Die «Bürger zweiter Klasse» machen mobil

Friedlich, aber fordernd zeigten sich Schweizer Muslime am Samstag auf dem Bundesplatz. Die «Islamophobie» müsse verschwinden, forderten sie. Viele Teilnehmer trugen gelbe Sterne mit der Aufschrift «Muslim».

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Markus Dütschler

Der Bub marschiert frohgemut um den Bundesplatz, in der Hand eine Plastikfahne mit der Aufschrift: «Nein zur Islamophobie.» Auf seiner Jacke prangt ein gelber Stern: «Muslim». Er kann nicht wissen, dass Juden solche Sterne tragen mussten, bevor die Nazis sie deportierten und vergasten. Viele auf dem Platz wissen es, tragen aber das Zeichen dennoch. Der Veranstalter - der von Biel aus operierende Islamische Zentralrat der Schweiz - hat die Parallele zum Judenstern absichtlich gewählt. Laut den IZRS-Rednern hat die «Islamophobie» in der Schweiz üble Formen angenommen. Selbst in der Verfassung seien Muslime wegen des Minarettverbots diskriminiert, ruft IZRS-Präsident Nicholas Blancho in die Menge, die nach Veranstalterangaben 3000 Leute umfasst. Effektiv dürfte etwa die Hälfte zutreffend sein.

Es ist fast wie Ying und Yang. Wie beim IZRS-Kongress in Biel im Februar 2011 mischen sich Minarett-Gegner der EDU und Islamkritiker, etwa der Oberaargauer Daniel Zingg. Man sieht ihm an, dass er das aufgepumpte Minarett auf dem Platz am liebsten mit einem Nagel entlüften würde. Natürlich tut er es nicht, sondern wechselt ein paar nette Worte mit den Organisatoren: Man kennt sich. Ein Vertreter der Vereinigung «Christen begegnen Muslimen», der lange in Pakistan gelebt hat, sagt: «Dort wäre eine solche Demonstration nie möglich.» Er finde es aber gut, dass Muslime diese Freiheit hier hätten. Viele gemässigte schätzten das auch sehr. Das Minarettverbot sei eine Einschränkung der Freiheit, was er sehr bedauere.

An Verpflegungsständen gibt es Raclette oder Kalbsbratwürste, die wirklich nur Kalb enthalten und somit «halal» sind: erlaubt. An Infoständen liegt die Wahrheit zwischen Buchdeckeln bereit. Manchmal gibt es Diskussionen mit Passanten. Eine Christin bezeugt, «dass Jesus ganz Gott und ganz Mensch» sei. «Das geht gar nicht», entgegnet der Mann vom Bücherstand. Für ihn ist Isa ein geachteter Prophet, nicht Gottes Sohn. Der Islam sei «der einzige Weg ins Paradies», hält er fest, «aber ich muss Andersgläubige akzeptieren.» Ein Passant beobachtet mürrisch die fremd anmutende Kundgebung mit verhüllten Frauen und findet unfreundliche Worte: «Ihr vermehrt euch wie die Kaninchen», sagt er. Und: «Der da vorne redet wie Hitler.»

Kühne historische Vergleiche

Das ist so unpassend wie der Muslim-Stern - der auch auf dem Platz nicht allen gefällt. Ein iranischer Flüchtling findet ihn «sehr blöd»: Die Situation der Juden damals und der Muslime heute sei nicht vergleichbar. Blancho, der bärtige Redner, liebt kühne historische Analogien. Der Kampf der Muslime als «Bürger zweiter Klasse» vergleicht er mit der Lage «der Schwarzen in den USA, den Juden in Europa im 20. Jahrhundert und den Italienern in den 70er-Jahren in der Schweiz». Der Bieler Konvertit klagt, er erkenne seine Heimat nicht wieder: Die einst offene Schweiz hege «unbegründete Ängste» vor dem Islam, «eine Tragödie». Sie werde wohl auch noch «Fremdes» wie Pizza und Kebab verbieten.

Auf der Bühne bilden grosse gelbe Buchstaben das Wort Islamophobie. Blancho zählt alle Diskriminierungen auf, denen Muslime ausgesetzt seien. «Findet ihr es richtig, dass eine Frau wegen des Kopftuchs keine Stelle bekommt?», ruft er in die Menge. «Neeeinn», brüllt diese. Wenn die Reaktion laut genug ausfällt, fallen die gelben Buchstaben um. In Anlehnung an den Schwarzenführer Martin Luther King («I have a dream») sagt Blancho: «Ich habe keinen Traum, ich habe ein Versprechen: Wenn ihr so zusammenhaltet wie heute, werdet ihr die Islamophobie überwinden.» Viele auf dem Platz zücken die Handys, um per SMS eine Spende für den IZRS anzumelden.

Wie eine Trophäe wird Lauren Booth präsentiert, die Schwägerin des britischen Ex-Premiers Tony Blair: klug, gut aussehend, eloquent - und vor einem Jahr zum Islam konvertiert. Booth war Journalistin im Nahen Osten und legt den Zuhörern dar, wie die Medienkonsumenten irregeführt würden. In Bern habe sie als Frau mit Kopftuch Aggressionen erfahren, sagt sie enttäuscht. Doch Muslime müssten vergeben und allen Menschen «friendship» und «humanity» anbieten. Später werfen sich die Männer auf dem Bundesplatz zum Gebet nieder. Die Frauen beten im Raum eines nahen Hotels, das sinnigerweise den Namen Kreuz trägt.

Der Bund

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