Der Schulversager, der die Wissenschaftler zum Staunen bringt

Wissen

Fische sind nicht stumm: Der Berner Hobbyforscher Roland Kurt hat in akribischer Arbeit Süsswasserfische aufgenommen und präsentiert erstaunliche wissenschaftliche Erkenntnisse.

Der Moossee ist eines der Gewässer, wo Roland Kurt den Fischen und Wasserinsekten zuhört. (Marco Frauchiger)

Der Moossee ist eines der Gewässer, wo Roland Kurt den Fischen und Wasserinsekten zuhört. (Marco Frauchiger)

Einmal sass Roland Kurt nachts am Murtensee, die Kopfhörer auf, das Mikrofonkabel in der Hand, da kam die Polizei. Was er da tue, fragten die Ordnungshüter. Zuerst versuchte Kurt auszuweichen, er höre Musik. Doch dann fiel den Beamten das Mikrofon auf – Kurt musste sich erklären. Er höre den Fischen zu, gab er zu. Ob er Alkohol getrunken habe, fragten die Polizisten.

Fische sind stumm – so die landläufige Meinung. Dass dies bei gewissen Meeresfischen nicht stimmt, weiss man schon länger. So gibt es etwa die Episode aus dem Zweiten Weltkrieg: Im Frühling 1942 rechneten die USA fest mit einem Angriff deutscher U-Boote – Unterwassermikrofone zeichneten jeweils nachts furchterregende Motorengeräusche auf. Doch der Angriff erfolgte nie – Jahre später stellte sich heraus, dass riesige Schwärme von Krächzerfischen das tiefe Brummen erzeugt hatten.

Grunzen einer Brachse

Was man bisher nicht gewusst hat: Auch die hiesigen Süsswasserfische geben Laute von sich – und zwar fast alle Arten. Der Berner Roland Kurt hat dazu ein Buch geschrieben, das in diesen Tagen erscheint. Es trägt den Titel «Stumm wie ein Fisch? Das akustische Leben im Süsswasser» (fischueberalles.ch). Dem Buch ist auch eine CD beigelegt, auf der man Fischlaute hört, die erst ganz wenige Menschen zu Ohren bekommen haben – etwa das Grunzen einer Brachse, eines karpfenartigen Fisches, der in hiesigen Seen zu Hause ist.

Was an diesem Buch erstaunlich ist: Geschrieben hat es kein Akademiker. Roland Kurt hat einen Primarschulabschluss, er hat Landschaftsgärtner gelernt, ist ein leidenschaftlicher Fischer und arbeitet heute als Sportmasseur. Der 43-Jährige ist der Typus Forscher, wie es sie noch in den Ursprüngen der Wissenschaft gab: ein von seiner Neugier Getriebener, ein Autodidakt, der sich sein Wissen in Knochenarbeit zusammensuchen muss – einer, der seine ganze Zeit und sein ganzes Geld in seine Forschungen steckt. In den letzten viereinhalb Jahren verbrachte er unzählige Stunden an Ufern, auf Booten oder am Computer. Und es gab eine Zeit, da stand Kurt finanziell am Abgrund. «Manchmal musste ich mich entscheiden: Essen oder Druckerschwärze», sagt er und lacht sein scheues Lachen. Er habe sich immer für die Druckerschwärze entschieden.

Gütesiegel eines Wissenschaftlers

Es hat sich gelohnt: Dass die Erkenntnisse wissenschaftlich tatsächlich neu und relevant sind, bestätigt Christian Kropf, Konservator am Naturhistorischen Museum Bern und Dozent an der Universität Bern. Kropf ist begeistert vom Enthusiasmus, mit dem Kurt am Werk ist: «Das Buch ist auf jeden Fall auch für Wissenschaftler interessant», sagt Kropf. Er selber habe nicht gewusst, dass fast alle Süsswasserfische Laute von sich gäben – und er habe bei Fach-Kollegen nachgefragt: Selbst ausgewiesene Wirbeltier-Spezialisten hätten davon noch nie gehört. Kropf, selber auch ein angefressener Fischer, hat ein Vorwort zum Buch geliefert. Für den Hobbywissenschaftler Kurt ist dies wie ein Gütesiegel: «Es ist eine Anerkennung, die mir sehr viel bedeutet.»

Die Anerkennung gibt Kurt aber gleich weiter – an seinen Freund Herbert Tiepelt, der vor zwei Jahre verstorben ist. Ihm hat er sein Buch gewidmet. Die Grundlagen, auf die Kurt sein Buch stützt, stammen von seinem Mitstreiter. «Ich habe sein Werk vollendet», sagt Kurt. Tiepelt begann schon vor 25 Jahren mit einem Hydrofon, das er selbst gebaut hatte, Aufnahmen zu machen. Tiepelt war nämlich überzeugt: Wenn Delfine und Wale Laute von sich geben – warum sollten es nicht auch hiesige Fische tun. Auch Tiepelt war kein Biologe, er war Ingenieur bei der Armee. Aber auch er verbrachte seine gesamte Freizeit am Wasser und nahm Fischlaute auf – teilweise auch in Becken, die ihm die Universität Konstanz zur Verfügung stellte. Doch Tiepelt publizierte seine Ergebnisse nie – zu bescheiden war der Unterwasserakustiker. Lediglich ein einziger Artikel in einer Fischerzeitschrift wurde über ihn geschrieben. Und genau diesen Artikel las Roland Kurt: «Ich hatte den Zug verpasst und blätterte am Kiosk in Fischerzeitschriften.» Das war im Frühling 2006.

Kurt meldete sich gleich bei Tiepelt und bestellte zwei Hydrofone. Es entstand eine Zusammenarbeit und eine tiefe Freundschaft. Als Tiepelt vor zwei Jahren mit 69 Jahren verstarb, hätte seine Gattin seine Aufzeichnungen um ein Haar weggeworfen – sie wusste nichts damit anzufangen. Kurt intervenierte und übernahm den Nachlass – die Hörproben stammen etwa gänzlich vom deutschen Forscherfreund.

Doch, was haben die beiden konkret herausgefunden? Hier einige Beispiele:

• Ihre dumpfen Laute setzen die Welse wahrscheinlich zum Jagen ein. Die ausgestossenen Klopflaute, die der Wels durch Kontraktion seiner Bauchmuskeln produziert, hätten zum Ziel, die Beutefische in Panik zu versetzen – davon ist Kurt durch die unzähligen Beobachtungen und Aufnahmen überzeugt. Werden etwa Karpfenartige aufgescheucht, die ein sehr gutes Gehör haben, dann sorgen sie für Verwirbelungen – diese kann der Wels wahrnehmen und somit seine Beute aufspüren.

• Auch das Egli nutzt die Laute, die manchmal an ein Bellen, manchmal an ein metallenes Geräusch erinnern, zur Jagd. Bei der Treibjagd verwenden die Eglis die Taktlaute, um einzelne Fische aus dem Schwarm heraus und an die Oberfläche zu treiben.

• Beim Trommellaut der Brachsen handelt es sich wohl um eine echte Kommunikation – die Laute sind vor allem in der Laichzeit zu hören. Brachsen geben auch ein «Meckern» von sich, wenn sie erschreckt werden.

Für Kurt ist ein Buch auch eine Liebeserklärung an die Fischerei und die Unterwasserwelt – die vielen Menschen noch immer fremd ist. Auf den 200 Seiten finden sich manch eine Fangepisode, Bilder eigener kapitaler Fänge und profunde Anglertipps. Kurt ist ein Verfechter des «Catch & Release», er lässt die Fische wieder frei – dies ist aber nach neuer Gesetzgebung nicht mehr erlaubt. Der Zwang zum Totschlagen hält Kurt für einen weltfremden Blödsinn. Auch möchte Kurt sein Buch als Plädoyer verstanden wissen: dass Naturschutz und Fischerei kein Widerspruch sind.

Ein Mutmacher

Letztlich ist das Buch für den 43-Jährigen aber noch viel mehr: ein Mutmacher. Für sich und andere Leute, die im Leben unten durch mussten. Mit viel Mühe kam Kurt, der in Bümpliz in einfachen Verhältnissen aufwuchs, durch die Primarschule, stets drohte die Zurückstufung in die Kleinklasse. Statt mit den Kollegen zu spielen, musste er lernen und Psychologen besuchen. Als Versager habe er sich gefühlt, sagt er, doch schon als kleiner Bub habe er gewusst: «Role, irgendeinmal kannst du etwas Grosses machen.» Und als er es erzählt, lacht er sein scheues Lachen. Es soll sagen: Role, du hast es geschafft.

Der Bund

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