Der Voyeur

Porträt

Kornel Stadler macht Stadtzeichnungen. Dazu benötigt er einen weichen Bleistift, einen inspirierenden Raum und Menschen, die sich darin bewegen. Jetzt nimmt er sich Berlin vor.

Am liebsten zeichnet Kornel Stadler am Bahnhof: «Hier kommen alle Menschen vorbei.»

Am liebsten zeichnet Kornel Stadler am Bahnhof: «Hier kommen alle Menschen vorbei.»

(Bild: Adrian Moser)

Hanna Jordi

Dann lehnt er zum Beispiel am Geländer zum Treppenabgang zu Rail-City im Berner Bahnhof, in der rechten Hand das Buch, links der Bleistift, extraweich. Gerade hat er eine Gruppe junger Männer im Auge, die auf den 11er-Bus warten. Schnell entstehen auf der weissen Seite die Umrisse einer Kinnpartie, Lippen, dann Lider, ein zum Boden gesenkter Blick. Plötzlich aber wird der porträtierte Halbwüchsige von seinem Freund angestupst, der hat den Mann mit dem Skizzenbuch bemerkt. Sie lachen und weisen in seine Richtung. Verdeckte Ermittlung geht anders.

Diese Reaktion ist sich Kornel Stadler gewohnt. «Ich falle auf, wenn ich zeichne. Die Leute fragen sich, was der Freak mit dem schwarzen Buch will.» Sobald er den Porträtierten ihr Konterfei unter die Nase hält, wird aus dem Voyeur ein Künstler mit Anspruch. Noch nie musste Kornel Stadler das Zeichnen abbrechen. «Wenn die Leute sehen, dass ich sie nicht verfremde, haben sie kein Problem damit, abgebildet zu werden.» Eher sind sie geschmeichelt, manche beginnen zu posieren. «Vielleicht gewinnt in Zeiten, in denen jeder eine Handykamera mit sich herumträgt, die Skizze an Bedeutung», sinniert er.

Es gibt ein Postkartenbern, das sind die Bären im Bärenpark und das Figurenspiel am Zytgloggeturm. Und dann gibt es noch Kornel Stadlers Bern, das sind die Tauben unter dem Baldachin, der Abfall in «20 Minuten»-Kästen, die Leuchtschrift am Kebabstand, Menschen, die schnell ein Abendessen einkaufen. Sie hält der 26-jährige Illustrator in seinem Skizzenbuch fest, um sie später zu «Stadtzeichnungen» auszuarbeiten.

Genug von Idylle und Eintracht

Für die Abschlussarbeit an der Hochschule für Design und Kunst in Luzern wollte der Berner die Schweiz zeichnerisch erfassen. Er zeichnete Kühe, Jodler, Alphörner und Chalets und war bald gelangweilt von so viel Idylle. Also begann er, vor seiner Haustüre in der Berner Innenstadt die kleinen Geschichten festzuhalten. Zum Beispiel am Bahnhof, dem Eldorado für Alltagschronisten. «Früher oder später kommen hier alle vorbei.» Und darauf hat er es abgesehen: möglichst alle Menschen abbilden. Die Jungen, die Alten, die Besoffenen, die Nüchternen, die mit den Handtaschen von Longchamp oder jenen von H & M. Damit scheint er einen Nerv getroffen zu haben: Er stellte seine Werke bereits in der Schweiz, Deutschland, Österreich und den USA aus. Dieses Wochenende reist er zusammen mit einer kleinen Schweizer Delegation an die Stroke Art Fair in Berlin, eine Messe für urbane Kunst, um seine Stadtzeichnungen zu zeigen.

An den Stadtzeichnungen ist nichts geschönt, auch nichts lächerlich gemacht. Sie entlarven lediglich die leise schwelenden Konflikte, die der Mensch mit sich herumträgt. Sei es mit sich selbst, Gruppen von Menschen oder einfach der Gegenwart. Dazu tragen die Zitate bei, die Kornel Stadler neben die Sujets setzt und die sich wie Bildlegenden lesen: «Es sind immer nur etwa drei Prozent, die an den Demos randalieren und die Schaufenster einschlagen. Deshalb haben wir dann so ein Scheissimage», sagt etwa ein Punk. Dieser Satz stammt zwar nicht genau von jenem Punk, den Kornel Stadler vor der Heiliggeistkirche gezeichnet hat, sondern von einem anderen, mit dem er vor der Reithalle sprach. Andere Zitate sind Fragmente aus Zeitung und Fernsehen oder einfach gängige Klischees und verbreitete Glaubenssätze. Aus den verschiedenen Komponenten – Kulisse, Hauptfigur, Zitat – entsteht die Zeichnung. Eine Collage aus städtischen Realitäten.

Als freischaffender Illustrator und Dozent an der Schule für Gestaltung ist Kornel Stadler eingespannt. Dennoch will er mit den Stadtzeichnungen nicht aufhören. Schliesslich sind sie ausbaufähig. Bereits hat er seine Jagdgründe auf Zürich ausgeweitet, wo die Trams blau sind statt rot und sich die Menschen etwas anders gebärden. Und Berlin? Natürlich wird er sein Skizzenbuch mitnehmen. Und sehen, wie sich der Geist dieser Stadt auf Papier bannen lässt.

Vom 5. 12.2011 bis am 5. 2. 2012 Ausstellung im Restaurant Obolles.

Der Bund

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