Der Cirkus Nock feiert

Der zweitgrösste Schweizer Zirkus feiert sein 150-Jahr-Jubiläum auf der Berner Allmend.

Reiche Geschichte: Der Cirkus Nock. (zvg)

Reiche Geschichte: Der Cirkus Nock. (zvg)

Markus Dütschler

Die Schweiz hat kein Königshaus, aber Zirkusdynastien. Die Familien sind wie beim europäischen Hochadel um ein paar Ecken verwandt: Nock – Knie – Gasser. Bei Nock steht die achte Generation bereit: Francesco hat schon in Programmen mitgewirkt. Brian und Brandon werden die Sägemehlmanege sicher in Bälde betreten. Derzeit ist die siebte Generation am Drücker. Das Dreimädelhaus besteht aus der Kontorsionistin Verena Nock, deren Kunst auch unter dem Begriff Schlangenmensch bekannt ist, Franziska, der Pferdespezialistin, sowie der jüngsten Schwester Alexandra mit Auftritten am Trapez und an Vertikaltüchern. Alexandra und Franziska nehmen die Direktorinnenfunktion wahr. Im Hintergrund haben die Eltern noch ein Auge auf das Unternehmen: Franz Nock, ab den 1950er-Jahren ein bekannter Artist und dann bis in die jüngere Vergangenheit mit der Pferdedressur befasst, und Gattin Verena Nock-Hochstrasser.

«Der älteste Schweizer Zirkus» wird Nock im Jubiläumsheft genannt. Man stutzt: Beging nicht der Nationalzirkus Knie anno 2003 sein 200-jähriges Bestehen? Andernorts ist im Nock-Rückblick vom «ältesten Schweizer Zelt-Zirkus» die Rede. Das könnte eher hinkommen. Knie stellte sein erstes Chapiteau 1919 auf der Berner Schützenmatte auf, vorher trat die Truppe unter freiem Himmel auf. Das war bei Nock nicht anders, wie alte Fotografien zeigen. Doch offenbar war Nock mit dem Chapiteau schneller als Knie.

Gesichert ist, dass der erst 18-jährige Joseph Nock (3. Generation) in Zürich einen eigenen Zirkus gründete. Seiltänzer und andere Artisten gab es in der Familie schon früher. Seit dem 17. Jahrhundert seien Vorfahren durch Europa gereist, liest man in der Nock-Chronik – ohne festen Wohnsitz, was die Nachforschungen erschwert. Oftmals trennten sich Geschwister und tingelten mit eigenen Unternehmen durchs Land, um dann ihre Betriebe wieder zu vereinigen. So gab es um 1910 Nocks Wanderkino, das das staunende Volk in die Welt des Lichtspiels einführte. Und die Arena Pius Nock, die in Bern 1940 neben der neuen Beton-Eisenbahnbrücke auf der Schützenmatte auftrat – mit offener Bühne. Zirkus funktionierte früher anders als heute. So wurde für die «Grosse Parforce-Vorstellung» in Davos 1897 gewettet, dass Nock ein beliebiges Bauernpferd dressiert und in der nächsten Vorstellung vorführt. Es klappte. Ein Freilos gabs dazu. Wer gewann, nahm ein lebendes Schwein mit nach Hause.

Immer wieder haben Nock-Artisten Aufsehen erregt. Der Schweizer Clown und Weltstar Grock – bürgerlich: Adrian Wettach, geboren 1880 im bernjurassischen Loveresse – erlebte bei Nock die Feuertaufe, trat aber nie bei Knie auf. Pio Nock begann um 1947 seine Weltkarriere als Clown. 1960 befuhr er mit einer Balancestange auf einem Velo ein Hochseil, während unter ihm im Löwenkäfig die Bestien schnaubten. 1998 starb er an einem Herzschlag in der Manege, wie er es sich gewünscht hatte. Ein Jahr vor dem Tod im Dortmunder Weihnachtszirkus fuhr der betagte Clown im Berner Weihnachtszirkus auf einem winzigen Velo durch die Manege. Als Direktor amtete in den 1990er-Jahren mehrmals Franz’ Bruder Alfredo. Weil den «alten Zirküssler» der Hafer stach, stellte der sonst als Zirkuszeltverleiher tätige Alfredo ein eigenes Programm auf die Beine.

Ein Tausendsassa ist Freddy Nock, der im April in Zürich das Seebecken auf einem Seil überquerte. Berüchtigt ist er für seine Todesradvorführungen: Wenn er mit verbundenen Augen in gefährlicher Höhe auf dem rotierenden Rad umherspringt, tritt den Zuschauern der kalte Angstschweiss auf die Stirne. Zu Berühmtheit brachte es auch Fred, das Känguru. 1996 enthüpfte es im August in Savognin, lieferte der Presse einen Monat lang Schlagzeilen, bevor es wieder eingefangen werden konnte.

Auf der Einladung für den heutigen Galaabend sind auf bullaugenrunden Bildchen die Artistinnen und Artisten abgebildet: die Chinesen, die via Trampolin von Mast zu Mast hüpfen; der portugiesische Clown Cesar Dias; das ukrainische Showorchester unter der Leitung des Schweizer Kapellmeisters Tino Aeby (früher bei Knie) und viele mehr. Doch Halt: Hier prangen auch die Gesichter von Bundesrat Ueli Maurer, Ständeratspräsidentin Erika Forster und Ex-Miss-Schweiz Stéphanie Berger. Wird der Verteidigungsminister, der häufig per Drahtesel von Münsingen nach Bern uf d’Büez fährt, mit dem Velo das Hochseil befahren? Wohl kaum, obwohl der Chef der besten Armee der Welt angesichts des knappen Budgets oft genug Hochseilakte absolvieren muss. Auch Trudi Gerster wird im Zelt erwartet. Zur 91-jährigen «Märchenkönigin» heisst es in den Presseunterlagen etwas ungeschickt, es sei «vielleicht der letzte grosse Auftritt der Schweizer Märchenkönigin». Dieses kassandrahafte Raunen wollen wir geflissentlich überhört haben. Der ebenso legendären wie unverwüstlichen Märchenerzählerin, die seinerzeit schon die Kinder an der Landi 1939 erfreute, möge noch ein langes Leben beschieden sein – ebenso wie dem Zirkus Nock.

Der Zirkus Nock gastiert bis Mittwoch, 23. Juni, auf der Berner Allmend. Ticketcorner 0900 800 800; www.nock.ch

Der Bund

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