Der Hafen von Petinesca in Studen

In Studen, nahe dem antiken Petinesca, hat der Archäologische Dienst des Kantons Bern Überreste massiver Holzkonstruktionen, eine Strasse und drei Gräber aus der römischen Zeit gefunden.

Genauso wie die drei rätselhaften Gräber werden auch die Holzbalken des römischen Dammes bei Studen fein säuberlich freigelegt. (Valérie Chételat)

Genauso wie die drei rätselhaften Gräber werden auch die Holzbalken des römischen Dammes bei Studen fein säuberlich freigelegt. (Valérie Chételat)

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Petinesca – der Name alleine tönt geheimnisvoll. Er bezeichnet eine wichtige römische Siedlung beim heutigen Studen, deren erste Teile bereits im 19. Jahrhundert ausgegraben wurden. Seither gab der Boden Stück für Stück uralte Geschichte preis. Gefunden wurden bislang unter anderem Überreste einer Tempel- und einer Festungsanlage mit Tor, mehrere Brunnen, ein Grabfeld, Strassen und Gebäude. Schätzungen zufolge wohnten zu Blütezeiten mehr als 2000 Personen in Petinesca.

Nun ist der Archäologische Dienst des Kantons Bern (ADB) einem weiteren Geheimnis auf der Spur – dem Hafen von Petinesca. Unweit der eigentlichen Siedlung – gleich neben dem Bahnhof Studen, wo in den nächsten Jahren das neue Dorfzentrum Wydenpark gebaut wird – sind die Archäologen auf die Überreste eines Damms mit Holzpfählen und massiven Holzverbauungen gestossen. Der Damm folgt dem Verlauf einer bis zu sieben Meter breiten Strasse, die ebenfalls teilweise freigelegt wurde. An einigen Stellen sind für geübte Augen sogar noch Karrenspuren zu erkennen.

Die Funde seien «hochinteressant», sagte Rudolf Zwahlen, wissenschaftlicher Leiter beim ADB, gestern vor den Medien. Denn falls sich die Vermutung durch kommende Grabungen bestätigen lasse, dass die Holzverbauungen Teile eines Aare-Hafens waren, gewinne Petinesca weiter an Bedeutung. «Die verkehrstechnisch wichtige Stellung der Siedlung würde dadurch untermauert», so Zwahlen. Petinesca lag an der Route von Aventicum (Avenches) nach Salodurum (Solothurn).

100 Lastwagenladungen Material

Das im Grundwasser relativ gut erhaltene Holz ist für die Archäologen ein Glücksfall. Denn aufgrund der Breite der Jahresringe lässt sich präzis zurückverfolgen, wann ein Baum gefällt wurde. Die Analyse der Pfähle und Balken steht noch aus. Kleinere Funde in der Nähe, wie zum Beispiel Münzen, Keramikstücke oder Schuhnägel, stammen laut Projektleiterin Regula Gubler vorwiegend aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. Petinesca selber wurde im ersten Jahrhundert vor Christus gegründet. Möglicherweise sei die nun entdeckte Anlage also eine Art zweiter Ausbauschritt, so Gubler. Sie begründet die Vermutung, dass ihr Team tatsächlich auf einen Hafen gestossen ist, ganz einfach: «Wieso sonst hätten die Leute einen so grossen Aufwand betreiben sollen, um Strasse und Damm zu errichten?» Zwahlen schätzt, dass alleine im freigelegten Teil Material im Umfang von 100 Lastwagenladungen verbaut worden ist.

Wegen des Zeitplans der Baustelle für den Wydenpark eilen die Rettungsgrabungen des ADB. Die aktuelle Etappe soll bis Ende Juli abgeschlossen sein. Die Funde, die nicht geborgen werden können, werden sorgfältig dokumentiert, bevor sie wieder unter der Erde verschwinden oder durch die Fundamente der neuen Überbauung zerstört werden. Im Spätsommer folgen Grabungen auf einem unmittelbar angrenzenden Landstück. Die Archäologen hoffen, auf der anderen Dammseite auf eine ähnliche Holzkonstruktion zu stossen. Daraus ergäbe sich eine Mole, wie sie bei römischen Häfen bekannt ist. Auch weitere Spuren der antiken Flussschifffahrt könnten zum Vorschein kommen.

Die drei rätselhaften Gräber

Für das Laienauge am eindrücklichsten sind aber weder die Ansammlungen von Kalksteinblöcken der Strassenunterlage noch die schwarz verfärbten, halb vermoderten Holzpfähle des Dammes. Viel mehr Aufmerksamkeit erregen drei Gräber mit gut erhaltenen Skeletten, die parallel zum Damm liegend gefunden wurden. Sie sind aus zwei Gründen auch für die Experten speziell: Einerseits wurde einer der Toten direkt am Grab verbrannt, wie Brandspuren und Reste von Holzkohle zeigen. Solche Gräber seien sehr selten in der Region, sagte Domenic Rüttimann vom Institut für Historische Anthropologie der Universität Bern. Andererseits gab es in Petinesca an anderer Stelle eigentlich ein grösseres Grabfeld. Dies wirft die Frage auf, weshalb die drei Männer beim Damm begraben wurden. «Möglicherweise waren es Arbeiter oder Sklaven, die beim Bau des Dammes gestorben sind», sagte Rudolf Zwahlen. Für diese These spreche eine gefundene Grabbeigabe – eine überaus einfache Tasse. Auch dass die Verbrennung des einen Toten direkt am Grab stattgefunden habe, sei ein Indiz dafür, dass es sich um ein Armengrab handle. «Ein richtiger Scheiterhaufen war eine teure Angelegenheit», sagte Zwahlen.

Eine Untersuchung der Knochen soll nun Aufschluss über das Leben der am Damm Begrabenen geben. Erhofft wird, dass so ein weiteres der vielen Geheimnisse Petinescas gelüftet werden kann. (Der Bund)

Erstellt: 23.07.2010, 08:09 Uhr

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