Denkmalpflege öffnet ihre Schatzkiste

Seit Anfang Jahr ist das Bauinventar der Aussenquartiere der Stadt Bern im Internet einsehbar. Der stellvertretende Denkmalpfleger Roland Flückiger sieht darin eine Dienstleitung mit wissenschaftlichem Wert.

Roland Flückiger, stellvertretender Denkmalpfleger, blättern in den Büchern, die nun im Internet zugänglich sind. (Manuel Zingg)

Roland Flückiger, stellvertretender Denkmalpfleger, blättern in den Büchern, die nun im Internet zugänglich sind. (Manuel Zingg)

Herr Flückiger, das Bauinventar der Stadt Bern umfasst – ohne die untere Altstadt – dreizehn Folianten mit etwa 4000 Seiten. Fast 3468 Gebäude sind darin aufgeführt, ihr Lehrling hat nachgezählt. Von einem Tag auf den andern steht alles im Netz. Ging das über Nacht?

Nein, wir haben zehn Jahre daran gearbeitet. Die Sache war aufwendig, manchmal sind wir fast verzweifelt. Aber jetzt haben wir die beste Lösung. Die Daten sind als PDF-Dateien greifbar, wir haben ein einheitliches Layout und eine Volltextsuche. Das ist sicher einzigartig in der Schweiz.

Warum haben Sie die Daten überhaupt ins Netz gestellt?

Es erleichtert uns die Arbeit. Das Inventar war ja schon vorher öffentlich, man musste die Objektblätter aber bei uns bestellen. Durch den umfassenden digitalen Zugriff ergeben sich zudem neue Nutzungsmöglichkeiten. Für die Forschung ist das phänomenal. Das Gesamtwerk eines Architekten in Bern lässt sich mit einer einzigen Suchanfrage erfassen. Zu jedem der dreizehn Stadtteile gibt es eine hervorragende, nach wissenschaftlichen Kriterien geführte Quartiergeschichte mit Bildteil. Andere machen daraus ganze Bücher, bei uns ist es eine Dienstleistung.

Wie hoch sind die Kosten?

Die Eigenleistungen mitgerechnet, weit unter 200'000 Franken. Wir konnten auf die Arbeit von Zivildienstleistenden zurückgreifen.

Das veröffentlichte Inventar bezieht sich auf die Aussenquartiere. Wird das etwas daran ändern, dass sich die Liebe zu Bern auf das Unesco-Welterbe konzentriert?

Ich nehme eine grosse Wertschätzung der Bernerinnen und Bernern für die Quartiere ausserhalb der Altstadt wahr.

Das gilt nicht für alle Stadtteile. Nicht jeder erkennt die Schönheit von Bümpliz.

Zu Unrecht. Allein in Bümpliz kann man eine durchgehende Architekturgeschichte vom Hochmittelalter bis zum 20. Jahrhundert schreiben.

Sieht man sich die Objektblätter an, fallen denkmalpflegerische Schwerpunkte auf: Historismus, Neues Bauen, Corbusier. Stimmt dieser Eindruck?

Ja, nimmt man Jugend- und Heimatstil noch dazu, die durch den Architekten Karl Indermühle gerade für Bümpliz sehr wichtig waren. Die Dominanz des Historismus kommt daher, dass Bern in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stark gewachsen ist. Es wurde Bundesstadt, und so wurden repräsentative Wohnbauten wichtig. Daneben haben wir in den Industriequartieren wie der hinteren Länggasse auch wertvolle Arbeitersiedlungen. Grundsätzlich ist es die Aufgabe der Denkmalpflege, zu erkennen, was wertvoll ist, das dann zu erhalten und eine Generation weiter zu bringen. Aber die Ansichten ändern sich. Bis in die 1970er Jahre hat man den Historismus nicht geschätzt, vieles wurde abgerissen, etwa im Kirchenfeld. Aus dem Widerstand dagegen ist die Denkmalpflege überhaupt erst entstanden.

Schlagzeilen macht sie heute nur noch, wenn es Streit gibt.

Ja, dabei laufen die allermeisten Geschäfte reibungslos. Uns ist daran gelegen, für jedes Objekt eine vernünftige Nutzung finden. Das Schlimmste ist, wenn ein Haus leer steht. Wichtig ist, Brüche zu verhindern und der bestehenden Substanz Respekt zu zollen. Das ist bei vielen Gebäuden in Bern, gerade alten Industrieanlagen, gut gelungen.

Es gibt auch andere Beispiele. Die obere Altstadt ist Kulisse.

Man hat aus Fehlern gelernt. Die Migros Marktgasse ist die letzte Sünde dieser Zeit. Seither dürfen Gebäude nicht mehr ausgehöhlt werden.

Das Bauinventar bezieht auch die Nachkriegsarchitektur mit ein. Ist sie alt genug, um geschützt zu werden?

Die Nachkriegsarchitektur wird zu schnell alt. Ein Haus aus dem 19. Jahrhundert steht 100 Jahre, ohne dass man viel daran machen müsste. Neue Architektur funktioniert anders. Sie ist fragil und verfällt. Eines Tages werden wir mehr gute Gebäude aus der Gründerzeit als aus den 1950er-Jahren haben.

Noch kann man sich schlecht vorstellen, dass sich die Leute für Nachkriegsarchitektur wehren würden, das Tscharnergut einmal ausgenommen.

Ja, es scheint, als müsse man lernen, das, in dem man aufgewachsen ist, schön zu finden. Ich musste mich daran gewöhnen, Möbel aus den 1950er Jahren in der Brocante zu sehen. Unterdessen kaufe ich sie selber teuer zurück.

Der Bund

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