter guten Rahmenbedingungen in der Regel ein gutes Instrument, um neue, innovative Lösungen zu fördern. Dazu können auch Spitalfusionen und -kooperationen gehören, die weiter gehen als die heutigen.

Was wäre denn der Worst Case, der bei der neuen Spitalfinanzierung eintreffen könnte?
Der Worst Case wäre die Unterversorgung der Bevölkerung. Dies zu verhindern, ist Aufgabe des Kantons. Der aktuell vorliegende Versorgungsbericht des Kantons Bern ist diesbezüglich aber ungenügend. Wer eine Unterversorgung verhindern will, muss nicht Fallmengen limitieren, sondern aufzeigen, wie er die Versorgung von älteren Menschen, Patienten aus sozial schwächeren Schichten und solchen mit kostenintensiven Behandlungen sicherstellen will.

Könnte die neue Spitalfinanzierung aber nicht dazu führen, dass Spitäler lukrative Spezialisierungen zulasten der Grundversorgung anbieten?
Wenn die leistungsbezogenen Tarifstrukturen und die verhandelten Preise korrekt sind, ist die Gefahr hierfür relativ klein.

Im Kanton Bern ist für nächstes Jahr nur eine geringe Prämienerhöhung von 0,5 bis 0,7 Prozent vorgesehen. Werden die Prämien mittelfristig sinken, da die Kassen nun vom Kanton massiv entlastet werden?
Die Prämien müssten unter sonst gleichbleibenden Rahmenbedingungen sinken. Dafür dürfte die Wahrscheinlichkeit von Steuererhöhungen steigen, wenn nicht politisch Gegensteuer gegeben wird. Angesichts des steigenden Anteils der älteren Bevölkerung und der zu erwartenden Zunahme von Mehrfacherkrankungen ist der Glaube an eine Eindämmung der Gesundheitskosten und Prämienerhöhungen mittel- bis langfristig aber ohnehin eine Illusion. Wenn man nicht bereit ist, insgesamt mehr Steuergelder auszugeben, müssten auf kantonaler Ebene die Prioritäten verschoben werden. Dann braucht es halt vielleicht weniger Geld für die Bildung oder den Verkehr. Die Politik wird wohl nicht umhinkommen, das der Bevölkerung klarzumachen.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...