Die Bikini-Schonfrist ist vorbei

Endlich Sommer! Viele Stadtbewohner haben am Samstag den ersten richtig warmen Tag genossen und neue Sommerlüste entdeckt, aber auch, dass Liebgewonnenes verschwunden ist.

Der perfekte Tag, um im Eichholz ein Schwein mit Haut und Ohren zu rösten. (Manuel Zingg)

Der perfekte Tag, um im Eichholz ein Schwein mit Haut und Ohren zu rösten. (Manuel Zingg)

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Man nehme einen Haufen Sand, ein paar Palmen, mische es mit Liegestühlen und schmecke das Ganze mit einer Bar ab. Einen Strand herzustellen, ist nicht allzu schwer. Und populär. Vor allem mitten in der Stadt. Künstliche Strände gibt es mittlerweile in allen Städten Europas, die etwas auf ihre Coolness halten. Da erstaunt nicht, dass gleich zwei Unternehmer auf die Idee kamen, auch Bern dürste nach einem solchen ‹Beach›.

Der Sandkasten-Krieg tobt

Trotzdem reibt sich die Augen, wer dieser Tage auf der grossen Schanze flaniert. Haben hier doch gleich beide Strand-Unternehmer ihre ‹Baldachine›, die ihre Himmelbetten zieren, aufgehängt. Zentraler ist der Summer Beach: Vis-à-vis des SBB-Restaurants wird der Flaneur von meterhohen eisernen Stäben willkommen geheissen. Was von aussen wie ein zu gross geratenes Kinderlaufgitter anmutet, wirkt netter, hat man es erst einmal an den Wächtern beim Eingang vorbei geschafft. Rund um den Lebensbrunnen wurden alle Ingredienzen eines Stadtstrandes aufgefahren. «Das ist eine voll coole Sache», finden zwei Studenten, die in der prallen Nachmittagssonne kostspielige Caipirinhas schlürfen. Die mitten im Sand stehenden Himmelbetten kann der dem öffentlichen Kuscheln nicht abgeneigte Gast für 50 Franken reservieren. Zahlen fürs Liegen auf kantonalem Boden?

«Das ist jetzt nicht mehr vollständig öffentlicher Grund», erklärt Geschäftsführer Beat Hofer von der Concent GmbH aus Hilterfingen, «sondern für die nächsten drei Monate an uns vermietet.» Der Eintritt immerhin ist frei, aber erst ab 18. Der harten Getränke wegen. Partys werden auf der grossen Schanze aber keine gefeiert: Der Strand muss um halb eins nachts schliessen, und die Musik darf nur Zimmerlautstärke haben. Trotz dieser Einschränkungen zeigt sich Hofer, der sein Projekt bereits im Januar 2009 erstmals eingereicht hatte, mit dem Kanton zufrieden. Probleme hätte ja auch nicht er, sondern «die anderen» gehabt, die «plötzlich» auch noch einen Strand wollten. Die anderen, das sind die mit dem nur 250 Meter entfernt gelegenen City Beach. Die mit dem Swimmingpool. «Baden gehen würde ich dort ja nicht», warnt Hofer.

«Das sind Hilterfingener, keine Berner», tönt es am anderen Ende der grossen Schanze. «Wir dagegen kennen den Berner Stil», sagt Organisator Remo Neuhaus. Wie sich Neuhaus diesen vorstellt, ist bekannt. Schliesslich leitete er jahrelang das Restaurant Lorenzini und den Club Du Théâtre, wo sich die selbsternannte Berner Schickeria trifft. Von Stil ist auf der Einsteinterrasse derzeit aber wenig zu sehen – noch wird gehämmert, und es riecht scharf nach Holzlasur. Der Kanton hatte dem City Beach erst diesen März nach erheblichem öffentlichem Druck zugestimmt. Der zweite künstliche Stadtstrand eröffnet nun am 11. Juni. Immerhin steht schon der berüchtigte, 4 auf 9 Meter grosse Pool. Darin baden zwei Plastikflaschen.

Auch unten in der Stadt gibt es eine Art Stadtstrand – und das schon seit sechs Jahren. Vorbei an den dicht besetzten Tischen der Front am Bärenplatz, öffnet sich der Blick auf den Bundesplatz mit dem Wasserspiel. Pünktlich auf den ersten warmen Sommertag ist er von Dutzenden Kindern beschlagnahmt worden. «Hier kann man nass sein. Ich möchte am liebsten immer hierher kommen», erklärt die 7-jährige Sena. Und beendet das Interview abrupt: «Jetzt muss ich Kunst machen», sagt sie und hüpft mit einem lauten Jauchzer in die Fontänen.

Der ureigene Berner Strand aber findet sich noch eine Stufe weiter unten. Seit 1782 schon geniessen die Städter hier ihren «Beach» – ohne Hintergrundbeschallung und Palmen zwar, dafür aber mit saftigen Wiesen, der gemächlich fliessenden Aare und den altehrwürdigen Pappeln. Doch halt! Da fehlen doch welche! Die drei hochgewachsenen Pappeln, die grosse Teile der Hauptliegewiese in Schatten zu tauchen pflegten, sind weg. Generationen von Teenagern boten sie bei den ersten Flirtversuchen Schutz vor der Sonne. Weil ihr Kern marode war, mussten sie heuer gefällt werden.

Brutzeln an der Berner Riviera

Nun liegen die Jungen mit den weiten Badeshorts und die Mädchen in den figuroptimierenden H&M-Bikinis halt um die drei frisch gepflanzten kleinen Pappeln und rauchen verstohlen Zigaretten. «Zum Glück war das Wetter im Mai so schlecht», sagt ein Mädchen, dessen Beine so schmal sind wie die der Flamingos auf der anderen Flussseite, «das war eine Schonfrist, um meine Bikini-Figur zu erreichen.»

Punkto Figur weniger besorgt scheinen die Gäste im vordersten Teil des Bades, Richtung Bundeshaus. Fleischschau ist anderswo. Hier brutzeln Frauen und Männer mittleren Alters und jenseits davon an der spätnachmittäglichen Sonne. «Ich streiche schon lange keine Sonnencreme mehr ein», erzählt eine bereits gut gebräunte Frau, die dieses Jahr zum ersten Mal hier ist. Ihre Haare sind kurz rasiert, mit aufgestellter Stirnpartie, wie sie moderne Frauen über 50 gerne tragen. Sie verwirft die Hand, wie um zu zeigen, dass das Diktat, gesund zu leben, sie längst nicht mehr betreffe.

Während sich das Marzili gegen sechs Uhr abends im Schritttempo zu leeren beginnt, füllt sich die hintere Partie der Berner Riviera – das Eichholz – umso schneller. Es riecht, als ob in der Nähe ein Haus brennen würde. Aus Dutzenden handlichen Kugelgrillen und Feuerstellen strömt Rauch. Die Mutter einer siebenköpfigen indischen Familie zaubert gerade Rotwein aus einer mit Eis gefüllten Kühlbox hervor. «Das ist mein Lieblingsplatz in Bern», erzählt ein Angolaner, der vis-à-vis des Fussballfelds mit seiner Gang bei Hip-Hop-Musik aus dem Transistorradio zusammensitzt. Nebenan grilliert die Nachhut des internationalen Sozialismus – eine Truppe Studenten mit Marx-Accessoires. Hier im Eichholz ist Bern multikulti. Und doch tun alle dasselbe: Den ersten Sommertag so richtig auskosten. Oder, wie es Moreno, der seit sieben Stunden geduldig einen Spiess wendet, ausdrückt: «Heute ist der perfekte Tag, um ein ganzes Schwein zu bräteln.» (Der Bund)

Erstellt: 07.06.2010, 07:21 Uhr

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