Stadt Bern

Der diskrete Charme der Aristokratie

In der Grande Société de Berne pflegen Vertreter der «historischen Familien», ausgewählte Bürger und Diplomaten die Geselligkeit. Ein Buch zum 250-jährigen Bestehen der «Grande» bietet Einblick in ein Stück exklusiver Berner Kulturgeschichte.

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Wer die Tür mit der Aufschrift «Cercle privé» im ersten Stock des «Hôtel de Musique» am Theaterplatz aufstösst, betritt «eines der schönsten Interieurs des 18. Jahrhunderts», schreibt der Kunsthistoriker Norberto Gramaccini im Buch zum 250-jährigen Bestehen der Grande Société. Das Mobiliar mit den rot gesprenkelten Marmorplatten, die Kachelöfen, die vergilbten Stiche in goldenem Rahmen und das Ticken der Pendulen verweisen «zurück in eine Zeit, die einem anderen Lebenstakt gehorcht». Die «Grande» sei weder Beiz noch Diskothek, sondern exklusiver Klub. Innerhalb dieser Exklusivität sei sie liberal, ja, egalitär. «Hinter der Uniformität der ,cravate noire‘ verschwinden die Standesunterschiede», hält Gramaccini fest. Der Bezugspunkt der «Grande» seien nicht die Zeremonien der französischen Hofgesellschaft des 18. Jahrhunderts, sondern die Salons der Pariser Stadtpaläste zur Zeit der Aufklärung.

Theater als subversive Institution

Dieser Hauch von Liberalität muss der Obrigkeit des Ancien Régime nicht ganz geheuer gewesen sein. Der Kleine Rat, die Exekutive des Regimes, erteilte den jungen Aristokraten der «Grande», die 1767 die Aktiengesellschaft «Hôtel de Musique» gegründet hatten, zwar die Konzession zum Bau eines Theater- und Konzerthauses – der Einbau einer Bühne blieb ihnen aber untersagt. Angesehene Räte wetterten gegen den Abriss von vier Privathäusern südlich des Zytglogge zugunsten eines «der Zier und Lustbarkeit» gewidmeten Gebäudes. Der Neubau verführe die Jugend zu «Luxus und Müssiggang» und ziehe Fremde und Komödianten an. Das vom berühmten Berner Architekten Niklaus Sprüngli (1725–1802) nach französischem Vorbild errichtete «Hôtel de Musique» verfügte aber trotzdem über eine Bühne. Die ersten Theateraufführungen konnten allerdings erst nach der Niederlage des patrizischen Regimes gegen die napoleonischen Truppen im Jahr 1798 stattfinden. Bis zur Eröffnung des heutigen Stadttheaters Ende 1903 und zum Abbruch des Theatersaals sollte das «Hôtel de Musique» über hundert Jahre die Adresse für die Liebhaber der Bühnenkunst bleiben.

Nach dem Einmarsch der französischen Truppen erteilte die neue Obrigkeit einem «danseur und sauteur» die Bewilligung für Vorführungen. Der Platzkommandant der französischen Truppen verlangte sogar, dass im «Hôtel de Musique» ein öffentliches Kaffeehaus eingerichtet und die ständisch organisierte Ordnung aufgehoben werden soll. Die «Grande» erlebte den «grössten Tiefschlag ihrer Geschichte», wie der Historiker Walter Thut feststellt. Die Mitglieder der Sozietät waren derart demoralisiert, dass sie den Klub vorübergehen schlossen und gar einen Verkauf des wertvollen Interieurs in Betracht zogen.

Nicht für «irgendwelche» Leute

Der herbe Wind der Restauration erweckte die aristokratischen Lebensgeister aber rasch wieder zum Leben. Nach der Wiederbelebung der «Grande» verkehrten im «Hôtel de Musique» die gleichen Männer wie zuvor. «Es waren beinahe ausnahmsweise patrizische Burger, häufig mit einer beruflichen Vergangenheit in der Staatsverwaltung oder im Solddienst», schreibt Thut. Selbst die liberale Revolution von 1830/31 änderte an der Zusammensetzung der «Grande» nicht viel. Die Stadt blieb entgegen dem Hin und Her im Kanton noch über längere Zeit konservativ regiert.

Der schleichende Machtverlust der «historischen Familien» war jedoch unaufhaltsam und die «Grande» hatte mit einem Mitgliederschwund zu kämpfen. Im Ringen mit dem Zeitgeist gewannen die bewahrenden Kräfte aber immer wieder die Oberhand. So schreckten die Mitglieder im Jahr 1895 vor einem öffentlichen Aufruf zum Eintritt in die Sozietät zurück. Die Gegner dieser Idee argumentierten, es stehe der «Grande» nicht an, «irgendwelche Mitglieder» aufzunehmen, deren Gesinnung man nicht genügend kenne. Die Grande Société grenzte sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts scharf von der bürgerlichen Elite ab. In einer Rede zum 150-jährigen Bestehen der Gesellschaft im Jahr 1909 wurde der Zusammenbruch des alten Regimes im Jahr 1798 als «Katastrophe» bezeichnet.

«Nähe zum Frontismus»

Faschismus und Nationalsozialismus fanden «auf unterschiedlichste Art Eingang in die Grande Société», hält der Historiker Carl Alexander Krethlow fest. Einer der Höhepunkte der damaligen «Wertediskussion» war ein Vortrag des rechtskonservativen Historikers Gonzague de Reynold (1880–1970) im Jahr 1931 in den Räumen des «Hôtel». De Reynold plädierte für einen Wiederaufbau der in den Revolutionen von 1918 zusammengebrochenen Welt.

Die traditionelle Nähe zur Diplomatie begann sich allmählich negativ auszuwirken. Trotz der Aufnahme von Personen wie dem deutschen Gesandtschaftsrat Sigismund von Bibra, Landesgruppenleiter Schweiz der verbotenen NSDAP, könne man der «Grande» aber keine Affinität zum Nationalsozialismus unterstellen. Bei einer «kleinen Minderheit» sei aber eine «Nähe zum Frontismus» durchaus vorhanden gewesen, schreibt Krethlow. Im Juni 1945 verzichtete die «Grande» jedenfalls auf die Publikation eines Mitgliederverzeichnisses und verhinderte damit, dass die Mitgliedschaft von zahlreichen Vertretern der Achsenmächte bekannt wurde.

Exklusiv für «historische Familien»

Nach dem Krieg war eine gewisse Bereitschaft zur Öffnung zu verzeichnen. Anfang Januar 1947 entschied das «Komitee» der «Grande» gar, dass auch der Botschafter der Sowjetunion aufgenommen würde, wenn er denn wollte – ein entsprechendes Begehren ist von dieser Seite allerdings nie geäussert worden. Ende der Achtzigerjahre war die vorläufig letzte «Wertediskussion» in der Gesellschaft aber bereits wieder zu Ende. So wurde eine Anfrage des Schweizer Fernsehens, im «Hôtel de Musique» filmen zu dürfen, abgelehnt. Die Abkehr von den «liberaleren Formen der Siebzigerjahre» war trotz Aufsehen erregenden Vorträgen von Grössen wie Kurt Furgler, Edouard Brunner und Franz Blankart «nicht mehr rückgängig zu machen», schreibt Krethlow. Als Mitglieder der «Grande» kommen die «historischen Familien Berns und der Schweiz» in Betracht. Vertreter anderer Familien «werden grundsätzlich nicht aufgenommen, es sei denn, wichtige Gründe sprechen dafür».

Hôtel de Musique und Grande Société in Bern 1759–2009. 319 Seiten mit achtzehn Beiträgen und siebzehn Kurzbiografien aus der Feder diverser Autoren. Licorne-Verlag Murten. 110 Franken.

(Der Bund)

Erstellt: 06.04.2009, 08:25 Uhr

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